Die Postkarte verschwindet
von Jan von BrevernNach der Natur
Die Postkarte ist dabei, zu verschwinden. Zwar findet man noch vereinzelt die Ansichtskartendrehständer vor den Kiosken in Venedig oder Paris. Aber zunehmend wirken sie wie Relikte aus der Vergangenheit. Die Entscheidung, eine der Karten aus ihrer Halterung herauszunehmen, sie zu bezahlen, zu beschriften, zu frankieren und in einen Briefkasten einzuwerfen, fällt zumindest mir immer schwerer. Die letzten beiden Karten, mit denen ich das gemacht habe – einmal in Havanna, zuletzt in Masserberg im Thüringer Wald – haben ihre Empfänger nie erreicht; vielleicht ein Zeichen dafür, dass auch die Post das Interesse an der Postkarte verloren hat. Zwar beging die Deutsche Post 2020 noch das Jubiläum »150 Jahre Postkarte« mit der Nachricht, im Vorjahr knapp 150 Millionen Postkarten befördert zu haben. Aber sie verschwieg dabei, dass dies nur noch ein Bruchteil früherer Versandzahlen war. »Nach wie vor gilt: Urlaubszeit ist Postkartenzeit«, wie die Post frohgemut verkündete, gilt eben nicht mehr nach wie vor. Wer heute eine Ansichtskarte verschickt, macht das vermutlich im Bewusstsein, etwas sehr Altmodisches zu tun.
Aber vielleicht ist die Postkarte schon viel länger ein nostalgisches Objekt? In der Fotografie von Luigi Ghirri, aufgenommen 1978 in Südtirol, wirken die Ansichtskarten eines Dolomitensees in den für den italienischen Fotografen typischen blassen Farben so, als würden sie bereits seit vielen Jahren auf Käufer warten (Abb. 1). Eine Landschaft aus Bergen, Wasser und Kiefern ist hier auf ewig in Bildern konserviert, mit leichten Variationen: Mal steht die Kiefer mittig, mal links im Vordergrund (Bob Ross würde bemerken, dass der Baum »einen Freund« brauche, und kurzerhand einen zweiten hinpinseln).
Abb. 1: Luigi Ghirri, Lago di Braies, Fotografie, 1978. © Eredi di Luigi Ghirri
Als Bildmedium bestätigt die Ansichtskarte, dass sich nichts verändert hat, und sie lässt einen hoffen, dass sich auch nichts verändern wird. Sind deshalb Karten mit historischen Motiven besonders attraktiv? Bei unseren Sommerurlauben am Gardasee, zu denen das Kartenschreiben selbstverständlich dazugehörte, fischten wir Jugendlichen jedenfalls immer gerade die Ansichtskarten aus den Ständern, die uns uralt vorkamen. Kleine, leuchtendrote Fiats fuhren darin leere Uferstraßen entlang. Die Fotos mussten aus den 1960er Jahren stammen, aber die Postkarten wurden wahrscheinlich laufend nachgedruckt. Man lernt früh, dass der Stau auf der Uferstraße, durch den man sich selbst gerade zum Supermarkt quält, auf Postkarten nichts verloren hat – oder andersherum, dass die Postkarten eine bessere Version des Ortes zeigen, an dem man sich gerade befindet. Dass man sich weder von diesen Postkartenidyllen den Urlaub vermiesen ließ noch von den vielen »boring postcards«, deren Allgegenwart erst Martin Parr wieder ins Gedächtnis gerufen hat, ist eigentlich eine erstaunliche kognitive Leistung des modernen Reisenden.
Das Generische, Bob-Ross-hafte der Ansichtskarte hat sie schon früh zum Gegenstand kulturkritischer Überlegungen gemacht. Für Enzensberger war sie ein Beweis dafür, dass die Reise »von vornherein Reproduktion« sei, dem Reisenden »nur Abklatsch« zuteilwerde. Wie die Reisefotografie hindere sie ihn letztlich an der Wahrnehmung. John Urry beschrieb in seinem 1990 erschienenen und seitdem mehrfach neu aufgelegten Klassiker The Tourist Gaze eindrücklich, wie sich Ansichtskarten, zusammen mit anderen Bildmedien, zwischen die Reisenden und die Welt schoben. Mehr als die auf Ansichtskarten zu findenden »Wahrnehmungsstereotypen« interessierten den Touristen, der ohnehin auf der »Flucht vor der Zivilisation« sei, gar nicht, fiel Karin Walter ein paar Jahre später in den Chor ein.
In solchen Einschätzungen scheint sich Jonathan Cullers 1981 geäußerte Vermutung zu bestätigen: »The tourist, it seems, is the lowest of the low. No other group has such a uniformly bad press.« Man selbst ist natürlich Reisender, eine ganz andere Form des Daseins, die es einem gestattet, sich von den gewöhnlichen Touristen zu distanzieren – die schon Stendhal 1826 in Florenz gehörig auf die Nerven gingen. Das wahre Zeitalter des Reisens hingegen wurde, so Culler, seit Beginn der Moderne in die Vergangenheit verlegt. Und er ergänzt: »This repetition and displacement of the opposition between tourist and traveler suggests that these are not so much two historical categories as terms of an opposition integral to tourism.«
Ansichtskarten wie die auf Ghirris Fotografie waren ein Medium dieser integralen Opposition: Sie erlaubten es dem Touristen, sich selbst als authentischen Reisenden zu erleben (der sich nach der Zeit sehnt, in der er die Orte, die er so liebt, für sich alleine hatte) und die anderen Touristen (die nichts Besseres zu tun haben, als massenhaft kitschige Postkarten nach Hause zu schicken) der Unauthentizität zu verdächtigen. Die Postkarte reproduziert diese Opposition in sich selbst: Es gibt die authentischen Karten der Vergangenheit und solche, die nur zur gegenwärtigen Kulturindustrie gehören. Als Walker Evans 1941 einen Postkartenständer in Florida fotografierte, gehörte die »picture postcard« mit ihren Motiven amerikanischer Kleinstädte für ihn bereits zu einer vergangenen Zeit. In einem Artikel, den er 1948 für Fortune schrieb, fragte er: »What has become of the frank, five-a-nickel postcards that fixed the images of all these things?« Die »aufrichtigen« Karten der Vergangenheit waren Evans zufolge durch ästhetisch minderwertige Massenware ersetzt worden. Das »goldene Zeitalter der Postkarte« – ein stehender Begriff unter Postkartensammlern – lag in unerreichbarer Vergangenheit. Evans wurde selbst zum passionierten Sammler alter Postkarten.