Die Renaissance des Mythos im Anthropozän
von Jonas GrethleinZum festen Repertoire der Kulturkritik der Nachkriegsmoderne gehörte bis weit in die 1970er Jahre hinein die Klage über das unaufhaltsame Verschwinden des antiken Mythos. George Steiner etwa diagnostizierte 1961 in Der Tod der Tragödie: »Wo die toten Götter ins Licht der modernen Scheinwerfer gerufen wurden, brachten sie den Geruch der Verwesung mit.« Ein Jahrzehnt später glaubte Karlheinz Stierle, »die eigentlich moderne Schwundstufe klassischer Mythologie« im »Nachleben ihrer Namen in den Benennungen der modernen Reklame« ausgemacht zu haben.
Bereits damals hätte die umfangreiche Rezeption antiker Mythen in der Kunst und Literatur der DDR skeptisch gegenüber diesem Abgesang stimmen können. Die gegenwärtige Renaissance mythischer Sujets erweist ihn vollends als verfrüht. Der Erfolg von Christoper Nolans Kinofilm The Odyssey, der allein am ersten Wochenende über 250 Millionen Dollar einspielte, ist nur eines von vielen Beispielen für ein neu erwachtes Interesse am Mythos. Das Antikenprojekt Anthropolis am Hamburger Schauspielhaus (2023), eine Inszenierung des Thebanischen Sagenkreises in vier Stücken, gehört zu den am meisten diskutierten Theaterprojekten der letzten Jahre in Deutschland. Die Fantasy-Buchreihe Percy Jackson und Romane wie Madeline Millers The Song of Achilles (2011) und Circe (2018) sind Bestseller. Das Personentableau der Computerspiele Hades, God of War und Age of Mythology umfasst die olympischen Götter, die ihr Unwesen auch in der satirischen Netflix-Serie Kaos treiben dürfen. Während das neue KI-Startup von Jeff Bezos den Namen des Prometheus trägt, wurde Trump als Herkules im Kampf gegen die Hydra des »Deep State« karikiert.
Diese Liste illustriert die Bandbreite der gegenwärtigen Mythenrezeptionen – die antiken Götter und Helden haben nicht nur die Genres der Hochkultur zurückerobert und in den Medien der Populärkultur neue Heimaten gefunden, auch in Politik und Wirtschaft begegnet man ihnen. Es ist kein Zufall, dass die Mehrzahl der hier genannten Rückgriffe auf den antiken Mythos aus der anglophonen Welt stammt. Ein wichtiger Grund für die starke Präsenz des Mythos vor allem in Nordamerika dürften die akademischen Curricula sein. Kurse zur griechischen Mythologie haben einen festen Platz an den US-amerikanischen und kanadischen Universitäten und werden von Studierenden fächerübergreifend belegt. Die meisten Nordamerikanerinnen und -amerikaner, die auf dem College waren, kennen die homerischen Epen und haben die eine oder andere Tragödie in Übersetzung gelesen.
In Deutschland fehlt diese Vertrautheit mit der antiken Mythologie. Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums sind schon seit langem kein Konfirmationsgeschenk mehr, und an den Universitäten werden Homer & Co. nur in den kleinen Seminaren für Klassische Philologie von einer schwindenden Zahl von Studierenden gelesen. Aber die globale Unterhaltungsindustrie spült die anglophonen Mythenadaptionen nach Deutschland. Nolans Odyssee-Film füllte auch in Berlin, Erfurt und Braunschweig die Kinos und wurde in den Feuilletons ausführlich diskutiert. Früher eine Domäne des Bildungsbürgertums, das seine Kinder aufs humanistische Gymnasium schickte, verdankt der antike Mythos heute seine Präsenz neben dem Stadttheater vor allem der amerikanischen Populärkultur.
Die Antike als Erbhof der Rechten
Die Debatte um Nolans The Odyssey indiziert die Politisierung des antiken Mythos, genauer: seine Instrumentalisierung durch die Rechte. Die Kritik an der Besetzung von Rollen mit schwarzen und Transgender-Schauspielern ist Teil des Kulturkampfes in den USA und richtet sich gegen »woke« Diversitätsprogramme. Elon Musk kündigte sogar an, Nolans Film mit Hilfe seiner KI Grok eine »historisch korrekte« Version der Odyssee gegenüberzustellen. Ob nun historische Korrektheit die reaktionäre Antwort auf die politische Korrektheit der Linken ist oder nicht, die hermeneutische Naivität derartiger Polemiken gegen Nolan liegt offen zutage: Jede Rezeption, jede Adaption versetzt einen Mythos in einen neuen Horizont. Man mag Anstoß an einer spezifischen Perspektive nehmen, um eine Neuperspektivierung kommt man nicht herum. Die Kritik an einer schwarzen Schauspielerin als nicht dem Original entsprechend entlarvt sich insofern selbst, als Hautfarbe in der Antike eine weitaus geringere Rolle spielte und im Allgemeinen nicht Grund für Diskriminierung war. Wenn in der Odyssee Athene Odysseus in seine alte Gestalt zurückverwandelt, dann macht sie seine Haut sogar dunkler oder schwärzer.
Bemerkenswert ist, dass die amerikanische Rechte sich nicht einig ist in ihrem Urteil. Während Musk und andere Nolans Film verurteilen, lobt ihn Ben Shapiro, der Gründer und Chefredakteur der Nachrichtenseite The Daily Wire, als »masterpiece«: »A lot of conservatives are missing the Biblical forest for the woke trees in Nolan’s Odyssey … The Odyssey is an apologia for Christian morality poured into a Greek vase.« Der Film, so Shapiro, verteidige zentrale zivilisatorische Werte wie Ehe und Familie, Pflicht und Verantwortung. Sowohl an Shapiros Bewertung als auch an der Kritik an Nolans Besetzungspolitik zeigt sich, dass die nordamerikanische Rechte im antiken Mythos eine weltanschauliche Quelle sieht. Versionen, die die eigenen Werte widerspiegeln, werden glorifiziert, Adaptionen, die im Widerspruch dazu stehen, dämonisiert.
Guillaume Durocher, Autor eines Buches zur Biopolitik in der Antike, interpretiert in einem Essay im Occidental Observer Odysseus als Modell für den weißen Mann heute: »Odysseus provides a model of personal behavior and kingship, characterized by determination, pragmatism, cunning, and ruthlessness.« Im Sirenenabenteuer, das seit der Antike allegorische Deutungen angezogen hat, sieht Durocher eine Metapher für die Gefahr, dass der weiße Mann sich selbst verliert, seine Grenzen und natürliche Verankerung vergisst und nach verbotenem Wissen strebt: »While recognizing the value of such drive, the lesson of the Odyssey is clear: the most valuable thing you have in this world are your honor and your people.« Durochers undialektische Sirenen-Interpretation illustriert, dass die mythischen Helden für viele rechte Denker in den USA zeitlos gültige Werte und Tugenden verkörpern.