Heft 868, September 2021

Wozu Literatursoziologie?

von Carolin Amlinger

Die erste Schwierigkeit, vor der die Literatursoziologie steht, ist die Definition ihres Gegenstands. Was in einer naiven Betrachtung womöglich als voraussetzungslos vorgestellt wird, das literarische Werk, erscheint im Blick der Literatursoziologie als ein Resultat gesellschaftlicher Prozesse. Statt rein auf den ästhetischen Gehalt eines literarischen Werks zu sehen, beobachtet die Literatursoziologie den Blick, der darüber entscheidet, ob und in welcher Weise ein Text als literarisch betrachtet wird. Was als Literatur definiert wird – und damit die Frage, welche Werke inkludiert werden und welche nicht –, erscheint dabei als ebenso dynamisch und kontingent wie die ästhetische Wertung, die Werke innerhalb dieses Rahmens einordnet.

Das zweite Problem der Literatursoziologie ist die Frage nach der Sozialität des Literarischen. Theodor W. Adorno bemerkt in seinen 1967 erschienenen Thesen zur Kunstsoziologie, in denen er scharf mit der empiristischen Ausrichtung der Disziplin abrechnet, knapp: »Die Frage, ob Kunst und alles, was auf sie sich bezieht, soziales Phänomen sei, ist selbst ein soziologisches Problem.«1 Ein ästhetisches Werk entsteht zweifelsohne in sozialen Strukturen, ob es dadurch aber erschöpfend erklärt wird, ist eine andere Frage. Ein literarischer Text lebt, was sich für Literaturwissenschaftlerinnen von selbst versteht, für Soziologen vielleicht eher nicht, durch einen konstitutiven Sinnüberschuss, das heißt er produziert mehr Sinn, als seine Verfasserin oder sein Verfasser zu intendieren, und mehr, als eine Interpretin oder Interpret eindeutig zu bestimmen vermag. Würde man die polyphone Semiotik literarischer Texte ignorieren, negierte man sich selbst als »Literatursoziologie«, hält der Literaturwissenschaftler Peter V. Zima in seiner Kritik der Literatursoziologie fest.2

Kurzum, die Frage der Vermittlung der beiden Größen ist eine Kernfrage der Literatursoziologie.3 Der soziale Gehalt von Literatur wurde zuweilen in ihrer Absage an Gesellschaft gedeutet; als autonomes Kunstwerk folge sie immanenten Organisationsprinzipien. Die soziale Welt ist hier als eine der Literatur äußerliche gedacht, die diese fremden Zwecken unterwerfen will. Eine solche Idee ist in ihrer Einseitigkeit so falsch wie ihr Gegenteil – die Vorstellung nämlich, Literatur sei ein reines Abbild jener Gesellschaft, in der sie entstanden ist. Literatur hat hingegen eine multiple Realität. Sie kann als Unvermitteltes erscheinen (und dadurch soziale Wirkkraft besitzen) oder sich als durch und durch vermittelt erschließen. Die Literatursoziologie kann helfen, die Pluralität der sozialen Erscheinungsformen von Literatur zu sehen.

Der Text als soziale Struktur

In seinen Vorlesungen über die Ästhetik, die Georg Wilhelm Friedrich Hegel ab dem Jahr 1817 hielt, findet sich seine prominente geschichtsphilosophische Verortung der Romangattung: »Der Roman im modernen Sinne setzt eine bereits zur Prosa geordnete Wirklichkeit voraus«.4

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