• Die blaue Stunde, trauriges, lebendiges Beirut

    I n einer Seitenstraße finde ich einen Tabakladen mit Getränken, Süßigkeiten und Zeitungen. Draußen stehen Plastikstühle. Eine ältere Frau sitzt am Tisch und trinkt Kaffee aus einem winzigen Pappbecher. Ihr Haar scheint frisch onduliert. Neben ihr ein Mann, er könnte ihr Sohn sein, mit einer Dose Pepsi. Er trinkt durch einen Strohhalm, Zigaretten und Handy liegen griffbereit auf dem Tisch. Als er den Tisch verlässt, schaut die Frau nach, ob in der Dose noch etwas drin ist. Der Mann aus dem Laden kommt heraus, räumt den Tisch ab.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die wenigen Reiseführer, die es über Beirut gibt, sparen das Viertel in dem ich gerade bin, völlig aus. Es heißt Zokak el-Blat, die gepflasterte Straße. Von der Mittelmeerküste aus betrachtet, befindet es sich direkt hinter dem Märtyrerplatz, auf der Demarkationslinie, die Ost- und West-Beirut voneinander trennt. Ein paar hundert Meter weiter ist das Grand Serail, das Hauptquartier des libanesischen Ministerpräsidenten. Auch wenn in unmittelbarer Nähe des Tabakladens keine Regierungsgebäude sind, wage ich nicht zu fotografieren. Überall hängen Plakate von schiitischen Märtyrern und Porträts von Hisbollah-Führern. Lange schwarze Stoffbahnen mit weißer Schrift, horizontal drapiert, umspannen die Gebäude wie Schleifenbänder. Grün sehe ich auch, es ist die Farbe des Islam. Zokak el-Blat ist ebenso der Sitz des griechisch-katholischen Patriarchats und wird daher in der Umgangssprache »al-Batrakieh« genannt. Vor den zahlreichen kleinen Geschäften arbeiten Tischler unter der jetzt milden Sonne und restaurieren Möbel. Es gibt Gemüse- und Obstläden, auch Imbisse, aber ohne westliches Flair. Ganz anders als in dem Viertel, in dem ich wohne. Da ziehen die Restaurants, Bars und kleinen Cafés internationales Publikum an. Überall werden drei Sprachen gleichzeitig gesprochen, English, Französisch und Arabisch in einem Satz. Die Leute von al-Batrakieh findet man hier nicht. Wie man sich umgekehrt in Batrakieh keinen Ort wie das Electric Bing Sutt vorstellen könnte: eine Bar in einem Gewölbe der alten Häuser in der Rue Gouraud, die nur mit roten, gelben und pinken kantonesischen Neonbuchstaben beleuchtet ist. Asiatische Fusion-Drinks und Snacks gibt es hier. Es ist einer der vielen Läden, die vor kurzem eröffnet haben. Alles verschiebt sich und bleibt beweglich in Beirut. Torino Express ist gerade mal fünfzehn Jahre alt und damit die älteste Bar in dieser Straße. Sie gehört einem Deutsch-Libanesen, der mit ein paar Freunden noch andere Cafés und Bars im Viertel betreibt. Der Stress, den man spürt und der sich in den Gesichtern der Menschen in Beirut widerspiegelt, ist der unsicheren ökonomischen Lage geschuldet. Trotzdem, oder gerade deshalb, zahlen die Leute hier die hohen Preise für Cocktails und winzige Imbisse, die in Vierteln wie Gemmayze und Mar Mikhael angeboten werden. Wieder das Gegenteil in al-Batrakieh, niemand spricht hier Englisch, die Preise sind niedrig, man kommt mit Leuten ins Gespräch. Es geht auch hier immer wieder um Geld und Inflation, aber die Themen bleiben an der Basis, woher man kommt, ob es dort besser ist, wie viele Kinder man hat. Pro forma wird schließlich eine Einladung zum Tee ausgesprochen, weil es sich so gehört. Ich falle allerdings immer mal wieder darauf herein und entschuldige mich dann, dass ich eine andere Verabredung habe. Bis auf die schiitische Dekoration erscheint alles schlicht und zweckmäßig. Der Imbiss nebenan hat keinen Namen, jedenfalls keinen sichtbaren. Auf nur einem Quadratmeter werden Falafel-Bällchen frittiert und verkauft. Eine kleine Scheibe schützt das Essen vor Straßenstaub. Ich habe allerdings keinen Appetit, obwohl ich bereits mehrere Stunden zu Fuß quer durch die Stadt gelaufen bin. Auf dem Hinweg ist alles noch ganz einfach – Treppe runter, links auf die Armenia Street, die irgendwann in die Rue Gouraud mündet, über den Märtyrerplatz Richtung Stadtzentrum, Downtown Beirut, und schließlich die Küstenstraße entlang bis nach Hamra, das ist die Gegend, in der damals meine Familie gelebt hat, lange vor dem Bürgerkrieg. Die Strecke ist touristentauglich. Touristen sind auch die einzigen, die so eine Distanz zu Fuß zurücklegen würden, und ich natürlich, denn obwohl ich in dieser Stadt geboren wurde, bin ich hier fremd und bewege mich auf weitgehend unbekanntem Terrain. Auf dem Weg zurück umgehe ich die küstennahe Region. In Time Out schreibt jemand: »Watch with dismay as chain-smoking drivers blast out Arabic oldies and zig-zag their death-defying way through Beirut’s Kamikaze traffic.« Das kann ich nicht bestätigen. Ich habe nicht einen Taxifahrer rauchen sehen. Mein letzter Taxifahrer hatte zwar eine Zigarette im Mund, aber er hat sie nicht geraucht. Und mit Kamikaze hat der Verkehr von Beirut nichts zu tun. Es ist so, dass in diesem Flow (lesen ...)
  • Sankt Petersburg – Petrograd – Leningrad. Überlegungen zu einer Geschichte diesseits des Großen Oktober

    Als ich vor ein, zwei Jahren Freunde und Kollegen in Petersburg darauf ansprach, was die Stadt denn zum einhundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution unternehmen würde, ob sie sich für das Jahr 2017 nicht um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ bemühen sollte, blickten die mich ziemlich erstaunt, um nicht zu sagen entgeistert an. Vielleicht hat es Petersburg einfach gar nicht nötig, sich als „europäische Kulturhauptstadt“ zu bewerben, spielt es doch in einer anderen Klasse als Kosice (Kaschau, Kasso), das Ruhrgebiet oder Tallinn. Vielleicht hatte man es auch satt, sich an dem Recycling von Jubiläen und Jahrestagen, das so oft an die Stelle wirklicher Bewegung getreten ist, zu beteiligen. Aber mein Verdacht ging in eine andere Richtung: dass die Stadt jenen Augenblick, jenen historischen Moment, in dem sie tatsächlich Hauptstadt der europäischen Geschicke im 20. Jahrhundert geworden war, nicht wahrhaben wollte, ihn verdrängte. Was sollte man mit 1917 zu tun haben, in dem die einen Jahrzehnte lang den Anbruch eines neuen Zeitalters gepriesen und die anderen den Untergang einer ganzen Welt beklagt hatten. Und wie soll man diese so gegensätzlich wahrgenommenen „zehn Tage, die die Welt erschütterten“, das Ineinander von Aufbruch und Untergang zusammenbringen! (mehr …)