Heft 844, September 2019

Literaturkolumne

H. P. Lovecraft: Seine Welten und ihre Fans von Eva Geulen

H. P. Lovecraft: Seine Welten und ihre Fans

Aus einer fiktionalen Geschichte kann ein quasi bewohnbares Universum eigenen Rechts werden, wenn die eine über sich hinaus in andere Geschichten drängt, insbesondere solche aus anderen Zeiten und mit anderen Wirklichkeiten. Aus Geschichten werden dann Schichten, die alle irgendwie zusammenhängen, sich aber in keinem einzelnen Erzählstrang erschöpfen. Fiktion ist paradoxerweise dann besonders fesselnd und glaubhaft, wenn eine Welt unter dem Druck einer anderen, die genauso fiktional ist, ihre festen Konturen verliert und durchlässig wird.

Die jüngeren Serien seit Twin Peaks haben dieses erzählerische Wucher- und Verschachtelungsprinzip perfektioniert und werden deshalb gerne für ihre narrative Komplexität gelobt, jüngst etwa Dark, die deutsche Variante von Stranger Things. Der Erzähltypus ist sehr viel älter. In seiner Unabschließbarkeit erinnert er an die Struktur von Mythen. Heute spricht man aber lieber und vielleicht etwas zu rasch von Metafiktionalität und selbstreflexivem Erzählen. Dieses Etikett wird dem paradoxen Zusammenschluss verschiedener Welten zu einem potentiell unendlichen, aber in sich stabilen Kosmos jedoch nur einseitig gerecht. Es rechnet die unheimlichen Effekte der Durchlässigkeit heraus und prämiert stattdessen den (vermeintlichen) Durchblick der Rezipienten.

Kafkas Welt kann man sowohl unheimlich wie selbstreflexiv nennen, aber durchlässig ist sie nicht einmal im Jäger Gracchus, der als Untoter durch die Zeiten fährt. Anders dagegen Edgar Allan Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket (1838), dessen Erzähler sich auf den Spuren eines (fiktiven) Reiseberichts an den Rand der Welt begibt und dort in eine andere gerät. Das Motiv vom Buch im Buch ist vielleicht der bekannteste Kniff, durchlässige Welten zu erschaffen. Es findet sich in der Kinder- und Jugendliteratur (Michael Endes Unendliche Geschichte von 1979), aber auch im historischen Roman, etwa Umberto Ecos Krimi um den verschollenen Komödienteil der Poetik des Aristoteles in Der Name der Rose (1980). Dan Browns Da Vinci Code (2003) hat sich seiner erfolgreich bedient, und bei Stephen Greenblatt organisiert das verbotene Buch seine preisgekrönte Geschichte der Lukrez-Rezeption in The Swerve (2011).

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