Heft 896, Januar 2024

Polarisierung und Ressentiment

Ein Nachtrag zur Debatte* von Helmut Draxler

Ein Nachtrag zur Debatte*

In den letzten Jahren, insbesondere seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA im November 2016, ist im Rahmen der öffentlichen Debattenkultur ein Deutungsmuster hinsichtlich des Zustands der gesellschaftlichen Verhältnisse in den westlichen Demokratien auf besondere Resonanz gestoßen. Im Kern besagt es, dass wir in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft leben und dass sich diese zunehmende Polarisierung vor allem starken Ressentiments einzelner sozialer Gruppen gegeneinander verdanke. Inzwischen gibt es eine Reihe durchaus seriöser Publikationen, die die These vom Zusammenhang zwischen Polarisierung und Ressentiment aufnehmen und beanspruchen, diesen Zusammenhang im Sinne einer Erneuerung Kritischer Theorie besser zu verstehen und die Spaltung dabei gleichzeitig zu überwinden oder sogar zu heilen.1

Die meisten der aktuellen Beiträge leisten aus ihren jeweiligen philosophischen, psychologischen oder ökonomiekritischen Perspektiven heraus durchaus einiges an phänomenaler Klärung; sie scheinen mir jedoch die eigentliche Herausforderung zu verfehlen, die die Begriffe der Polarisierung und des Ressentiments sowohl für den zeitdiagnostischen Einsatz als auch für die kritische Reflexion selbst darstellen. Die nämlich bestünde darin, bei der Kritik am Ressentiment der Anderen zunächst von den je eigenen Ressentiments auszugehen.2 Meines Erachtens dürfte insbesondere der Mangel an psychoanalytischen Einsätzen dafür verantwortlich sein, dass die psychopolitischen Spekulationen zumeist etwas oberflächlich bleiben und der je eigene Standpunkt auf seltsame Weise den diagnostizierten Verhältnissen enthoben zu sein scheint.

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