Heft 850, März 2020

Literaturkolumne

Poetry on Demand: Literatur und Dienstleistung von Eva Geulen

Poetry on Demand: Literatur und Dienstleistung

Keller-Geheimnisse

Ein Profi aus der Welt der Podcasts (junge Neffen der Tante Kolumne) empfahl jüngst, sich entweder früh in aktuelle Debatten zu stürzen oder sich bedeckt zu halten, bis man im Rückblick kluge Dinge gelassen von sich geben könne. Für Handkes Nobelpreis ist es damit definitiv zu früh und längst nicht klar, ob die Zeit kluger oder gelassener Rückblicke in diesem Fall je kommen wird, soll oder kann. Aber zu Gottfried Kellers jüngst verstrichenem zweihundertstem Geburtstag lässt sich gefahrlos nachlegen. Die deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts sind derzeit eh im Aufwind: Stifter geht schon lange immer, Fontane-Festspiele waren soeben, Grillparzer-Anfragen mehren sich, Raabe wurde jüngst auch neu gewürdigt,1 und Storm erfreut sich zwar ebenfalls andauernder Beliebtheit, gehört aber nicht in dieselbe Liga.

Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Mittelstufe, die Storm begeistert aufnehmen, stehen Keller-Texten wie Romeo und Julia auf dem Dorfe oder Kleider machen Leute meistens ratlos und befremdet gegenüber. Wenn sie deren vermeintliche Zugänglichkeit als Zumutung empfinden, ahnen sie etwas von ihrem Voraussetzungsreichtum. Die professionelle Keller-Forschung verfügt zwar über dienstbare Leitfossilien wie die »Dialektik von Sein und Schein«, aber auch die beste Sekundärliteratur löst das Rätsel dieser Prosa nicht.

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