Gute Formen, schlechte Formen
Zur Infrapolitik ästhetischer Theorie in der Gegenwart von Carlos SpoerhaseZur Infrapolitik ästhetischer Theorie in der Gegenwart
The difficulty of distinguishing […] good and bad forms
Robert B. Pippin
Topicality
Wenige Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Geisteswissenschaften haben in den letzten Jahren für so viel Furore gesorgt wie John Guillorys Professing Criticism. Die umfangreiche Studie über die Geschichte der angloamerikanischen Literaturwissenschaft, die ihrem Autor sogar eine Home Story in der New York Times einbrachte, stieß auch jenseits fachinterner Debatten auf große Aufmerksamkeit – nicht zuletzt deshalb, weil sie sich kritisch mit dem aktuellen Stand der Literaturwissenschaften befasste. In Professing Criticism äußert sich Guillory nämlich eingehend zu einer unmerklichen Politisierung vor allem der US-amerikanischen Literaturwissenschaft. Diese Politisierung ist seiner Auffassung nach mit dem Relevanzverlust der Literatur zu erklären, der sich in der Gegenwart sogar noch zuspitze.
Die Literary Studies reagieren laut Guillory auf den kulturellen Relevanzverlust ihres Untersuchungsobjekts mit einer forcierten themenorientierten Politisierung: Sie richten ihre weiterhin mit literarischen Texten befassten Interpretationsaktivitäten nunmehr an Themenfeldern aus, die in der Gegenwart politische Relevanz beanspruchen können. Dieser grundlegende Trend, der Guillory von unserer Gegenwart als einer Ära der »Topicality« sprechen lässt, hat zur Konsequenz, dass das Fach sich auf historische Epochen und literarische Genres mit vermeintlicher politischer Aktualität konzentriert. Wenn also Gegenwartsliteratur in den Literaturstudien einen immer größeren Raum einnimmt und die Prosaerzählung als Genre immer stärker ins Zentrum des Faches rückt, so hängt dies für Guillory auch damit zusammen, dass die Gegenwartsprosa es der Literaturwissenschaft besonders leicht macht, derartige politische Thematisierungen herzustellen.
Handelt es sich um Literatur aus anderen Epochen und Genres, so sind Guillory zufolge schnell präsentistische Interpretationsstrategien zur Hand, mittels derer das historische Material mitunter recht unvermittelt mit politischen Gegenwartsproblemen verknüpft werden kann. Guillory beobachtet zudem, dass aus den interpretationsanleitenden »political topics« neue Spezialisierungen innerhalb der Literaturstudien entstehen, die sogar als eigene »studies« ganz aus der Disziplin ausgegliedert werden können. Wenn man Marx’ 11. Feuerbachthese variieren wollte, könnte man – über Guillory hinausgehend – sagen, dass unsere Ära der politischen »topicality« von der Grundannahme beherrscht ist, man verändere die Welt, indem man Literatur nur verschieden interpretiere.
Gegensatzpaare
Es lässt sich nicht leugnen, dass der Poststrukturalismus als eine Kritik an Binarismen eingesetzt hat. Zugleich ist aber unübersehbar, dass sich große Teile der Literaturtheorie, wie sie etwa in Nordamerika im Anschluss an die poststrukturalistische Wende betrieben wurde und wird, als eine – mal kritischere, mal weniger kritische – Operationalisierung von Binarismen verstehen lassen. Diese haben sich auch für das als anschlussfähig erwiesen, was ich als Infrapolitik der Form charakterisieren werde, nämlich eine grundlegende Form der Politisierung auf der Ebene der literaturtheoretischen Begriffsarbeit, also gleichsam auf operativer Ebene – wobei diese Form gelegentlich gar nicht als Politisierung auffallen und diskutiert werden mag.
Die Reihe an Binarismen, die in diesem Sinn in literaturtheoretischen Diskussionen gebraucht werden, ist so lang, dass ihre vollständige Nennung hier unmöglich wäre. Hier nur einige prominentere Beispiele: Ganzes und Fragmentiertes, Geschlossenes und Offenes, Ordnung und Unordnung, Formalisierung und Informalisierung, Uniformismus und Pluralismus, Monologisches und Dialogisches, Monoperspektivisches und Multiperspektivisches, Universalismus und Partikularismus, Zentrum und Peripherie, Zentrierung und Dezentrierung, Differenziertheit und Undifferenziertheit, Einfachheit und Komplexität, Eindeutigkeit und Ambiguität, Familiarisierung und Defamiliarisierung, Affirmation und Subversion, Zweckhaftes und Zweckloses, Heteronomes und Autonomes, Kontinuität und Bruch, Statik und Dynamik, Progressivität und Regressivität, Notwendigkeit und Kontingenz, Nähe und Distanz, Oberfläche und Tiefe, grand theory und weak theory, solutionism und anti-solutionism, critique und post-critique … und so weiter und so fort.
Blickt man exemplarisch auf literaturtheoretische Konstellationen, in denen derartige Binarismen bemüht wurden, so wird schnell deutlich, dass diese meistens mit asymmetrischen Wertpräferenzen versehen sind, die einer »good form« binär eine »bad form« gegenüberstellen. Diese forminterne Wertasymmetrie ist es dann auch, die die Binarismen mit einer politischen Anschlussfähigkeit auszustatten vermag. Wenn das geschlossene und das offene Kunstwerk kontrastiert werden wie bei Umberto Eco; wenn das starke und das schwache Denken einander entgegengesetzt werden wie bei Gianni Vattimo; wenn die Statik des konstituierten Werks und die Dynamik der textuellen »mouvance« kontrastiert werden wie bei Bernard Cerquiglini; wenn die Feststellung einer Textbedeutung dem ständigen Aufschub aller hermeneutischen Feststellbarkeit entgegengesetzt wird wie bei Jacques Derrida oder wenn ein dogmatischer Essenzialismus einem ironischen Kontingenzbewusstsein entgegengesetzt wird wie bei Richard Rorty, dann ist immer schon klar, auf welcher Seite des Binarismus die »good form« sich findet und sich das entsprechende Theoretisieren gleichsam grundlegend engagiert. Und es ist meistens nicht minder klar, dass diese Binarismen auch als politische Affinitätsangebote verstanden werden können. Wenn durch Leitbinarismen etwa »good forms« wie Multiperspektivität, Kontingenzbewusstsein und Ambiguitätstoleranz verfügbar gemacht werden, so erfolgt das meist schon aus der Antizipation eines politischen Affinitätspotenzials – und mag dieses auch nur in der Affinität der »good form« zu einem gängigen Verständnis einer liberal verfassten demokratischen Gesellschaftsform bestehen.