An der Grenze
Geschichtsschreibung zwischen Fakt und Fiktion von Thomas EtzemüllerGeschichtsschreibung zwischen Fakt und Fiktion
Zwei Zitate
Gerhard Schulz, der Nachfolger von Hans Rothfels als Direktor des Seminars für Zeitgeschichte an der Universität Tübingen, schrieb 1976 in seiner schlanken Übersichtsdarstellung Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg: »Das System einer gelenkten Wirtschaft […] bestand einerseits aus bürokratischen, von der militärischen Führung abhängigen obersten Verwaltungsbehörden, andererseits aus den Organisationen der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, die auf Veranlassung durch das Reich Aufträge, Rohstoffe, schließlich auch Arbeitskräfte verteilten und Preise vereinbarten. Da die Durchführung stets bei den Kartellen und Syndikaten lag, zeitigten Preisfestsetzungen nur begrenzte Erfolge […] Trotz einiger Widerstände der Obersten Heeresleitung […] gelang es nicht, Gewinnsteigerung und Expansion der großen Ruhrkonzerne zu dämpfen, die sich durch Kapitalanlagen in großem Ausmaß der Kriegsgewinnbesteuerung zu entziehen suchten«. So schrieben und schreiben noch heute viele Historiker und Historikerinnen. Als »mitreißenden Stil« dürfte das niemand bezeichnen, eher als »nüchtern«, »faktual«, vielleicht sogar als »objektiv«.
Ein zweites Zitat stammt aus einem noch schlankeren Büchlein, aus Eric Vuillards Die Tagesordnung. Vuillard beschreibt das Treffen des austrofaschistischen Diktators Kurt Schuschnigg mit Hitler auf dem Berghof: »[N]un beschimpft der deutsche Kanzler Österreich, brüllt, sein Beitrag zur deutschen Geschichte sei gleich null, und Schuschnigg, tolerant und großherzig, anstatt auf dem Absatz kehrtzumachen und die Unterredung zu beenden, kramt wie ein guter Schüler verzweifelt in seinem Gedächtnis nach einem berühmten österreichischen Beitrag zur Geschichte. Mit rasender Hast und größter Verwirrung wühlt er in den Taschen der Jahrhunderte. Doch sein Gedächtnis ist leer, die Welt ist leer, Österreich ist leer. Die Augen des Führers haben ihn hartnäckig im Visier. Und was fördert er nun, von seiner Verzweiflung getrieben, zutage? Beethoven. Den guten Ludwig van Beethoven, den bockigen Tauben, den Republikaner und verzweifelten Einzelgänger […] Beethoven ist es, den Kurt von Schuschnigg, der österreichische Bundeskanzler, der kleine Rassist und hasenfüßige Adlige, aus der Tasche der Geschichte zieht und plötzlich wie ein weißes Tuch vor Hitlers Gesicht schwenkt. Armer Schuschnigg. Er bietet einen Musiker gegen den Wahn auf, die 9. Sinfonie gegen die Bedrohung einer militärischen Aggression, er bietet die drei kurzen Noten der Appassionata auf, um zu beweisen, dass Österreich sehr wohl eine Rolle in der Geschichte gespielt habe. ›So?‹, erwidert ihm Hitler mit einem unvermuteten Schnabelhieb, ›der ist in meinen Augen ein Niederdeutscher gewesen!‹ Und das stimmt […] ›Ein Wahlösterreicher‹, stammelt Schuschnigg, ›wie mancher andere.‹ In der Tat, ein Treffen zwischen Staatschefs sieht anders aus.«
Vielleicht zwei Jahre vor seinem Tod hatte Schulz mir gegenüber einmal offengelegt, so erinnere ich mich, wie er Bücher las: Er schlug im Register diejenigen Themen nach, in denen er sich auskannte, und kontrollierte dann die entsprechenden Textstellen auf sachliche Fehler. Das war Positivismus vom Feinsten, der Glaube an die »harten Fakten«, und auf diese Weise wollte er auch über meine wissenschaftssoziologische Dissertation mit mir sprechen. Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg ist deshalb über weite Strecken im Passiv geschrieben, eine Erzählerstimme fehlt vollkommen. Kein »Ich«, kein bürgerlich-behagliches »Wir«, wie es sein Kollege Thomas Nipperdey gepflegt, keinerlei Hinweis auf den, der da spricht. Nicht einmal der Text selbst wird als Sprecherinstanz vorgeschoben, kein »Der Text will zeigen, dass …«, »Er argumentiert im Folgenden, dass …«. Ich habe einen Autor gefunden, der sich noch radikaler entpersonalisiert hat, nämlich den Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger, der sich selbst in den Fußnoten zum »Verf.« anonymisierte. Das ist allerdings über sechzig Jahre her.
Vuillard dagegen ist ein preisgekrönter französischer Schriftsteller, der in schmalen Romanen Geschichte regelrecht in Szene setzt. Er scheut sich nicht vor einer dezidiert subjektiven Sprecherstimme und auch nicht davor, historische Szenen neu zu erdichten. Prüfen wir deshalb Schuschniggs Memoiren aus dem Jahr 1946, auf die sich Vuillard explizit bezog: Wir stoßen auf einen pointierten Dialog samt schlagfertiger Antwort statt eines inneren Dramas. Schuschnigg gab sich nicht ansatzweise so getrieben und so verloren, wie der Franzose ihn stilisierte. Wessen Bericht ist plausibler, Vuillards, der Geschichte in durchaus politischer Absicht zu popularisieren pflegt, oder Schuschniggs, der mit Sicherheit seine Geschichte aus persönlichen Gründen frisiert hat? Rapportiert Schuschnigg Fakten, während Vuillard einen tieferen Sinn aufblättert?
Fiktionalitätsverbot?
Ich möchte an dieser Stelle nicht erneut über die Vorzüge fiktionalen Schreibens in der Wissenschaft berichten. Mittlerweile machen das eine Reihe von Geistes- und Sozialwissenschaftlern, beispielsweise Philipp Lenhard in Café Marx, der seinen Kapiteln fiktionale, aber auf Fakten bauende reportageartige Szenen voranstellt. Oder der Althistoriker Mischa Meier, der in einer Monografie über Rom unter Nero Roman und Sachbuch zu verflechten versucht. Von daher ist es doch recht seltsam, wenn die Frühneuzeithistorikerin Barbara Stollberg-Rilinger in einem Podcast Daniel Kehlmann preist, der durch prägnante Dialoge Geschichte plastisch mache, und zugleich behauptet: »Das kann man als Historikerin natürlich nicht machen«, das sei »natürlich in der modernen Geschichtswissenschaft verboten«. Stollberg-Rilinger scheint entgangen zu sein, dass die Geschichte gerade einen Habitus hinwegzuschleifen scheint, den Gerhard Schulz und eine Mehrheit seiner Kollegen und wenigen Kolleginnen verkörperten – und der viele ihrer Nachfolger auszeichnet –, der aber schon länger durch Dissidenten in den eigenen Reihen herausgefordert worden war. Deshalb behaupte ich, dass nicht der Unterschied oder Gegensatz von »Fakten« und »Fiktionen« entscheidend ist, sondern wie die Grenze zwischen ihnen von Wissenschaftlern thematisiert wird, die mit fiktionalen Techniken arbeiten.
Die Eingangszitate sind auf den entgegengesetzten Seiten der Grenze angesiedelt. Beide sind auf ihre Weise, in ihrer Gegenüberstellung radikal. Auf der einen Seite ein sprachliches »Abbild« der Realität, die Protokollsätze eines überzeugten Positivisten, die viele Leserinnen und Wissenschaftler als gar nicht radikal empfinden, weil diese Ausdrucksweise »Objektivität« signalisiert. Auf der anderen Seite die sprachbildnerische Gestaltung der Vergangenheit, die viele Leser als fesselnd goutieren, während vermutlich die meisten Wissenschaftlerinnen sie wahlweise als nicht satisfaktionsfähig oder als unseriös empfinden, je nachdem, ob sie Vuillard als Romancier oder als Historiker lesen. So nicht, jedenfalls nicht in der Wissenschaft.