Merkur, Nr. 238, Januar / Februar 1968

Walter Benjamin – I. Der Bucklige

von Hannah Arendt

Dies ist der erste von drei Teilen einer großen Studie, die es unternimmt, im Bilde eines Mannes, der zu den spannungsreichsten Geistern seiner Zeit gehörte, zugleich den Geist einer ganzen Epoche einzufangen, gleichsam zu konzentrieren. Der zweite und dritte Teil dieses wichtigen Beitrags zu der im Moment so lebhaften Diskussion über Benjamin und sein Werk folgen in den nächsten beiden Heften. Ad personam sei hinzugefügt, daß Walter Benjamin und Hannah Arendt in den Jahren der Pariser Emigration (1934/40) nahe Freunde waren. Ihr letztes ausführliches Gespräch hatten sie noch wenige Tage vor Benjamins Fluchtversuch nach Spanien in Marseille.

»Will ich in mein‘ Keller gehn,
Will mein Weinlein zapfen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Tät mir’n Krug wegschnappen.
Will ich in mein Küchel gehn,
Will mein Süpplein kochen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.«

Sehr früh, schon als Kind beim Lesen in einem Kinderbuch, hat Benjamin mit dem »Buckligen«, wie er ihn nannte, Bekanntschaft gemacht. Verse aus diesem vielleicht unheimlichsten Gedicht der an Unheimlichem so reichen Volksliedersammlung Aus des Knaben Wunderhorn hat er in den Schriften wie im Gespräch immer wieder zitiert; aber nur einmal – am Ende der Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, als er den eigenen Tod antizipierend »jenes ›ganze Leben‹« in den Griff bekommen möchte, »von dem man sich erzählt, daß es vorm Blick des Sterbenden vorbeizieht« – hat er klar ausgesprochen, wer der »Bucklige« war, der ihn ein Leben lang bis in den Tod begleiten sollte und vor dem es ihm so früh schon gegraust hat. Die Mutter hätte es ihm verraten. »Ungeschickt läßt grüßen«, hatte sie wie Millionen anderer Mütter immer gesagt, wenn sich eine der unzähligen kleinen Katastrophen, welche die Kindheit durchziehen, ereignet hatte. Und das Kind weiß natürlich, was es mit diesem seltsamen Ungeschick auf sich hat und daß die Mutter vom »bucklichten Männlein« spricht, von dieser personifizierten Tücke des Objekts, die einem das Bein stellt, wenn man hinfällt, und die Gegenstände aus der Hand schlägt, wenn man etwas zerbricht. Aber erst der Erwachsene weiß, daß nicht er das Männlein – als sei er der Knabe, der auszog, das Gruseln zu lernen, – sondern das Männlein ihn »angesehen hatte« und daß das Ungeschick ein Mißgeschick war. Denn »wen dieses Männlein ansieht, gibt nicht acht. Nicht auf sich selbst und auf das Männlein auch nicht. Er steht verstört vor einem Scherbenhaufen« (siehe die von Theodor W. Adorno und Gretel Adorno herausgegebenen »Schriften«, 2 Bde. Suhrkamp 1955).

Benjamins Leben, das jetzt auf Grund der zweibändigen Briefausgabe (herausgegeben von Gershom Gerhard Scholem und Theodor W. Adorno bei Suhrkamp 1966) in großen Zügen übersehbar ist, könnte man ohne Schwierigkeiten als eine Folge von solchen Scherbenhaufen erzählen, und es ist kaum eine Frage, daß er selbst es so gesehen hat. Gerade dadurch ist es trotz mancher Absonderlichkeit im Einzelnen ein so reines Zeugnis für die finsteren Zeiten und Länder des Jahrhunderts, wie das Werk, das mit so viel Verzweiflung diesem Leben abgezwungen wurde, paradigmatisch bleiben wird für die geistige Situation der Zeit. Gewiß, nicht zu Unrecht sagen die Glücklichen: »Wie sich Verdienst und Glück verketten, das fällt den Toren niemals ein«; nur vergessen sie hinzuzufügen, daß den Toren auch noch niemals eingefallen ist, daß sich Verdienst, Ungeschick und Mißgeschick so eng verketten können, als hätten sie einen dreistimmigen Wechselgesang angestimmt, dessen Refrain dann um des Verdienstes willen nicht anders lauten kann als die letzten beiden Zeilen des alten Liedes, mit denen Benjamin denn auch die Erinnerungen an die Kindheit beschließt:

»Liebes Kindlein, ach, ich bitt,
Bet fürs bucklicht Männlein mit.«

Niemand hat dies Zusammenspiel, den Ort, »wo Schwäche und Genie … nur noch eins sind«, besser gekannt als Benjamin, der ihn so meisterhaft in Proust diagnostizierte. Wer ihn gekannt hat, wird sich schwer des Eindrucks erwehren können, daß er von sich selbst sprach, als er mit so tiefem Einverständnis Jacques Rivière zitierend von Proust sagte, er sei »an derselben Unerfahrenheit gestorben, die ihm erlaubt hat, sein Werk zu schreiben. Er ist gestorben aus Weltfremdheit …, weil er nicht wußte, wie man Feuer macht, wie man ein Fenster öffnet«. Auch Benjamin verstand sich auf nichts weniger als darauf, »Lebensbedingungen, die für ihn vernichtend geworden waren«, zu ändern, und sein Ungeschick leitete ihn mit einer nachtwandlerisch anmutenden Präzision jeweils an den Ort, an dem das Zentrum eines Mißgeschicks sich befand oder doch wenigstens befinden konnte. So beschloß er z. B. im Winter 1939/40 wegen der Bombengefahr sich aus Paris in Sicherheit zu bringen. Nun ist bekanntlich auf Paris nie eine Bombe gefallen; aber Meaux, der Ort, an den er sich begab, war ein Truppensammelplatz und wohl einer der sehr wenigen Plätze in Frankreich, die in jenen Monaten des »drôle de guerre« ernsthaft gefährdet waren.

Wie eng sich Verdienst und Begabung mit solchem Un- und Mißgeschick von vornherein verketteten, läßt sich vielleicht am besten an dem ersten reinen Glücksfall illustrieren, mit dem Benjamins öffentliche Laufbahn als Schriftsteller ihren Anfang nahm. Dies war die Veröffentlichung des Essays Goethes Wahlverwandtschaften in Hofmannsthals »Neuen Deutschen Beiträgen« im Jahre 1924/25, die durch die Vermittlung eines Freundes zustande kam. Diese Studie, ein Meisterwerk deutscher Prosa und innerhalb der deutschen Literaturkritik wie der einschlägigen Goetheliteratur bis heute von einzigartigem Rang, war bereits mehrere Male abgelehnt worden, und die begeisterte Anerkennung durch Hofmannsthal kam in einem Augenblick, da Benjamin schon fast daran verzweifelte, »sie an den Mann zu bringen«. Sie kam zudem im Jahre 1923, als die Inflation, welche das deutsche Bürgertum enteignete, ihren Höhepunkt erreicht hatte und Benjamin zum ersten Male mit dem finanziellen Elend sich konfrontiert sah, das dann für sein gesamtes weiteres Leben entscheidend bleiben sollte. »Manchmal denke ich«, schrieb er damals einem Freund, »die ›Nacht, da niemand wirken kann‹, ist schon eingebrochen.« Wäre es damals in Deutschland mit rechten Dingen zugegangen, so hätte ihn die Arbeit berühmt machen und ihm überall, in den Universitäten, den Zeitschriften und Verlagen, Tür und Tor öffnen müssen; und das Wenige, was er damals erreichte, die Publikation der Einbahnstraße und des Ursprung des deutschen Trauerspiels (von dem Hofmannsthal einen Teilabdruck gebracht hatte) im Rowohltverlag hat er auch indirekt diesem Glücksfall verdankt. Verdankt hat er der Veröffentlichung vor allem auch, daß er immerhin dem kleinen deutschen und deutsch-jüdischen Lesepublikum bekannt wurde, das, ohne an Cliquen gebunden zu sein, von Literatur wirklich etwas verstand und dem die »Neuen Deutschen Beiträge«, diese in der Tat »bei weitem exklusivste der hiesigen Zeitschriften«, etwas zu bieten hatten. Wie erschreckend klein der Kreis war, kommt einem erneut zu Bewußtsein, wenn man jetzt erfährt, daß selbst Erwin Panofsky, dem Hofmannsthal ein Exemplar mit Benjamins Beitrag zugeschickt hatte, mit einem »kühlen, ressentimentgeladenen Antwortbrief« reagierte. Dennoch scheint mir dieser Ruf doch etwas mehr zu sein, etwas solider als »die esoterische Flüsterkampagne« der Freunde, von der Gerhard Scholem spricht (in der Leo Baeck Memorial Lecture, 1955, S. 5); solider auch als der von Benjamin selbst und seiner Neigung zur Geheimniskrämerei erzeugte Nimbus um seinen Namen.

 

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Wesentlicher als all dies, vor allem charakteristischer für die seltsame Konfiguration von »Schicksal und Charakter« (über die er sich in einem sehr frühen Aufsatz ausgesprochen hatte) in diesem Leben ist das offenbar undurchschaute Mißgeschick, das diesem einzigen Glücksfall anhaftete und unter den damaligen Umständen unweigerlich anhaften mußte. Die einzige materielle Sicherheit, zu der dieser erste Durchbruch in die Öffentlichkeit hätte führen können, war die Habilitation, die Benjamin auch bereits anstrebte. Sie hätte ihm zwar unmittelbar auch kein Auskommen gesichert, aber sie hätte seinen Vater wohl dazu bewogen, ihn, wie dies damals üblich war, bis zur Erlangung der Professur zu unterstützen. (Daß er eine solche Professur mit all den damit verbundenen Verpflichtungen nicht wirklich wollte – »Vor fast allem, was mit dem glücklichen Ausgang gegeben wäre, graut mir«, »die altfränkische Postreise über die Stationen der hiesigen Universität ist nicht mein Weg« – steht auf einem anderen Blatt. Er hatte schon sehr unwillig sich zur Dissertation entschlossen, da er das Doktorat für einen Zweck hielt, »der fürwahr die Mittel nicht heiligt«.) Es ist im Nachhinein schwer zu verstehen, wie er und seine Freunde je daran haben zweifeln können, daß eine Habilitation bei einem »normalen Universitätsprofessor nur mit einer Katastrophe enden konnte. Wenn die zuständigen Herren später erklärten, sie hätten von der eingereichten Arbeit über das deutsche Trauerspiel im Barock nicht ein Wort verstanden, so darf man ihnen das getrost glauben. Wie hätten sie denn einen Autor verstehen können, dessen größter Stolz es war, daß das »Geschriebene fast ganz aus Zitaten besteht. Die tollste Mosaiktechnik, die man sich denken kann« – und der das größte Gewicht auf die der Arbeit vorangestellten sechs Mottos legte, »wie sie kostbarer und rarer … keiner versammeln könnte«. Es war, als ob ein wirklicher Meister einen einzigartigen Gegenstand angefertigt hätte, um ihn dann im nächsten Einheitspreisgeschäft zum Verkauf anzubieten. Da brauchten nun wahrlich weder Antisemitismus noch schlechter Wille gegenüber dem Zugereisten – Benjamin hatte in der Schweiz während des Krieges promoviert und war keines Mannes Schüler – noch schließlich das übliche akademische Mißtrauen gegen alles, was nicht garantiert mittelmäßig ist, im Spiele gewesen zu sein; wenn ich nicht irre, ist die Arbeit bis auf den heutigen Tag in keiner deutschen Fachzeitschrift besprochen worden. Auch die Empfehlung Hofmannsthals, dem die Wiener Universität ebenfalls einen Universitätsgrad verweigert hatte, dürfte auf diese Herren keinen großen Eindruck gemacht haben; gerade mit ihrer Bildung, auf die man sich natürlich viel einbildete, war es nun schon seit langem nicht sehr weit her.

Nun gab es aber, und hier kommt das Un- und Mißgeschick ins Spiel, im damaligen Deutschland eine andere Möglichkeit, und um diese einzige Chance für eine Universitätskarriere hat sich Benjamin gerade durch den Wahlverwandtschaftsaufsatz gebracht. Dieser nämlich ist, wie das oft bei ihm der Fall war, von einer Polemik inspiriert, deren Objekt das Goethe-Buch von Gundolf war. Benjamins Kritik war endgültig, und sie wäre vernichtend gewesen, wenn in der »abscheulichen Öde dieses offiziellen und inoffiziellen Betriebs« sich überhaupt noch etwas hätte zur Geltung bringen können. Dennoch hätte gerade er bei Gundolf und anderen Mitgliedern des George-Kreises, dessen Vorstellungswelt ihm zudem aus seiner Jugend sehr vertraut war, auf mehr Verständnis rechnen können als bei den »Offiziellen«; und um sich bei einem von ihnen, die damals gerade anfingen, sich in der akademischen Welt halbwegs häuslich einzurichten, zu habilitieren, hätte er wohl auch nicht zum Kreise zu gehören brauchen. Er hätte nur nicht den prominentesten und damals auch fähigsten Vertreter Georges an den Universitäten so fulminant angreifen dürfen, daß ein jeder wissen mußte: Benjamin hatte – wie er später rückblickend erklärte – von eh und je »mit dem was die akademische Richtung geleistet hat, … genau so wenig zu schaffen wie mit den Monumenten, die ein Gundolf oder Bertram aufgerichtet haben«. Ja, so war es. Und sein Ungeschick oder Mißgeschick war es, dies vor der Habilitation aller Welt bekanntgegeben zu haben.

Dabei kann man durchaus nicht sagen, daß er es bewußt an der gebührenden Vorsicht habe fehlen lassen. Im Gegenteil. Er wußte, »Ungeschickt läßt grüßen« und ergriff mehr Vorsichtsmaßnahmen als irgendein anderer Mensch, den ich kenne, war auch durchaus zum Nachgeben selbst in für ihn sehr wichtigen Fragen immer bereit. (Dafür geben die Briefe zahlreiche Anhaltspunkte: von dem Verhalten zu seiner Familie bis zu den letzten, für ihn tödlich ernsten Konflikten mit dem Institut für Sozialforschung, von dem sein Lebensunterhalt in dauernder Ungewißheit abhing. Wenn er im April 1939 schreibt, er lebe »in Erwartung einer über mich hereinbrechenden Unglücksbotschaft«, so meinte er damit nicht den kommenden Krieg, sondern die Nachricht, das Institut würde ihm die monatliche Rente nicht mehr zahlen. Ernst Bloch ist sehr zu recht bei der Nachricht von Benjamins Selbstmord ein Satz von ihm eingefallen: »Über einen Toten erst recht hat niemand Gewalt!«) Aber sein System von Vorsichtsmaßnahmen, zu dem auch die von Scholem erwähnte »chinesische Höflichkeit« gehörte, ging auf eine merkwürdige und geheimnisvolle Weise an den wirklichen Gefahren immer vorbei. Denn so wie er aus dem sicheren Paris zu Beginn des Krieges nach vorne in das gefährdete Meaux, gleichsam an die Front, flüchtete, so machte er sich bei dem Wahlverwandtschaftsaufsatz die völlig überflüssige Sorge, Hofmannsthal könne ihm eine sehr vorsichtige kritische Bemerkung über Rudolf Borchardt, einem Hauptmitarbeiter der Zeitschrift, verübeln, versprach sich aber nur Gutes davon, für den »Angriff auf die Ideologie der Schule von George … diesen einzigen Ort« gefunden zu haben, an dem »es ihr schwerfallen sollte, die Invektive zu ignorieren«.

Es fiel ihr gar nicht schwer. Denn wenn es je einen ganz und gar Vereinzelten gegeben hat, so war es Benjamin. Daran konnte auch die Autorität Hofmannsthals, des »neuen Patrons«, wie er ihn im ersten Glücksrausch nannte, nichts ändern. Sie fiel kaum ins Gewicht, wenn man sich mit einem »Kreis«, also mit einer Machtgruppe, angelegt hatte, in der wie bei allen solchen Gebilden nichts als die weltanschauliche Bindung den Ausschlag gibt, da ja nur das Ideologische, nicht aber Rang und Qualität eine Gruppe zusammenhalten kann. Das Einmaleins der Literaturpolitik war den George-Jüngern bei aller Vornehmtuerei gegenüber der Tagespolitik ebenso vertraut wie den Professoren das Einmaleins der Universitätspolitik und den Literaten und Journalisten das Abc des »Eine Hand wäscht die andere«.

Benjamin aber wußte gar nicht Bescheid. Er hat sich in diesen Dingen nie ausgekannt, hat sich unter diesen Menschen nie bewegen können, auch nicht als »die Widrigkeiten des äußern Lebens, die manchmal wie Wölfe von allen Seiten kommen«, ihm bereits einige Einsicht in den sogenannten Lauf der Welt vermittelt hatten. Sein Engagement für den Marxismus, das ihn Mitte der zwanziger Jahre um ein Haar in die kommunistische Partei geführt hätte, hatte zweifellos einiges mit dieser Einsicht zu tun; und noch zweifelloser ist, daß die wenigen Erfolge, »die Siege im Kleinen«, denen »die Niederlagen im Großen« immer entsprachen, diesem Engagement geschuldet waren. Gewiß, da war kaum etwas, was ihn zu der Hoffnung auf die »Stellung als einziger echter Kritiker der deutschen Literatur« (wie Scholem in einem der wenigen veröffentlichten und sehr schönen Briefe an den Freund meinte1 berechtigen konnte; aber es brachte ihm immerhin die Mitarbeit an der »Frankfurter Zeitung«, deren Feuilleton damals links gestimmt war, und an der »Literarischen Welt« ein, vor allem natürlich die Freundschaft mit Brecht und die Bindung an das Institut für Sozialwissenschaften, die materiell schließlich ausschlaggebend wurde. Aber auch hier, wo er so viel geistig und menschlich investiert hatte, stellte es sich schnell heraus, daß er es keinem recht machen konnte. Nicht, daß irgend etwas passierte, wenn er offen gegen den Stachel löckte und bewußt aus der Clique heraussprang wie im Fall der entschiedenen Stellungnahme für Max Kommerell, den früh verstorbenen, aus dem Georgekreis stammenden »Widersacher«, der im deutschen Sprachraum bis heute der einzige geblieben ist, dessen »Genauigkeit und Kühnheit des Blicks« man Benjamin an die Seite stellen könnte2. Dieser Seitensprung hat ihm nichts geschadet, und die beiden Besprechungen von Kommerells Büchern sind in die posthume Ausgabe von Benjamins Schriften, in denen sowohl der große Essay über den Surrealismus wie die erste Baudelaire-Arbeit fehlen, aufgenommen worden. Aber wenn er etwas recht machen wollte, um irgendwo, irgendwie Boden unter die Füße zu bekommen, so ging es sicher schief.

Eine größere Arbeit »über Goethe vom Standpunkt der marxistischen Doktrin« ist weder zu Lebzeiten (in der Großen Russischen Enzyklopädie, für die sie bestimmt war) gedruckt noch in der Ausgabe der Schriften aufgenommen worden. Klaus Mann, der für »Die Sammlung« eine Anzeige von Brechts Dreigroschenroman bestellt hatte, schickte das Manuskript zurück, weil Benjamin dafür 250 französische Francs verlangt hatte und er nur 150 zahlen wollte. Die Kommentare zu den Gedichten von Brecht sind zu Lebzeiten nie erschienen. Und mit dem Institut für Sozialforschung kam es zu den größten Schwierigkeiten, weil man dort der Meinung war, daß er »undialektisch« denke. Woraufhin er den ersten Baudelaire-Essay – »Das Paris des Second Empire bei Baudelaire«, der dann das Schicksal so vieler Benjaminscher Arbeiten teilte, nicht veröffentlicht zu werden – erst einmal so schrieb, wie er sich eine dialektisch-materialistische Arbeit vorstellte, indem er nämlich, wie Adorno kritisch bemerkte, »einzelne sinnfällige Züge aus dem Bereich des Überbaus ›materialistisch‹« so wendete, daß man »sie zu entsprechenden Zügen des Unterbaus unvermittelt und wohl gar kausal in Beziehung setzt«. Dies trug ihm von Adorno nicht nur den Vorwurf ein, daß es seiner »Dialektik an … der Vermittlung« gebräche, sondern auch daß er sich seine »kühnsten und fruchtbarsten Gedanken unter einer Art Vorzensur nach materialistischen Kategorien (die keineswegs mit den marxistischen koinzidieren) verboten« habe. Dies nun lief genau auf das hinaus, was Scholem seit Jahren sehr viel allgemeiner und aus der unvergleichlichen Nähe der Freundschaft gegen Benjamin vorgebracht hatte: daß er nämlich einem »selten intensiven Selbstbetrug« zum Opfer falle, wenn er meine, auf dialektisch-materialistische Weise seine Einsichten zu gewinnen; vielmehr seien diese entweder »vollständig unabhängig davon (bestenfalls), oder (schlechtestenfalls …) durch ein Spielen mit den Zweideutigkeiten und Interferenzerscheinungen dieser Methode« entstanden. Nur daß Scholem Benjamin zurück zur Metaphysik und zum Judentum, Adorno dagegen in die wahre Dialektik des Marxismus zu geleiten wünschte. Und was den Baudelaire-Text anlangt, den Benjamin in »einer Anspannung, der ich nicht leicht eine frühere literarische bei mir vergleichen könnte«, verfaßt und der in ihm ein »Gefühl des Triumphes« hinterlassen hatte, so waren sich die beiden an den entgegengesetzten Polen seiner Existenz stehenden Freunde – der eine Marxist, der andere Zionist – auch einig, und dies leider in einem für Benjamin weder materialistisch noch idealistisch, wohl aber materiell und finanziell katastrophal entscheidenden Augenblick. Sie waren der Meinung, daß Benjamin auf eine ihnen unbegreifliche Weise aufgehört habe, tief zu denken; denn hierauf laufen die natürlich sehr viel komplizierter formulierten Vorwürfe eigentlich hinaus. Dies Abgleiten war nach Scholem dem Marxismus, nach Adorno dem Vulgärmarxismus geschuldet; veranlaßt aber war es, und auch hierin waren die beiden sich auf eine bedrückende Weise einig, von dem schlechten Einfluß, den die Freundschaft mit Brecht auf ihn habe.3

Das war ein Mißverständnis in mancherlei Hinsicht. Aber daß der Name Brechts in diesem Zusammenhang überhaupt auftaucht, bzw. die einfache Tatsache zur Sprache kommt, daß Brecht für Benjamin in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens, vor allem in der Pariser Emigration, der wichtigste Mensch war, berührt in der Tat das Wesentliche dieses Konflikts. Wie immer die Freunde Brecht einschätzen mochten, er war ein Dichter und kein Philosoph; und wenn Benjamin schrieb, daß «das Einverständnis mit der Produktion von Brecht einen der wichtigsten und bewehrtesten Punkte meiner gesamten Position darstellt«, so wies er deutlich darauf hin, daß ihm an jener Philosophie oder Metaphysik oder auch Theologie, welche die Freunde von ihm verlangten und an deren Maßstab sie seine Produktion maßen und verwarfen, nicht sehr viel gelegen war.4 Und auch was jene Tiefe anlangt, die damals in Deutschland zum guten Ton gehörte und oft mit Geheimniskrämerei eine verzweifelte Ähnlichkeit hatte, dürfte er wohl mit Brecht einverstanden gewesen sein, als er ihm riet, diesen »Unfug … beiseite (zu) lassen. Mit der Tiefe kommt man nicht vorwärts. Die Tiefe ist eine Dimension für sich, eben Tiefe – worin dann gar nichts zum Vorschein kommt.«5

Das Mißverständnis reicht aber tiefer. Sieht man sich in Benjamins Schriften aus der vormarxistischen Periode um, so fällt bald auf, daß dem sogenannten Einfluß Brechts ein anderer, vermutlich entscheidenderer vorangegangen war: der Einfluß Goethes nämlich, also auch eines Dichters, in dessen Denken die Vorstellung vom »Urphänomen« bekanntlich im Zentrum steht. Das Urphänomen aber ist keine Idee, aus der sich eine philosophische oder theologische Theorie entwickeln ließe. Es ist vielmehr ein konkret und »materiell« Auffindbares, in dem Bedeutung (dies goetheschste aller Worte kehrt bei Benjamin immer wieder) und Aussehen oder Erscheinung, Wort und Ding, Idee und Erfahrung zusammenfallen. Einem solchen Urphänomen war er in dem unvollendet gebliebenen Hauptwerk über das neunzehnte Jahrhundert, in dem er eigentlich zuhause war, auf der Spur. Es ging ihm um das Urphänomen der Geschichte, und wenn er von der »Urgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts« spricht, so meint er damit eine Darstellung, in der dieses Jahrhundert als »originäre Form der Urgeschichte« überhaupt sich erweisen, aus ihm »das urgeschichtliche Moment im Vergangenen« herauspräpariert werden sollte. Dies wiederum schien ihm möglich, weil der Zusammenbruch der Tradition die »urgeschichtlichen Momente« in aller Geschichte freigelegt hatte, da sie nun nicht mehr durch Bindung an »Kirche und Familie verdeckt (waren). Der alte prähistorische Schauer umwittert schon die Umwelt unserer Eltern, weil wir durch Tradition nicht mehr an sie gebunden sind«.6 Die Philosophie Walter Benjamins – damit erweist man ihm keine Ehre; er hat, obwohl er Philosophie studiert hatte, von ihr genau so gering gedacht wie Goethe. Unter den vier angefangenen und nie vollendeten Büchern, die er kurz vor der Hitlerkatastrophe aufzählt und schon damals als »die eigentliche Trümmer- oder Katastrophenstätte« bezeichnet, »von der ich keine Grenze absehen kann« – den Pariser Passagen, den Gesammelten Essays zur Literatur, den Briefen und einem Buch über das Haschisch – ist nicht eines, das in irgendeinem Sinne philosophisch oder theoretisch zu nennen wäre.7

 

Benjamin dürfte wohl der seltsamste Marxist gewesen sein, den diese an Seltsamkeiten nicht arme Bewegung je hervorgebracht hat. Was ihn theoretisch daran faszinieren mußte, war die von Marx ja nur flüchtig skizzierte Lehre vom Überbau, die dann eine ganz unverhältnismäßig große Rolle in der Bewegung gespielt hat, weil eine so unverhältnismäßig große Zahl von Intellektuellen, also Leute, die nur am Überbau interessiert waren, sich ihr anschlossen. Wollte man die Sache ernsthaft diskutieren, so müßte man einerseits auf Hegel zurückgehen, andererseits die geschichtlichen Zusammenhänge aufweisen, die bei Marx offensichtlich Modell gestanden haben. Dies ist hier ganz überflüssig; denn für Benjamin, der diese Lehre nur als heuristisch-methodische Anregung benutzte, blieben die historischen wie die sachlich-philosophischen Hintergründe ohne Belang. Was ihn an der Sache faszinierte, war, grob gesprochen, daß das Geistige und seine materielle Erscheinung sich miteinander verschwisterten – und zwar so innig, daß es erlaubt schien, überall Entsprechungen, »correspondances«, zu entdecken, die sich gegenseitig erhellten und illuminierten, wenn man sie nur richtig einander zuordnete, so daß sie schließlich keines deutend-erklärenden Kommentars mehr bedurften. Es ging ihm um das Zusammengehören von einer Straßenszene, einer Börsenspekulation, einem Gedicht, einem Gedanken, um den verborgenen Duktus, der sie zusammenhält und an dem der Historiker oder der Philologe erkennt, daß sie alle dem gleichen Zeitraum zuzurechnen sind. Was Adorno kritisch beanstandete, die »staunende Darstellung der Faktizität« – das war es in der Tat, und Benjamin hatte ganz recht, dies als »echt philologische Haltung« zu verteidigen. Echt philologisch, wenn auch natürlich stark vom Surrealismus beeinflußt, war auch der »Versuch, das Bild der Geschichte in den unscheinbarsten Fixierugen des Daseins, seinen Abfällen gleichsam festzuhalten«. Benjamin hatte eine Passion für kleine und kleinste Dinge – Scholem berichtet in der Leo Baeck Memorial Lecture (S. 9) von dem Ehrgeiz, hundert Zeilen auf eine normale Notizbuchseite hinzukriegen, und der Bewunderung für die beiden Weizenkörner in der jüdischen Abteilung des Musée Cluny, »on which a kindred soul had inscribed the complete Shema Israel« –, und für ihn stand die Größe eines Gegenstandes in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Bedeutung. Aber auch diese Passion ist mehr als eine Schrulle; sie ist der Vorstellung von einem »Urphänomen« nahe verwandt. Hinter beiden steht keine »Idee«, sondern das durch die Reflexion gegangene Staunen vor der Faktizität des Samenkornes, diesem Winzigsten, aus dem alles entsteht und mit dessen konzentriertester »Bedeutung« nichts es aufnehmen kann, was aus ihm sich entwickelt.

In der »Erkenntniskritischen Vorrede« zum Ursprung des deutschen Trauerspiels spricht Benjamin von dem »Ursprungsphänomen« als einer konkret aufweisbaren »Gestalt, unter welcher immer wieder eine Idee mit der geschichtlichen Welt sich auseinandersetzt, bis sie in der Totalität ihrer Geschichte vollendet daliegt«. Gegenstände, die solch ein »Ursprungssiegel« an sich tragen, sind »echt«, und dieses »Echte – jenes Ursprungssiegel in den Phänomenen – ist Gegenstand der Entdeckung, einer Entdeckung, die in einzigartiger Weise sich mit dem Wiedererkennen verbindet. Im Singulärsten und Verschrobensten der Phänomene … vermag Entdeckung es zutage zu fördern.« Die »Wissenschaft vom Ursprung« hat die Aufgabe, »aus den entlegenen Extremen, den scheinbaren Exzessen der Entwicklung, die Konfiguration der Idee« als einer »Totalität« heraustreten zu lassen. Daß dieser Begriff der Echtheit aus den Erfahrungen der Kunstwissenschaft und der Philologie gewonnen ist, scheint mir offensichtlich, wenn auch Benjamin selbst damals noch die »Wissenschaft vom Ursprung« eine »philosophische Geschichte« nennt; denn die Vorstellung, daß »Wesenszusammenhänge bleiben was sie sind, auch wenn sie sich in der Welt der Fakten rein nicht ausprägen«, gilt Benjamin, der sich gegen das Hegelsche ›Desto schlimmer für die Tatsachen‹ wendet, als der eigentliche Sündenfall aller Philosophie, nicht nur des deutschen Idealismus, der das »Kernstück der Ursprungsidee preisgegeben hat«. Mit anderen Worten, was Benjamin von Anfang an zutiefst faszinierte, war nie ein Gedanke, immer eine Erscheinung. »An allem, was mit Grund schön genannt wird, wirkt paradox, daß es erscheint«, schrieb er in der Einbahnstraße, und dies Paradox, oder einfacher: das Wunder der Erscheinung steht immer im Zentrum aller seiner Bemühungen.

Es war also nicht der Marxismus, der Benjamin von der Philosophie abbrachte. Er hat die Positionen, die er mit dem Wahlverwandtschaftsaufsatz und in der Vorrede zu der Arbeit über das Trauerspiel bezogen hatte, im Grunde niemals aufgegeben. So schreibt er etwa noch im Jahre 1938, daß die Komposition der Baudelaire-Arbeit »in der Wahlverwandtschaft ihr Vorbild haben wird«. Wie wenig seine späteren Arbeiten mit Marxismus oder dialektischem Materialismus zu tun haben, dürfte schon daraus erhellen, daß der Flaneur ihre zentrale Figur wurde. Es ist der Flaneur, der in den Großstädten durch die Menge in betontem Gegensatz zu ihrem hastigen, zielstrebigen Treiben ziellos dahinschlendert, dem die Dinge sich in ihrer geheimen Bedeutung enthüllen, an dem »das wahre Bild der Vergangenheit vorbeihuscht« und der in der Erinnerung das Vorbeigehuschte um sich versammelt. Adorno hat im Vorwort zu den »Schriften« mit großer Treffsicherheit auf das statische Element in Benjamin hingewiesen: »Man versteht Benjamin nur dann richtig, wenn man den Umschlag äußerster Bewegtheit in ein Statisches, ja die statische Vorstellung von der Bewegung selber, hinter jedem seiner Sätze spürt.« Nichts natürlich könnte »undialektischer« sein als diese Haltung, für die in dem einzig großartigen Bild der neunten seiner »geschichtsphilosophischen Thesen« »der Engel der Geschichte« nicht nach vorn in die Zukunft gewendet dialektisch fortschreitet, sondern »das Antlitz der Vergangenheit zugewendet« hat. »Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.« (Womit dann wohl das Ende der Geschichte gekommen wäre.) »Aber ein Sturm weht vom Paradiese her« und »treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.« In diesem Engel, den Benjamin in Klees Angelus Novus erblickte, erlebt der Flaneur seine letzte Verklärung. Denn wie der Flaneur durch den Gestus des zwecklosen Schlenderns der Menge auch dann den Rücken weist, wenn er von ihr getrieben und mit ihr fortgerissen wird, so wird der »Engel der Geschichte«, der nichts betrachtet als das Trümmerfeld der Vergangenheit, vom Sturm des Fortschritts rücklings in die Zukunft geweht. Daß sich solchen Augen ein einstimmiger, dialektisch einsichtiger, vernünftig deutbarer Prozeß darbieten könnte, davon kann wohl keine Rede sein.

Die Freundschaft Benjamin-Brecht ist einzigartig, weil in ihr der größte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker der Zeit zusammentraf. (Es spricht für beide, daß sie dies wußten – Brecht soll auf die Nachricht von Benjamins Tod hingesagt haben, dies sei der erste wirkliche Verlust, den Hitler der deutschen Literatur zugefügt habe –, und es ist seltsam und traurig, daß die Einzigartigkeit dieser Begegnung den alten Freunden selbst heute noch nicht einleuchtet.) Darüber hinaus aber dürfte es für Benjamin entscheidend wichtig gewesen sein, in Brecht auf der Linken einen Mann gefunden zu haben, der trotz allem Gerede genau so wenig »dialektisch« dachte wie er selbst, dessen Intelligenz aber dafür ganz ungewöhnlich realitätsnahe war, so daß jede »Idee« sofort die allerkonkreteste und präziseste Gestalt annahm. Was Adorno so sehr an Benjamins späteren Arbeiten mißfiel: daß »pragmatische Inhalte … unmittelbar auf benachbarte Züge der Sozialgeschichte« bezogen werden, und daß an die Stelle »der verpflichtenden Aussage die metaphorische« zu stehen kommt, weist in der Tat zwar nicht auf Brechts »Einfluß«, wohl aber auf das hin, was diese beiden so völlig verschieden gearteten Männer gemein gehabt haben mögen. Beiden kam es immer auf das unmittelbar, real nachweisbare Konkrete, auf ein Einzelnes an, das seine »Bedeutung« sinnfällig in sich trägt; und dieser höchst realistischen Denkungsart dürfte die Überbau-Unterbau-Relation im präzisen Sinn eine »metaphorische« gewesen sein.

Wenn man z. B. – und dies wäre durchaus im Sinne Benjaminschen Denkens – den abstrakten Begriff der Vernunft auf seinen Ursprung aus dem Verb ›vernehmen‹ zurückführt, so kann man meinen, einem Wort aus der Sphäre des Überbaus einen sinnlichen Unterbau zurückgegeben zu haben; man hat auf jeden Fall einen Begriff in eine Metapher verwandelt. Dabei muß man natürlich die Metapher in ihrem ursprünglichen, nicht-allegorischen Sinne von metapherein, ›herübertragen‹, verstehen. Denn die Metapher stellt einen Zusammenhang, eine Entsprechung her, die unmittelbar sinnlich einleuchtet und keiner Deutung bedarf, während die Allegorie ja stets von einer »abstrakten« Vorstellung ausgeht, um dann gleichsam beliebig Sinnfälliges zu erfinden, das erst gedeutet werden muß, um sinnvoll zu sein; wobei die Deutung dem Rätselraten auch dann fatal ähnelt, wenn die Lösung so nahe liegt wie in der allegorischen Darstellung des Todes durch den Kochenmann. Seit Homer ist die Metapher das eigentlich Erkenntnis vermittelnde Element des Dichterischen. Mit ihrer Hilfe wird in den homerischen Epen das sinnlich Entfernteste in die genaueste Entsprechung gebracht – etwa das Blut, das dem Krieger die Beine und Schenkel färbt, mit dem Purpur, mit dem ein Mädchen wohl das »Elfenbein färbt, um Rossen die Backenstücke zu zieren« (Ilias, IV 141 – 147) oder das Nahen des Heeres zur Schlacht mit der Meeresflut, die, vom Winde getrieben, »fern auf der See zuerst sich erhebt« (Ilias IV 422 – 428), um dann tosend und schäumend sich an den Klippen des Ufers zu brechen, und durch diese Entsprechungen wird dichterisch die Einheit der Welt gestiftet. Was an Benjamin so schwer zu verstehen war, ist, daß er, ohne ein Dichter zu sein, dichterisch dachte, und daß die Metapher daher für ihn das größte und geheimnisvollste Geschenk der Sprache sein mußte, weil sie in der »Übertragung« es möglich macht, das Unsichtbare zu versinnlichen – »Eine feste Burg ist unser Gott« – und so erfahrbar zu machen. Er konnte ohne Schwierigkeit die Überbautheorie als die endgültige Lehre metaphorischen Denkens begreifen, und zwar gerade weil er ohne viel Umstände und unter Verzicht auf alle Vermittlungen den Überbau direkt auf den sogenannten »materiellen«, d. h. für ihn sinnlich gegebenen Unterbau zurückbezog. Ihn hat offenbar gerade das fasziniert, was die anderen als »vulgärmarxistisches«, »undialektisches Denken« brandmarkten, und in dieser Faszination sah er sich von Brecht aufs Schönste bestätigt.

So war in gewissem Sinne die Freundschaft mit Brecht der zweite und wohl ungleich wichtigere Glücksfall in Benjamins Leben. Er hatte dann auch prompt die widrigsten Folgen. Denn so klar ihm war, daß seine materiell wie publizistisch aussichtslose Lage im Paris der Emigration Grund genug bot, sich »den Anregungen des Instituts (für Sozialforschung) gegenüber gefügig zu zeigen«, so evident war ihm auch, daß diese Gefügigkeit an dieser Freundschaft eine unüberschreitbare Grenze hatte. Gewiß, er konnte sich diplomatisch verhalten, und er selbst hat seine späten Briefe an Adorno und Horkheimer für Muster der Diplomatie gehalten; aber er konnte nicht darauf verzichten, das zu praktizieren, was ihn an Brecht am meisten anzog und was Brecht selbst das »plumpe Denken« nannte. »Die Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das ist das Denken der Großen«, meinte Brecht, und Benjamin fügt erläuternd hinzu: »Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilitäten verstehen … Plumpe Gedanken gehören gerade in den Haushalt des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis … ein Gedanke muß plump sein, um im Handeln zu seinem Recht zu kommen.«8 Nun, was Benjamin am plumpen Denken so angezogen hat, war wohl weniger die Anweisung auf die Praxis als auf die Wirklichkeit, und diese Wirklichkeit manifestierte sich für ihn am unmittelbarsten in der von Sprichwörtern und Redensarten erfüllten Alltagssprache. »Das Sprichwort ist eine Schule des plumpen Denkens«, heißt es im gleichen Zusammenhang. Diese Kunst, Sprichwörtliches und Idiomatisches beim Worte zu nehmen, hat Benjamin wie Kafka, bei dem das Redensartliche häufig als Inspirationsquelle deutlich zu erkennen ist und den Schlüssel manchen »Rätsels« bietet, befähigt, eine Prosa von so eigentümlich zauberhafter und verzauberter Realitätsnähe zu schreiben.

 

Wo immer man sich in diesem Leben umtut, wird man den Buckligen finden. Lange bevor das Dritte Reich ausbrach, spielt er schon seinen bösen Schabernack. Er veranlaßt, daß Verleger, die eine Jahresrente versprechen für Übernahme des Lektorats oder die Herausgabe einer Zeitschrift mit ihm planen, bankrottgehen, bevor auch nur die erste Rate gezahlt oder die erste Nummer erschienen ist; später sorgt er dafür, daß die mit unendlicher Mühe hergestellte Sammlung großartiger deutscher Briefe mit den herrlichsten Kommentaren zwar (unter dem Titel Deutsche Menschen mit dem Motto »Von Ehre ohne Ruhm / Von Größe ohne Glanz / Von Würde ohne Sold«) ausgedruckt wird, aber im Keller des inzwischen bankrott gegangenen Verlegers endet, wiewohl es 1936 unter dem Pseudonym Detlef Holz zur Verbreitung in Deutschland bestimmt war; und in diesem Keller wird die Auflage genau in dem Augenblick wieder gefunden, als eine Neuauflage in Deutschland (1962) ausgedruckt ist. Auf das Konto des Buckligen möchte man auch schreiben, daß das Wenige, das zum Guten ausschlagen sollte, sich oft erst im Gewand des Unliebsamen zeigt. Dahin gehört etwa die Übertragung der Anabase von Alexis Saint-Léger Léger (Saint-John Perse), die er übernahm, weil sie ihm, wie die Proust-Übersetzung, durch Hofmannsthal vermittelt worden war, obwohl er selbst »das Ding für unbeträchtlich« hielt; die Übersetzung ist erst nach dem Kriege in Deutschland erschienen, doch verdankte er ihr die Beziehung zu Léger, der als Diplomat bei der französischen Regierung durchsetzen konnte, daß Benjamin mit sehr wenigen anderen Flüchtlingen von der zweiten Internierung in Frankreich während des Krieges verschont blieb. Und nach dem Schabernack kamen die Scherbenhaufen, von denen der seiner Meinung nach seit 1938 drohende Abbruch der Beziehungen zu dem Institut für Sozialforschung, dem einzigen »materiellen und moralischen Halt« seiner Pariser Existenz, der letzte vor der Katastrophe an der spanischen Grenze war: »Eben die Umstände, die meine europäische Situation so sehr bedrohen, werden meine Übersiedlung nach den USA wohl unmöglich machen«, schrieb er im April 1939 noch unter dem Eindruck des »Stoßes«, den ihm Adornos Brief mit der Ablehnung der ersten Fassung der Baudelaire-Arbeit im November 1938 »versetzt« hatte.9

Sicher hat Scholem recht, wenn er meint, daß Benjamin unter zeitgenössischen Autoren neben Proust Kafka am nächsten stand, und zweifellos hat Benjamin auch an die »Trümmer- und Katastrophenstätte« der eigenen Arbeit gedacht, wenn er schrieb, daß »die Einsicht in (Kafkas) Produktion unter anderem an die schlichte Erkenntnis gebunden ist, daß er gescheitert ist«. Auch von Benjamin könnte man sagen, was er selbst so einzig treffend von Kafka gesagt hat: »Die Umstände dieses Scheiterns sind mannigfache. Man möchte sagen: war er des endlichen Mißlingens erst einmal sicher, so gelang ihm unterwegs alles wie im Traum.« Er brauchte nicht Kafka zu lesen, um wie Kafka zu denken. Als er noch nichts von ihm kannte außer dem »Heizer«, hatte er bereits Goethes Wort über die Hoffnung an prominenter Stelle in dem Essay über die Wahlverwandtschaften zitiert – »Die Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fällt, über ihre Häupter weg«. Und der Satz, mit dem er ihn beschließt, klingt, als hätte Kafka ihn geschrieben: »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.«

Am 26. September 1940 nahm sich Walter Benjamin, im Begriff nach Amerika auszuwandern, an der spanisch-französischen Grenze das Leben. Die Gründe waren mannigfach: die Gestapo hatte seine Pariser Wohnung mit Bibliothek (er hatte »die wichtigere Hälfte« aus Deutschland retten können) und einen guten Teil der Manuskripte beschlagnahmt, und er hatte Grund, sich auch um die Manuskripte Sorgen zu machen, die er noch vor seiner Flucht aus Paris nach Lourdes im unbesetzten Frankreich durch George Bataille in der Bibliothèque Nationale hatte unterbringen können.10 Wie sollte gerade er ohne Bibliothek leben, wie ohne die ausgedehnten Zitatsammlungen und Exzerpte unter den Manuskripten seinen Lebensunterhalt verdienen? Außerdem zog ihn nichts nach Amerika, wo man, wie er gelegentlich sagte, mit ihm wohl nichts anderes werde anfangen können, als ihn zu Ausstellungszwecken als »letzten Europäer« durch die Lande zu karren. Der Anlaß aber war ein ungewöhnliches Mißgeschick. Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland – »les réfugiés provenant d’Allemagne«, wie sie in Frankreich offiziell hießen – waren durch das Waffenstillstandsabkommen zwischen Vichy-Frankreich und dem Dritten Reich mit Auslieferung nach Deutschland bedroht, und die Vereinigten Staaten hatten zur Rettung dieser Kategorie – die notabene niemals die unpolitische Masse der Juden, welche sich dann als die bei weitem Gefährdetsten herausstellten, mitumfaßte – eine Anzahl von Emergency-Visen durch ihre Konsulate im unbesetzten Frankreich verteilen lassen. Benjamin war dank der Bemühungen des Instituts für Sozialforschung unter den Ersten, die ein solches Visum in Marseille erreichte. Er gelangte auch schnell in den Besitz eines spanischen Durchreisevisums, um nach Lissabon zu kommen und sich von dort einzuschiffen. Allerdings hatte er kein Ausreisevisum aus Frankreich, da die Vichy-Regierung, um der Gestapo gefällig zu sein, den deutschen Flüchtlingen Visen zu diesem Zeitpunkt prinzipiell verweigerte. Dies stellte aber im allgemeinen keine große Schwierigkeit dar, da der relativ kurze und nicht zu beschwerliche Fußweg über die Berge nach Port Bou bekannt und von der französischen Grenzpolizei nicht gesperrt war. Für Benjamin allerdings, dem es damals bereits wohl auf Grund einer Herzmuskelentzündung sehr schlecht ging, dürfte es sich um eine große Anstrengung gehandelt haben. Als die kleine Gruppe von Flüchtlingen, der er sich angeschlossen hatte, den spanischen Grenzort erreichte, stellte sich plötzlich heraus, daß an diesem Tage die Grenze von Spanien gesperrt worden war und die Grenzbeamten die in Marseille ausgestellten Visen nicht anerkannten. Sie sollten also am nächsten Tag auf dem gleichen Weg nach Frankreich zurück. Benjamin nahm sich in der Nacht das Leben, und seine Begleiter wurden daraufhin von den Grenzbeamten, auf die der Selbstmord doch einigen Eindruck gemacht hatte, nach Portugal durchgelassen. Die Visumsperre wurde nach einigen Wochen wieder aufgehoben. Einen Tag früher wäre er anstandslos durchgekommen, einen Tag später hätte man in Marseille gewußt, daß man zur Zeit nicht durch Spanien konnte. Nur an diesem Tag war die Katastrophe möglich.

(wird fortgesetzt)

Hannah Arendt: Walter Benjamin
1. Teil: Der Bucklige, Januar / Februar 1968

2. Teil: Die finsteren Zeiten, März, 1968
3. Teil: Der Perlentaucher, April 1968

 

Weitere Beiträge aus der Reihe Zweite Lesung


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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Von Gerhard Scholem scheinen nur die Briefe erhalten zu sein, von denen er sich eine Abschrift machte. Nach den wenigen veröffentlichten Briefen zu urteilen, ist dies ein schwerer Verlust. Eine vollständige und gesonderte Veröffentlichung dieser über mehr als drei Jahrzehnte kontinuierlich geführten Korrespondenz hätte wohl zu den in der Literatur sehr seltenen Dokumenten einer wirklichen Männerfreundschaft gehört.
  2. Die Unbestechlichkeit von Benjamins Urteil, die letztlich unantastbare Unabhängigkeit seiner Person sind vielfach zu belegen. Nirgends erweisen sie sich überzeugender und großzügiger als in der Empfehlung eines Autors, von dessen gewissermaßen edelfaschistischer Gesinnung er sich nicht nur »entscheidend geschieden sieht«, sondern die ihm auch in dem oft bombastischen Stil der frühen Werke, die er allein kannte, sehr gegen den Geschmack gegangen sein muß. Dem Freund in den Rücken zu fallen (»Wer nie am Bruder den Fleck für den Dolchstoß ermaß / Wie arm ist sein Leben und wie dünn das Gedachte«, wie George meinte), entsprach durchaus der Stimmung der Zeit; aber den Widersacher zu ehren, das war gerade in Deutschland, wo es eine Solidarität der Geistigen, wie sie etwa die Ecole Normale in Frankreich heranbildet, nie gegeben hat, so gut wie unbekannt.
  3. Dies haben beide noch kürzlich bestätigt, Scholem in der Leo Baeck Memorial Lecture (1965), in der er erklärte: »I am inclined to consider Brecht’s influence on Benjamin’s output in the thirties baleful, and in some respects disastrous«; und Adorno in einer Äußerung an seinen Schüler Rolf Tiedemann, derzufolge Benjamin ihm zugestanden habe, er hätte »den Kunstwerk-Aufsatz (geschrieben), um Brecht, vor dem er sich fürchtete, an Radikalismus zu überbieten.« (Zitiert bei Tiedemann, Studien zur Philosophie Walter Benjamins, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1965, S. 89.) Daß Benjamin gesagt hat, er fürchte sich vor Brecht, ist unwahrscheinlich, wohl auch von Adorno nicht behauptet; was aber die übrige Bemerkung angeht, so ist es leider nur zu wahrscheinlich, daß Benjamin sie gemacht hat, weil er sich vor Adornos Kritik fürchtete. Denn er hatte zwar eine große Scheu im Umgang mit Menschen, die er nicht seit seiner Jugend kannte, aber gefürchtet hat er sich immer nur vor solchen, von denen er abhängig war. Eine solche Abhängigkeit von Brecht hätte sich nur ergeben, wenn er dessen Anregung, aus Paris nach dem erheblich billigeren Dänemark in seine unmittelbare Nähe überzusiedeln, gefolgt wäre. Gegen ein solches ausschließliches »Angewiesensein auf einen Menschen« im fremden Land mit einer »ganz unbekannten Sprache« hatte er dann in der Tat schwere Bedenken (s. Briefe, Bd. II, S. 596, 599).
    Ein Teil des damals unpublizierte Manuskriptes, Das Paris des Second Empire bei Baudelaire, ist soeben in der »Neuen Rundschau« unter dem Titel Der Flaneur erschienen. Es scheint sich um etwa ein Drittel des Gesamtmanuskriptes zu handeln, offenbar um einen Abschnitt von insgesamt drei Abschnitten. Der Herausgeber ist wieder Herr Tiedemann, der leider, statt die üblichen philologischen Erklärungen zu geben, es vorgezogen hat, dem Text eine polemische Interpretation voranzustellen. Ein immerhin originelles Verfahren! Bereits in der oben erwähnten Dissertation hatte Tiedemann sich auf das Entschiedenste für seinen Lehrer und Doktorvater Adorno eingesetzt bzw. für dessen ursprüngliche Ablehnung des Manuskripts zur Veröffentlichung in der Zeitschrift des Instituts für Sozialforschung. Benjamin, laut Tiedemann, sei »die überlegene Sicherheit einer (kunstsoziologischen) Interpretation nicht geschenkt worden.« Er geht heute darüber weit hinaus. Ohne sich im mindesten mit der inzwischen publizierten Antwort Benjamins auf Adornos Angriff auseinanderzusetzen (s. Briefe, Bd. II, S. 790 –799), behauptet Tiedemann, ein Vergleich der beiden Baudelaire-Texte »beweise« (sic!), »wie weitgehend Benjamin die Adornoschen Vorbehalte sich zu eigen machte«. Benjamins wirkliche Stellung bedarf keiner »Beweise«, die Herr Tiedemann ja auch nicht gibt. Er hält Adorno auf das Höflichste vor, daß dieser nicht verstünde, daß es sich hier um die Arbeit eines Philologen und nicht um die eines Kunstsoziologen handele, und daß »die in diesem Abschnitt vorwaltende philologische Prozedur« unter anderem einer »echten Lektüre (diene), die bisher an Baudelaire nicht viel geübt worden ist«. Was Adorno beanstande, sei »die echt philologische Haltung«. Anstatt dem Leser die wirkliche, vorliegende Stellungnahme Benjamins zu referieren, behauptet Tiedemann, Benjamin habe nun erst – offenbar ein Musterschüler wie er selbst – »die Anstrengung des spekulativen Gedankens« auf sich genommen mit dem in der Tat erstaunlichen Erfolg, nichts weniger als »die kopernikanische Wendung« von der Kunstsoziologie zur Geschichtsphilosophie überhaupt zu vollziehen.
    Man traut seinen Augen nicht, wenn man diese aus der Luft gegriffenen Behauptungen liest, und man möchte wahrhaftig wünschen, daß es sich um nichts Schlimmeres als die Hirngespinste eines übereifrigen jungen Mannes handelt. Denn Adorno ist der einzige Schüler, den Benjamin, der ja nicht im akademischen Leben stand, je gehabt – oder doch zu haben geglaubt hat. Daß er dann später von ihm finanziell abhängig wurde, war schlimm genug; denn daß »Theodor W. Adorno, wie Benjamin, Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung« war, ist eine weitere groteske Entstellung des Tatbestandes, die um so unbegreiflicher ist, als Adorno am Ende der beiden Briefbände im Verzeichnis der Briefempfänger ausdrücklich als »Direktor des Instituts« (einer der, ich glaube, drei Direktoren) namhaft gemacht wird. Man kann sich nicht gut vorstellen, daß Adorno heute, nachdem er die Herausgabe der Schriften eines bereits gänzlich vergessenen Toten auf vorbildliche Weise besorgt hat, dem alten, zu einem guten Teil von den Zeitumständen verursachten Schaden noch den Spott hinzufügen möchte, sich selbst zum Lehrer des Toten aufzuschwingen. Die hochtrabenden Phrasen, mit denen die alten, traurigen Zerwürfnisse zu »kopernikanischen Wendungen« auffrisiert werden, könnte man weglachen als ein besonders schönes Beispiel professoraler Wichtigtuerei. Ernst nehmen müßte man sie nur, wenn sich hier ein Lebender, der es wahrlich nicht nötig hat, auf Kosten eines Toten, über den er bereits gesiegt hatte, als er noch am Leben war, hochloben läßt.
  4. Sollte die Strophe in Scholems Kafka-Gedicht: »Schier vollendet bis zum Dache / ist der große Weltbetrug. / Gib denn, Gott, daß der erwache, / den dein Nichts durchschlug«, nicht an Benjamin gerichtet sein? (s. Briefe, Bd. II, S. 611.)
  5. In Benjamins Versuchen über Brecht, Suhrkamp 1966, S. 122.

  6. Zitiert bei Tiedemann (S. 123) aus dem unveröffentlichten Passagen-Manuskript.
  7. Der einzig streng philosophische Text von Bedeutung – nach den Jugendversuchen – sind die erkenntniskritischen Seiten in der Vorrede zum Ursprung des deutschen Trauerspiels. Er spricht dann später, im Jahre 1930, von der Notwendigkeit einer ähnlichen Vorrede für die Passagen-Arbeit, um sie geschichtsphilosophisch abzusichern, und von dem Vorsatz, sich ernstlich mit Marx und Hegel zu beschäftigen. In den Briefen und den veröffentlichten Schriften findet sich keine Spur einer solchen Beschäftigung, es sei denn, man wollte einer flüchtigen Notiz aus dem Jahre 1938, Brecht habe ihn bei der Lektüre des »Kapitals« angetroffen, ernstliche Bedeutung zumessen (Versuche über Brecht, S. 132).
  8. In der Rezension des Dreigroschenromans. Siehe Versuche über Brecht (Suhrkamp 1966, S. 90).
  9. Schon 1934 hatte ihn »die Tatsache, daß das Institut für Sozialforschung nach Amerika übersiedelt«, sehr beunruhigt. »Eine Lösung, ja nur eine Lockerung meiner Beziehung zu seinen Leitern könnte leicht davon die Folge sein. Was das bedeutet, will ich nicht ausführen.« Nun schien dies Bedrohliche unmittelbar vor der Tür zu stehen.
  10. Das von der Gestapo in Paris beschlagnahmte Material wurde nicht vernichtet, sondern von den Nazis mit anderen Beständen nach Oberschlesien ausgelagert. Ein Teil ist durch Kriegshandlungen zugrunde gegangen. Es haben sich eine Anzahl von Briefen an Benjamin dort erhalten, aber Scholems Briefe sind offenbar nicht darunter. Das wichtigste Arbeitsmanuskript ist die Handschrift des Baudelaire-Essays. Dieser Teil des Nachlasses liegt im Deutschen Zentralarchiv in Potsdam und ist der »wissenschaftlichen Forschung zugänglich« (vgl. Rosemarie Heise, Der Benjamin-Nachlaß in Potsdam, in alternative, Zeitschrift für Literatur und Diskussion, Berlin, Okt./Dez. 1967). Das gleiche gilt leider nicht von den Manuskripten, die in Paris versteckt gehalten wurden. Sie kamen am Ende des Krieges in den Besitz von Theodor W. Adorno, der sie, laut Tiedemann, als »Privatbesitz« in Frankfurt verwaltet. Ein drittes Archiv befindet sich ferner bei Gershom Scholem in Jerusalem, in welchem sich vor allem eine nahezu vollständige Sammlung alles Gedruckten und wohl auch nahezu aller Schreibmaschinen-Abschriften befindet.