Heft 902, Juli 2024

Aufklärung und Kapitalismus (III)

Improvements /Verbesserungen von Heinrich Bosse
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Improvements /Verbesserungen

»Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.« Solche Sätze wirft Kant mir zu, mir, dem einzelnen Leser, wenn ich wissen will, was Aufklärung ist. Und wenn ich weiter wissen will, wie man das macht, so gibt er mir drei Beispiele. Dem Offizier kann es nicht verwehrt werden, über die Fehler im Kriegsdienst Anmerkungen zu machen und diese zu publizieren. Auch der Bürger handelt seiner Bürgerpflicht nicht entgegen, wenn er seine Gedanken über unschickliche oder ungerechte Steuern öffentlich äußert. Der Geistliche ist »als Gelehrter« geradezu verpflichtet, die von ihm bemerkten Fehler sowie Vorschläge wegen besserer Einrichtung des Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen. Diese drei Vertreter der ständischen Gesellschaft – des Wehrstands (Militär, Adel, Politiker), des Nährstands (Bürger und Bauern), des Lehrstands (Akademiker) – zeigen, dass sie selbst denken, indem sie konkrete Kritik an den Dingen üben, die sie angehen, und vielleicht sogar Verbesserungsvorschläge machen, wenigstens der Geistliche. Wenn man Kants Aufsatz zu Ende liest, so lobt er seinen König lebhaft dafür, dass er seine Untertanen 1784 aufforderte, den Entwurf des Preußischen Allgemeinen Landrechts zu kritisieren und »ihre Gedanken über eine bessere Abfassung« öffentlich vorzulegen.

Selbst Kant also, der Champion der Kritik, kann Kritik mit Verbesserungsvorschlägen verbinden. Tatsächlich setzt eine Verbesserung notwendig voraus, dass etwas noch nicht so gut ist, wie es sein könnte. Ohne Kritik keine Verbesserung. Aber der Satz lässt sich nicht umkehren. Man kann kritisieren, ohne zu verbessern. Der Rezensent, sagt Lessing, braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt. Insofern spielt es eine Rolle, ob wir beim Umgang mit der Aufklärung eher die Kritik in den Vordergrund stellen oder aber die Verbesserung. Ich möchte dafür plädieren, entschieden von der Verbesserung auszugehen. Solch eine neue Gewichtung könnte die Aufklärung besser als bisher (ja, es geht um Verbesserungen) mit der Geschichte der Öffentlichkeit in Beziehung setzen. Auch mit der Geschichte der Wirtschaft, also unvermeidlich mit Kolonialismus und Kapitalismus. Dabei stütze ich mich unter anderem auf Paul Slacks anregende Arbeit The Invention of Improvement (2015).

Was die Öffentlichkeit betrifft, so lautet die Frage: An wen sind die Verbesserungsvorschläge gerichtet? Wenn man Latein schreibt, dann vielleicht an alle, so wie des Amos Comenius Pansophia oder allumfassende Ratschläge für die Verbesserung der Menschheit (De rerum humanarum emendatione consultatio catholica, 1657ff.) an alle Fürsten dieser Welt gerichtet ist. Aber wer in der Landessprache schreibt, meint ein konkretes Gemeinwesen. An erster Stelle, daran ist wohl nicht zu zweifeln, stehen die Fürsten und ihre politischen Ratgeber, alle politici. So widmet Antoine de Montchrétien seinen Traicté de l’oeconomie politique (1615) ausdrücklich Louis XIII., dem minderjährigen König von Frankreich. Wie alle anderen, die »zu Eurem Ruhm und zur Vergrößerung ihres Vaterlandes« (à vostre gloire et à l’augmentation de leur Patrie) arbeiten, wie alle offiziellen Ratgeber und Räte also, möchte auch dieser Autor die Wirtschaftspolitik Frankreichs verbessern helfen. Das dient der »Augmentation«, jener schwer zu übersetzenden Mehrung (Vergrößerung, Anreicherung), welche recht eigentlich den Machtzuwachs eines Staates meint.

Genau entgegengesetzt ist die Botschaft, die sich an den einzelnen Leser oder Privatmann richtet, er möge seinen eigenen Vernunftgebrauch verbessern, wie es Christian Thomasius in seiner Ausübung der Vernunftlehre (1691) vorgemacht und Kant in seinem berühmten Aufsatz von 1784 nachgemacht hat. Texte dieser Art dienen, genau genommen, der individuellen Instruktion, indem sie sich dagegen aussprechen, das eigene Denken fremden Instruktionen zu unterwerfen.

Es müsste jedoch noch ein Drittes geben, und tatsächlich, das ist die Allgemeinheit der Politiker und Privatleute zusammen. Für diese ständeübergreifende Allgemeinheit – die wir heute »Gesellschaft« nennen würden – bietet sich in der Frühen Neuzeit der Begriff der Nation an. Dabei handelt es sich weniger um eine Abstammungsgemeinschaft als vielmehr um ein gemeinsames Wirtschaftssubjekt. Es ist die Nation, die nationale Handelsüberschüsse oder -defizite hat, weder der Fürst noch der Privatmann haben sie. Und diese Überschüsse oder Defizite werden öffentlich beobachtet, berechnet und der Verbesserung anheimgestellt. Auch die Allgemeinheit sollte im Rahmen der politischen Ökonomie die Verhältnisse, welcher Art auch immer, verbessern. Wobei materielle oder wirtschaftliche Verbesserungen eben der Allgemeinheit zugute kämen. Das wäre das »Improvement«, neben der Augmentation und der paradoxen Instruktion die dritte der drei Beratungsstrategien, die sich um 1700 zur Aufklärung bündeln. Eine für die politici, eine für die privati, eine für beide zusammen.

Vor allem England wird seit den wilden Jahren des Bürgerkriegs und der Republik (1642–1660) mit allen nur denkbaren Vorschlägen für Erfindungen und Verbesserungen (inventions & improvements) überschwemmt, wobei im englischen Begriff des »Improvement« stets die ökonomische Dimension mitzudenken ist. So gelten Andrew Yarrantons Verbesserungsvorschläge in England’s Improvement by Sea and Land (1677) der Rivalität mit den Holländern, der Rückzahlung von Schulden, Arbeitsbeschaffung für die Armen, Vermehrung des kultivierten Landes, Schiffbarmachung der englischen Flüsse und vielem anderen mehr. Hier soll es besonders um zwei spezielle theoretisch-praktische Verbesserungen gehen. Die eine betrifft kollektive geistige Arbeit, die andere – komplementär dazu – individuelle körperliche Arbeit. In beiden spiegelt sich der europäische Kolonialismus, einmal derjenige der Entdecker, einmal der der Siedler.

Zur gleichen Zeit wie der adlige Franzose Montchrétien schrieb auch ein geadelter Engländer über die Verbesserung der Verhältnisse, aber diesmal nicht im Staat, sondern im Bildungswesen. Es war Francis Bacon, ein unglücklicher politicus wie Machiavelli, erst außerordentlicher Berater der Königin Elizabeth, dann aufgestiegen bis zum Lordkanzler Lord Verulam unter James I., 1621 angeklagt und verurteilt wegen Korruption, bis zu seinem Tod (1626) ein verschuldeter, nachdenklicher Schriftsteller. Er publizierte On the Proficience and Advancement of Learning, Divine and Human (1605) und die überarbeitete Version davon lateinisch unter dem Titel De dignitate et augmentis scientiarum (1623): Über die Würde und die Mehrung der Wissenschaften. Die dazugehörigen Schritte oder Werkzeuge veröffentlichte er 1620 als Instauratio magna und darin vor allem sein Novum Organon, auf das alte Organon, eine Schriftensammlung des Aristoteles, anspielend. Darin überträgt er die Erfahrung des Entdeckerzeitalters, als die Welt scheinbar grenzenlos wurde, auf den Verstandesgebrauch in lateinischen Schulen, Universitäten und Akademien seiner Zeit. Genauer, er überträgt die Wissensorganisation der Seefahrer auf das Bildungswesen.

Zwischen 1450 und 1650 wird die Erde nicht nur beschleunigt entdeckt, sondern sie wird auch mobilisiert in Sinne Bruno Latours, ihre See- und Landgrenzen, ihre Natur- und Bodenschätze, ihre Bewohner und deren Landesprodukte werden besucht und wieder besucht, aufgezeichnet, archiviert, überprüft auf geografische und ökonomische Ergebnisse.1 Bis zum Jahr 1460 waren mehr als zweitausend Seemeilen westafrikanischer Küstenlinie in Augenschein genommen und kartografiert worden – mithilfe erprobter und zu erprobender Instrumente. Seefahrerwissen ist werkzeuggesättigt. Bei jeder neuen Ausfahrt wurden die Logbücher der Vorgänger konsultiert und verbessert, so dass ein fortlaufender Strom von Zahlen, Berichten und Bildern die Archive füllte, wodurch sich die Erfahrungsberichte in Erkenntnis verwandeln konnten. Noch heute, so schätzen die Botaniker, sind wohl einhunderttausend Pflanzenarten unbekannt und unbeschrieben – in den Zentren des vervielfältigten Wissens, wohlgemerkt, während sie vor Ort den indigenen Gemeinschaften selbstverständlich vertraut sind.

Aber dies zentralisierte Wissen ist nicht gratis, es kostet Geld. Daher sollte es auch Geldeswert wieder retournieren. Vasco da Gamas erste Indienreise hatte das Sechzigfache des investierten Kapitals eingebracht. Seefahrerwissen ist so auch Kaufmannswissen, es schafft und verteilt Kolonialwaren. Und, da es mit Herrschaft zu tun hat, ist es auch Politik. Das England Shakespeares und der Königin Elizabeth nahm an der Mobilisierung des dreifachen Wissens erfolgreich teil. Während die Flotte von einhundertdreißig spanischen Schiffen (Armada), die England erobern sollte, 1588 zugrunde ging, entfalteten sich britische Initiativen zur Erkundung und Besiedlung der Welt, zumal im katholischen Irland eine potentielle Kolonie vor der Haustür lag. Dem Seeräuberhäuptling Sir Francis Drake gelang 1577 bis 1580 die zweite Weltumsegelung nach Magalhães /Magellan. Sir Walter Raleigh versuchte seit 1578, englische Kolonisten in Nordamerika anzusiedeln, aber erst 1607 gelang in Jamestown eine Gründung der Virginia Company of London, die alsbald den begehrten Tabak anpflanzte und lieferte.

Das Bild der zeitgenössischen Entdeckungsreisen beherrscht Bacons Vorstellungen, wie Hans Blumenberg schon vor vielen Jahren in seinem Prozeß der theoretischen Neugierde (1973) erkannte. Im neuen Paradigma des Suchens und Findens, Erprobens und Erfindens gewinnt der Umgang mit Wissen Fortschritt und mit dem Fortschritt Würde. Aus Erfahrung und werkzeuggesättigter Beobachtung (experientia /experimentum) hat es sein Höchstes nicht mehr in der Theologie, sondern in der Erkenntnis der Natur (philosophia naturalis). Vor allem ist die Naturerkenntnis, die Mutter aller Wissenschaften, ein gemeinsames Menschenwerk in progress, wie die Meereskarten der Seefahrer. Bacon verheißt einen endlosen Fortschritt durch endlose Verbesserung: »the Augmentation and Propagation« [of learning and knowledge], »an endlesse progresse or proficience«, »a purpose of proceeding in melius, and not in aliud: a minde of amendment and proficience; and not of change and difference« (The Advancement of Learning). Durchaus zielgerichtet, indem er den König auf das Titelblatt seines Buches setzt und die zwei englischen Universitäten mit Reformvorschlägen behelligt.

Die Erkenntnis der Natur ist seit der Erschaffung des Menschen (Gen. 1,28) dessen Herrschaftsrecht, so Bacon, das er bewusst ausüben sollte, indem er die Natur mit Versuchen und Experimenten bedrängt, ihre Geheimnisse preiszugeben. Methodisch wie gesellschaftlich bilden seine technischen Erfindungen dabei den Angelpunkt. Die Buchdruckerkunst, das Schießpulver und der Kompass haben nicht nur das Antlitz der Erde verändert, sie haben auch, fortschrittsträchtig, zahllose weitere Erfindungen im Gefolge gehabt. Nur sollte dieser Weg, wie die Eroberungen Alexanders des Großen, zielbewusst fortgesetzt werden. »Das wahre und rechtmäßige Ziel der Wissenschaften aber ist kein anderes, als das menschliche Leben mit neuen Erfindungen und Ressourcen zu bereichern.«2 Von dem Entdeckergeist der Neugierigen profitieren die Daheimgebliebenen – durch neue Dinge und vor allem neue Werkzeuge, die ihr Leben verbessern. Um dieses menschheitliche Ziel kontrolliert zu erreichen, muss alles Wissen aufgeschrieben und mitgeteilt werden (experientia literata). Das ist bisher zu wenig geschehen, man hat unzusammenhängend und theoriefrei drauflos experimentiert oder aber Gedanken in die Luft geworfen, ohne zu handeln.

Die Entdeckungen der Kauffahrer haben andererseits das Übermaß der Erfahrungen ins Unendliche wachsen lassen. »Ins Unendliche« (in infinitum), ein grenzenaufhebendes Wort. Das Titelkupfer der Instauratio magna illustriert daher nichts anderes als den Aufbruch zu neuen Ufern. Zwischen zwei Säulen (des Herkules) fährt ein Schiff hinaus aufs Meer, am Horizont ist noch ein anderes zu sehen. In manchen Drucken wird auch die Devise des Kaisers Karl V. eingeblendet: »Plus ultra«, und noch darüber hinaus. Die Alten, erläutert Bacon, haben sich an den Sternen orientiert und sind niemals über das Mittelmeer hinausgekommen; wir Zeitgenossen aber benutzen die Magnetnadel des Kompasses und fahren wie Kolumbus auf das Unbekannte zu.

So gesehen, ist der Aufbruch »noch darüber hinaus« zugleich ein Bruch, ein Bruch mit dem Bisherigen. Sein Werk verdanke sich, sagt Bacon in seiner Widmung an den König, dem entschiedenen Misstrauen in dasjenige, was bisher Geltung erlangt habe (tantas de iis quae invaluerunt suspiciones). Ein Gleiches verlangt er auch von allen, die sich der Augmentation des Wissens widmen wollen. Der Forscher muss abstreifen, was sich vor die Dinge stellt, zum Beispiel eigene Sinnestäuschungen, aber auch das fehlleitende Gerede der anderen. Das ergibt vier Arten von fremdbestimmten Vorurteilen (praejudicia): die der Sinneswahrnehmungen, der Erziehung, der Autoritäten, der Öffentlichkeit. Erst dann, »wenn er die schlechten und tief eingewurzelten Gewohnheiten seines Verstandes durch ein zeitiges, gleichsam gesetzmäßiges Innehalten korrigiert hat, dann erst, wenn er im Vollbesitz seiner selbst ist, möge er seine eigene Urteilskraft gebrauchen«. Kein Selbstdenken ohne reflektierte Selbstreinigung und ohne reflektierte Bereinigung der Tradition.

Zeitgleich mit Bacons Überlegungen regulierte das englische Parlament den Erfinderschutz. Laut dem Statute of Monopolies (1624) war die Krone gesetzlich verpflichtet, den ersten Erfinder vor Nachahmungen seiner Erfindungen zu schützen. Außerdem führten Bacons Anstöße ganz real zu einer außeruniversitären Einrichtung. 1660 begründeten zwölf Gentlemen (Adlige und Akademiker) die Royal Society of London for Improving Natural Knowledge. Ihre Devise »Nullius in verba« ist ein Widerwort gegen das Auswendiglernen, nach dem Lateinischen des Horaz: iurare in verba magistri, auf die Worte des Lehrers schwören.

Bacon selbst führt seine Gedanken in einer Fragment gebliebenen Erzählung weiter. Auf einer geheimnisvollen Insel, so die Utopie von Nova Atlantis (engl. 1626), gibt es ein Wissenschaftsparadies der Erfinder und Ingenieure. Ein Teil der Erfindungen kommt auch den Einwohnern zugute: künstliche Mineralien als Medikamente, künstliche Nahrungsmittel und Geschmacksstoffe – die meisten Resultate aber bleiben unter sich: Tierversuche und abenteuerliche Kreuzungen neuer Säugetiere usw., künstliche Regenbogen und Lichtschwingungen, mehr als nur ein Perpetuum mobile, Tonaufzeichnungen, Fluggestelle, Unterwasserboote und natürlich viel stärkere Waffen als bekannt. Kurz, das kreative Experimentieren will Natur machen, das heißt sie erkennen und beherrschen zugleich, um gottgleich alle Dinge zu bewirken, die möglich sind. (»The End of our Foundation is the Knowledge of Causes, and Secret Motions of Things; And the Enlarging of the Bounds of Human Empire, to the Effecting of all Things possible.«)

Wenn die Grenzen der menschlichen Herrschaft (»the Bounds of Human Empire«) kontinuierlich hinausgeschoben werden, stehen die Grenzen der Welt nur vorläufig, also gar nicht, fest – für uns Europäer. Was immer die Bewohner von Atlantis erfinden, es bleibt dem Rest der Menschheit so verborgen wie die Zukunft (ausgenommen den Lesern des Berichts). Alle zwölf Jahre werden zweimal drei der Wissensverbesserer bei anderen Völkern abgesetzt, um zwölf Jahre später Informationen über deren Wissenschaften, Künste und Erfindungen sowie Bücher, Instrumente und Muster zurückzubringen. Sie wollen als Entdecker unentdeckt bleiben; sie sollen die Erfinderkultur von Atlantis bereichern, nicht aber das menschliche Leben auf dieser Erde. Geistige Ausbeutung, kein geistiger Austausch.

Darin zeigt sich die Asymmetrie von Erfindung und Entdeckung. Der Erfinder verändert, was er vorfindet (die Natur), um mit Ursachen und Wirkungen ihre Funktionsweise festzustellen (und analoga herzustellen). Der Entdecker verändert, was er gefunden hat (die bewohnte [?] Natur), um sie europäisch zu verwalten und dadurch etwas zu gewinnen, am besten Gold. Wodurch er zum Eroberer wird. Aber mit welchem Recht ernannte der spanische König Christophorus Columbus zum Vizekönig aller noch zu entdeckenden Länder? Mit welchem Recht schleppten die Portugiesen mannshohe Steinsäulen auf ihren Karavellen mit, um sie an der afrikanischen Küste besitzanzeigend aufzustellen?

Es reichte nicht, dass sich die Europäer den Barbaren, Menschenfressern und Naturkindern himmelhoch überlegen fühlten, es brauchte einen Rechtsgrund. Den lieferte zunächst der Papst aufgrund der (gefälschten) Konstantinischen Schenkung, als er die Erde nach Himmelsrichtungen zur Eroberung freigab: für die Spanier alles, was nach Westen liegt, für die Portugiesen ebenso nach Osten. Der Kirche hatten die Entdeckungen eben als Kreuzzug oder Heiliger Krieg gegolten, so in der Bulle Dum diversas (1452) von Papst Nikolaus V. Wie alles, was die Erhaltung und Mehrung (integritatem, augmentumque) des Glaubens fördert, durfte der König von Portugal sich und allen seinen Nachfolgern zum ewigen Eigentum »die sarazenischen, heidnischen und sonstwie ungläubigen und christusfeindlichen Reiche […], Burgen und sonstigen Besitztümer, bewegliche und unbewegliche Güter, wo auch immer gelegen, angreifen, erobern, bezwingen und unterjochen und deren Bevölkerung in ewige Sklaverei [in perpetuam servitutem] versetzen«.3 Auch noch mit Sündenablass für die Teilnehmer.

Die Frage nach dem Recht des Entdecker-Eroberers betrifft Grundfragen europäischer Herrschaft in der Neuzeit: die Bildung zentralisierter Staaten, ein globales Wirtschaftssystem, das auf dem Privateigentum beruht, sowie fortwährende Kriege, um das System aufrechtzuerhalten. Über die jahrhundertelange Diskussion legte sich naturgemäß der Schatten des römischen Weltreichs und seiner Juristen. Ein fremdes Land durfte erobert werden, vorausgesetzt, es handelte sich um einen »guten Krieg« mit gerechter Ursache (iusta causa) und gerechten Absichten (iusta intentio), zum Beispiel die Bestrafung nach einem Rechtsbruch. Es gab auch privatrechtlich die friedliche Inbesitznahme (occupatio) etwa von herrenlosen Dingen oder wilden Tieren in der Natur. Wer als Erster zugriff, hatte das Eigentumsrecht. Zumal in der christlichen Interpretation wurde daraus ein Urzustand, in dem alle Dinge allen gemeinsam gehörten (Urkommunismus), so dass privater Besitz erst nach Absprache oder Vereinbarung mit den anderen rechtsgültig war. Der Vorrat herrenloser Dinge oder des Vorgefundenen (der Natur) war darin begrenzt, dass es zur Aneignung die Mitsprache der anderen brauchte.4

Das hieß für die Siedlerkolonisten in Nordamerika: Kamen sie in ein herrenloses Land, in dem vertragsunfähige Barbaren herumstreiften, oder betraten sie einen Boden, der den dort Lebenden gehörte? Die Antworten fielen verschieden aus. Der Quäker William Penn erhielt das Gebiet seiner Kolonie Pennsylvanien sowohl vom englischen König (als Geschenk) wie auch von den Indianern (durch Kaufvertrag). Die Eigentümer der Provinz Carolina dagegen, gleichfalls vom König privilegiert, verboten ihren Siedlern, irgendwelchen Landkauf mit den Indianern abzuschließen.5 Der Arzt und Philosoph John Locke (1632–1704), der mit diesen Eigentümern beratend zu tun hatte, sah jedoch im Eigentumserwerb durch Übereinkommen ein unsauberes Konstrukt und entschloss sich, alle Sozialbezüge zu kappen. In der Zeit, als er die Fundamental Constitutions of Carolina redigierte (1682), arbeitete er auch eine eigene Argumentation zum Eigentumserwerb aus. Sie wurde als Kapitel V. Vom Eigentum in seinen zweiten Traktat Über die Regierung eingefügt (publiziert 1689). Darin wird der koloniale Siedler durch seine verbessernde Arbeit – nicht durch die Technik – zum Angelpunkt des modernen Kapitalismus. Schon außerhalb jedes sozialen Zusammenhangs, schon im Naturzustand, schafft er sich ein soziales Rechtsgut, das Privateigentum.

Unbestreitbar, sagt Locke, unbestreitbar hat der Mensch ein ursprüngliches Eigentum an seiner eigenen Person. Was er zur Selbsterhaltung der Person braucht und was die Erde von sich aus hervorbringt, darf er sich mit seiner Hände Arbeit nehmen. (»The Labour of his Body and the Work of his Hands, we may say, are properly his.«) Also Eicheln sammeln oder Äpfel pflücken, ja auch einen Hasen fangen. Die Arbeit ist mein, mit der ich mir etwas aus dem Gemeinbesitz aller Menschen (»the wild Common of Nature«) herausnehme, und folglich ist auch das Herausgenommene mein. Wenn wir von den Jägern und Sammlern zum Ackerbau übergehen, gilt gleichfalls: So viel Land, wie ein Mann bestellt, bepflanzt, verbessert, kultiviert und dessen Erzeugnisse er gebrauchen kann, so viel ist sein Eigentum (»As much land as a Man Tills, Plants, Improves, Cultivates, and can use the Product of, so much is his Property«). Was vorher wild und nutzlos herumlag, ist durch die Arbeit erst wertvoll gemacht worden. Und dadurch gibt Arbeit das Recht zur Aneignung.

Dieser Protoeigentümer ist natürlich eine Fiktion (fictio juris), aber es fällt doch auf, dass er, der ein gesellschaftliches Recht begründen soll, so asozial in der Welt steht. Er tritt nicht als Paar auf wie Adam und Eva, nicht mit Kindern, die ihm helfen und die er zu versorgen hätte, schon gar nicht mit seiner Sippschaft. Er jagt und erntet allein, obwohl doch gerade Jagd und Ernte zu Lockes Zeiten Gemeinschaftsarbeiten waren. Er gräbt sogar allein nach Erz, wo? auf seinem Land.6 Aristoteles hatte in seiner Politik mehrere Lebensweisen unterschieden, bei denen der Unterhalt durch natürliche Arbeit und nicht durch Tausch oder Handel erworben wird: das Leben der Nomaden, der Bauern, der Räuber, der Fischer und der Jäger. In Lockes Entwurf sind die Nomaden verschwunden wie die anderen auch – nachbleibt der Siedler, der auf die menschenleere Welt zugreift, obwohl er mit seinem Ackerbau den Lebensraum der Einheimischen kränkt.7 Amerika ist der Naturzustand: »Thus in the beginning all the world was America, and more so than that is now; for no such thing as Money was any where known« (§ 49). Der Naturzustand ist hier erstmals, im Gegensatz zur alten Okkupationstheorie, grenzenlos (räumlich) und unerschöpflich (zeitlich) gedacht. Man braucht keine Vereinbarung, weil genug da ist, auch heute noch (»there is Land enough in the World to suffice double the Inhabitants«), wäre da nicht die Geldwirtschaft. Von heute aus gesehen ein ökologischer Irrtum. Aber wichtiger – hier, an dieser Stelle, gerade weil Locke von der Geldwirtschaft absieht, berühren sich Bacon und Locke, Aufklärung und Kapitalismus wohl am innigsten: Es gibt noch so unendlich viele unbekannte Dinge in der Welt zu entdecken, zu erdenken, zu erfinden, zu erarbeiten, zu verkaufen.

Die Arbeit des Siedlers hat nichts mit der Umwelt zu tun. Woher hat er sein Saatgut? Und wenn die aufgegangene Saat (die Ernte) ihm gehört, wieso gehört ihm noch das Erdreich, darin sie gewachsen ist? Auch der Apfelbaum ist ja nicht sein, nur weil er sich einen Apfel genommen hat. Lockes Zeitgenossen berechneten die Produktionsfaktoren halb und halb, mit einem klassischen Vergleich: Die Erde ist die Mutter, menschliche Arbeit ist der Vater der Ernte. Locke dagegen schätzt, dass das Vorgefundene (die Natur) höchstens zu einem Zehntel an der Ernte beteiligt ist, ja wenn man die kulturelle Verflochtenheit aller Arbeitsvorgänge (»owing to labour and industry«) bedenkt, höchstens zu einem Hundertstel. Nur ist die Verflochtenheit von Fleiß und Arbeit hier ganz ohne die Mitarbeit des Feuers gedacht.8 Wem gehört schon das Feuer?

Das Wachstum zwischen Himmel (Wetter!) und Erde ist also zu 99 Prozent menschengemacht, die Natur kann außer Betracht bleiben; sie ist in unbearbeitetem Zustand recht eigentlich bloß Rohstoff, wüst und leer (»waste«), aber immerhin: grenzenloser Rohstoff. Solcherart erhält die aristotelische Frage nach dem Verhältnis von Materie und Form eine überraschende Antwort: »Nature and Earth furnished only the almost worthless Materials« (§ 43). So gut wie wertlos ist das unbearbeitete Land, weil erst die Bearbeitung Wert schafft. Dieser Wert ist freilich nicht der Gebrauchswert für den Eigentümer, der davon subsistieren müsste, sondern der Tauschwert auf dem Markt (Preis) – verborgen in der Formulierung, dass es um das Wohl oder den Nutzen (»benefit«) der Menschheit geht. Wer demnach Land bestellt und sich dadurch aneignet, verringert nicht den gemeinsamen Vorrat der Menschheit (»the common stock of mankind«), sondern vergrößert ihn sogar um ein Vielfaches. Das lässt sich auch beziffern. 1000 unkultivierte Acres in Amerika kommen der Menschheit weniger zugute als 10 wohlbestellte Acres in Devonshire. Ein Acre, der in England 20 Bushel [etwa 500 Kilogramm] Weizen erbringt und damit 5 Pfund, würde wohl auch einem Indianer ebenso viel Weizen verschaffen – aber keinen Penny, weil der Indianer (anders als der Siedler) außerhalb von Kultur- und Handelsbeziehungen lebt.

So gesehen, redet Locke nicht so sehr über die Arbeit, sondern vielmehr über die Produktion. Von der körperlichen Arbeit kommen wir über das Eigentum zu den Agrarprodukten. Das darf man wohl einen historischen Wendepunkt nennen. Die abendländische Verachtung der Handarbeit, die biblische Mühsal »im Schweiß deines Angesichts« ist nobilitiert zur Wertschöpfung in der europäischen Menschheit. Das wird im 18. Jahrhundert in der Wertschätzung des Bauern (Volksaufklärung) ausbuchstabiert. Jene Glättungen und Vereinfachungen, die Locke bei der Analyse der ersten Aneignung vornimmt, haben eine Funktion. Sie sparen agrikulturelle und werkzeugtechnische Zusammenhänge aus, um die Arbeit im handelskulturellen Kontext wiederzufinden. Wenn wir den Philosophen Locke ernst nehmen wollen, müssen wir die Geschichte des Kapitalismus mit der Landwirtschaft beginnen lassen, nicht mit den Maschinen.

Der Protoeigentümer erarbeitet agrarische Waren. Vorausgesetzt, er hat dabei das Land verbessert, indem er es zum Beispiel bepflanzt und gedüngt hat. Eine Verbesserung, die ihrerseits wieder Arbeit oder Geld gekostet hat, so dass sie produktionstechnisch als Investition aufzufassen ist.9 Das ergibt die kapitalistische Übersetzung von »Improvement«: investieren, um den Marktwert zu steigern. Der dazugehörige Markt ist nicht der Treffpunkt lokaler Bedürfnisse, sondern der koloniale Weltmarkt. Denn die Anpflanzungen (Plantagen) der Kolonien haben überhaupt erst vorgeführt, wie man die Natur für den Export heranzieht.

Im Vorbeigehen gibt Locke noch einen Hinweis für die Fürsten: Wahre Regierungskunst besteht nicht nur darin, das Land zu erweitern, sondern vor allem darin, es recht bewirtschaften zu lassen. Einer seiner Zeitgenossen, Sir William Petty (1623–1687), ein Gründungsmitglied der Royal Society of London und Landvermesser in Irland, wodurch er zu Ruhm und Reichtum kam, Petty also ging sehr viel weiter und legte dem König James II. seinen Plan vor (mit Kostenvoranschlag), die Bevölkerung Irlands nach England umzusiedeln; erstens, um die irischen Kolonialprobleme ein für allemal zu lösen, vor allem aber, um das englische Nationaleinkommen zu erhöhen. Nationaleinkommen? Ja, Pettys penible Schätzung entspricht dem, was heute das Bruttosozialprodukt ist.10 Er hatte errechnet, dass das nationale Einkommen aus menschlicher Arbeit viel höher lag als das aus anderen Quellen, so dass man Arbeit nun auch besteuern dürfte oder sollte.

In der Widmung des Umsiedlungsplans an den König erklärte Petty wie üblich, das Projekt diene dem Ruhm des Königs und dem Glück der Untertanen (»to your Majesty’s Glory and Greatness, and the Happiness of your People«). Zusätzlich betonte er sein persönliches Interesse an Dingen, deren Komplexität auf Zahl, Gewicht und Maß reduziert werden könne (»puzzling and perplext Matters, that may be brought to Terms of Number, Weight and Measure«). Der haarsträubende Plan wurde dem König vorgelegt, aber erst 1899 publiziert. Dennoch halte ich Pettys seinerzeit unveröffentlichte Worte für eine Geheimformel der Aufklärung. Sie stammen aus dem biblischen Buch der Weisheit (Kap. 11, Vers 21): »Aber du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet«, dem locus classicus göttlicher Rationalität. Erstaunlicherweise sind sie nicht weniger wichtig als Kants Beantwortung der Frage, was Aufklärung sei. Denn auch sie sind Aufklärung, und zwar zahlenbasierte Aufklärung. Petty verband das Interesse an Steuerfragen mit Bevölkerungsstatistiken und las seine, natürlich dem König gewidmeten (»better to praise and magnifie Your Majesty«), Five Essays in Political Arithmetick erst in der Royal Society vor, bevor er sie englisch und französisch 1687 in London drucken ließ.

Politische Ökonomie kann uns helfen, die Aufklärung zu verstehen. Die beratende Kommunikation mit den Herrschenden ist einer ihrer wesentlichen Bestandteile. Ebenso die Mathematisierung der Welt. Anton Tantners Erkenntnis, die Erfindung der Hausnummern unter Maria Theresia, die alle Wohngebäude, Paläste wie Hütten, numerisch egalisierten, sei eine der größten Innovationen des Aufklärungsjahrhunderts – dies Bonmot ist, wie mir scheint, ohne Echo verhallt. Wer würde abstreiten wollen, dass es sich dabei um eine Verbesserung der Verhältnisse handelt?

Anmerkungen

1

Bruno Latour, Science in Action. How to follow scientists and engineers through society. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 1987.

2

Francis Bacon, Neues Organon. Lateinisch – Deutsch. Hrsg. v. Wolfgang Krohn. Hamburg: Meiner 1990. Teilband I, Aph. 81: »Meta autem scientiarum vera et legitima non alia est, quam ut dotetur vita humana novis inventis et copiis.« (Übersetzung H. B.) Das Wort »copiis« umfasst zahlreiche Bedeutungen: Fülle, Menge, Reichtum, Schatz, Vorräte, Lebensmittel, Truppen, Fähigkeiten und Möglichkeiten.

3

Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung. Eine Sammlung päpstlicher Dokumente vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. (Originaltexte mit Übersetzung). Hrsg. v. Arthur Utz u. Brigitta Gräfin von Galen. Bd. II. Aachen: Scientia Humana 1976.

4

Ich folge hier der Argumentation von Manfred Bröcker, Arbeit und Eigentum. Der Paradigmenwechsel in der neuzeitlichen Eigentumstheorie. Darmstadt: WBG 1992.

5

David Armitage, John Locke, Carolina, and the »Two Treatises of Government«. In: Political Theory, Nr. 32/5, Oktober 2004.

6

Der Goldrausch in Kalifornien (1848ff.) gab den Erzgräbern und Goldwäschern letztlich Recht gegenüber allen Eigentumsansprüchen, die der Schweizer Johann August Sutter mit seiner Kolonie Neu-Helvetien begründet hatte, wie Blaise Cendrars (L’Or, 1925) und Stefan Zweig (Sternstunden der Menschheit, 1927) erzählen.

7

Amitav Ghosh versteht die kränkenden und krankmachenden Umweltveränderungen der Siedler geradezu als eine Form des Krieges. Amitav Ghosh, Der Fluch der Muskatnuss. Gleichnis für einen Planeten in Aufruhr. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. Berlin: Matthes & Seitz 2023.

8

Peter Sloterdijk, Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung. Berlin: Suhrkamp 2023.

9

Vgl. die Geschichte des Schweizer Bauern Kleinjogg im 18. Jahrhundert bei Heinrich Bosse, Aufklärung und Kapitalismus (II). Kaufmännisches Rechnen. In: Merkur, Nr. 856, September 2020.

10

William Petty, A Treatise of Ireland [geschr. 1687]. In: The Economic Writings of Sir William Petty. Hrsg. v. Charles Henry Hull [1899]. Bd. II. Reprint London 1997.

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