Heft 922, März 2026

Café Amatorska

von Leander Steinkopf

Łucja telefonierte noch, so ließ ich meinen Rollkoffer stehen, setzte meinen Rucksack ab und schaute mich um. Mir kam dieser Innenhof bekannt vor. Nicht schattig und kühl vom hohen Beton wie jetzt im Sommer, mir war, als würde ich ihn kennen bei Nacht und Kälte und gelber Beleuchtung, wenn eine dunkle Nische unter zerbrochenem Putz und Graffiti bedrohlich wirkt, nicht wie jetzt verführerisch und Geborgenheit bietend für eine Gruppe Jugendlicher, die in Ruhe rauchen will. Mir kam dieser Innenhof bekannt vor, aber da ich Warschau kaum kannte, konnte es nur ein Irrtum sein. Sicher ähnelten sich hier die Innenhöfe, so dass einem fast Fremden wie mir jeder bekannt erscheinen konnte, war die Erinnerung nur alt und angestaubt genug, um die Details unkenntlich zu machen.

Łucja beendete ihr Gespräch, begrüßte mich und fragte nach meiner Reise, nach meiner Zeit in Krakau zuvor. Es war kalt im Treppenhaus und auch in der Wohnung, die Luft hier drin legte sich wie Eis auf meinen Rücken, wo mich zuvor der Rucksack zum Schwitzen gebracht hatte. Man hätte viel belassen, aber auch viel renoviert, erklärte Łucja, die Bücher in den Regalen seien noch von Konwicki, aber man hätte auch Plakate seiner Filme und Porträtfotos von ihm aufgehängt. Auf dem einen sah man einen alten Mann mit Katze auf dem Arm hier in der Wohnung, auf dem anderen einen attraktiven Jüngling mit Sonnenbrille und aufgeknöpftem Hemd. Ich trat auf den Balkon und schaute die Straße hinunter. Sie lief genau auf den Kulturpalast zu, als hätte man diese Wohnung mit dem Wahrzeichen per Ausblick verbunden, um den internationalen Besuchern – Vielgereiste und Vielreisende – nach dem Aufwachen beim Morgenkaffee auf dem Balkon das Wissen und die Gewissheit zu verschaffen, dass sie sich gerade in Warschau befanden. Auch dieser Ausblick kam mir bekannt vor, als hätte ich exakt auf dieser Achse schon einmal geschaut, bloß im Dunkeln bei buntem Licht des Kulturpalasts und der Leuchtreklamen auf dem Weg, verwischt und vernebelt von Schneekristallen in der Luft, golden glitzernd von gelb strahlenden Laternen. Ich hatte dieses verschwommene Bild vor Augen und lächelte über mich, denn ich erkannte an der Unschärfe, dass ich all die Erinnerungen sicher nur erträumt hatte. Ich machte ein Foto vom Palast und schickte es Anna, der einzigen Person, die ich in Warschau kannte, die sich aber gerade nicht in der Stadt befand, jetzt, da ich hier war. Łucja gab mir noch das Manuskript, das ich sie auszudrucken gebeten hatte.

Während des Monats zuvor in Krakau, einem kalten, regnerischen August, so kalt und regnerisch, dass ich gleich bei Ankunft mit meinem leichten Sommergepäck in den nächsten Laden gelaufen war, um mir Hose, Pulli, Schirm zu kaufen, in diesem August hatte ich ein komplettes kleines Manuskript verfasst. Zwischen fünf Cafés wechselnd, Tociekawa, Kawiarnia Fornir, Café Breizh, Café Lisboa und Szklarnia, arbeitete ich in meinem Notizbuch, aß zu Mittag in meiner mleczny bar, wo man mir das Menu zuvorkommend übersetzte, so dass ich mich nicht nur gut versorgt, sondern auch gut umsorgt gefühlt hatte. In den Pausen vom Schreiben lief ich im Uhrzeigersinn um die Altstadt, nie andersherum, dem grünen Gürtel folgend, der Tourismus vom normalen Leben trennt, im Schatten alter Bäume, der sich nur zum Fluss hin lichtet, dem Scheitelpunkt meines Spaziergangs.

Ich stand in der Wohnung und fror in dieser Fremde, die nichts von mir hatte als Koffer und Rucksack im Flur und mein Manuskript auf dem Esstisch, mit dem ich abgeschlossen hatte, aber das eher wirkte, als hätte es mit mir abgeschlossen, ein vergangener Freund, der nichts mehr mit mir anfangen konnte, der mich spüren ließ, dass ich ihm nichts sagen könnte, was er nicht schon längst wusste. Erst jetzt spürte ich die Einsamkeit, aufsummiert und unausweichlich, in der ich den Monat zuvor gelebt hatte. Verstärkt wurde das noch vom Gedanken an die Menschen, die ich vom Bahnhof hierher gehend gesehen hatte. Der Weg zur Wohnung war der Weg zur Nowy Świat, einer Flaniermeile, die an einen Partystrand zu führen schien, obwohl jedes Meer Hunderte Kilometer entfernt lag.

Ich dachte an jene Ausgehorte, an denen ich mich, abgeschirmt durch Annas Anwesenheit, bei meinem letzten Besuch in der Stadt, an meinem letzten Freitagabend hier, einigermaßen wohlgefühlt hatte. Aber all diese Orte waren mir in Annas Abwesenheit abwegig und unvorstellbar. Ich dachte über die Cafés nach, an denen ich mich durch die Stadt gehangelt hatte, an Vormittag, Mittag, Nachmittag, während Anna auf der Arbeit gewesen war, aber auch dort hätte ich nicht entspannt sitzen können, zu posh waren die anderen Anwesenden, zu gut gekleidet, zu bedacht gestylt, zu behaust in ihrem Lebenslauf, zu orientiert und zielgerichtet, nicht gescheitert und verloren, wie ich mich in ihrer Umgebung fühlte. Aber dann hatte ich einen Einfall, eine Erinnerung. Da war doch dieses eine Etablissement gewesen, das formell ein Café, aber eigentlich eine Kneipe war, das Anna mir als Ort der Intellektuellen und Künstler beschrieben hatte, als Schwulenbar mit langer Tradition, wo ich mich bei meinem letzten Aufenthalt um elf Uhr vormittags hingesetzt hatte, eigentlich auf einen Kaffee, dort den Tag aber mich in die Stimmung des Ortes fügend mit Tatar, Pierogi und Żywiec-Bier begann. Der Laden hatte auf mich nicht den Eindruck von Intellektualität und Künstlertum gemacht, aber wie hätte ich das auch beurteilen können. Ohne Kenntnis der polnischen Sprache blieb mir nur die Oberfläche: Wer hier saß, sah nicht aus wie Künstler oder Intellektueller, keine schweren Brillen, kein zeitgemäßes Haar, kein Funken erkennbarer Extravaganz. Aber waren dies nicht genau die Menschen, die ich suchte, unter denen ich mich aufhalten wollte? Künstler und Intellektuelle, die sich nichts anmerken lassen, die nichts darstellen wollen, bloß bemühte Biertrinker, unter denen ich mich sogar gescheitert geborgen fühlte.

Allein in der Wohnung von Konwicki versuchte ich mich also zu erinnern, wie diese Kneipe hieß, versuchte mich zu erinnern, wie ich damals dorthin gelangt war. War nicht ein Park darauf gefolgt oder zumindest eine Grünfläche? Könnte es in der Nähe der Akademie der Wissenschaften gewesen sein? Dann fiel mir der Name ein. Und auf dem Stadtplan fand ich die Kneipe nur wenige hundert Meter von meiner Wohnung entfernt, nur um zwei Ecken musste ich biegen, die Nowy Świat überqueren, dort in einer Seitenstraße lag das Amatorska.

Ich hatte eine kleine Weile kein Bier angerührt, denn da war dieser eine Abend in Krakau gewesen, die Nacht und die Tage danach. Nach einem späten und kräftigen Lunch hatte ich beschlossen, das Abendessen auszulassen, nur ein Bier sollte es sein an einem der Tische draußen unter Bäumen, die zur Musikkneipe im Keller gehörten. Es wurde voller, während ich trank, zwei junge Männer, einer kernig mit dunklen Haaren, der andere blond mit unreiner Haut, fragten, ob sie mit am Tisch sitzen könnten, und als ich antwortete, erkannten sie, dass ich Deutscher war. Mit einer plötzlichen Zunahme an Herzlichkeit wechselte der Dunkelhaarige ins Deutsche, während der Blonde bloß schwieg. Er arbeite in München, sagte der Dunkle und rief die Bedienung heran, um ihr die Bestellung ins Ohr zu flüstern. Das fehlende Abendessen hatte ich in diesem Moment schon vergessen. Der Dunkle dröhnte, ein Redeschwall von Fröhlichkeit darüber, wie er Deutschland liebe, sein Freund hingegen schweige, weil er kein Deutsch könne und weil er die Deutschen hasse, dabei sei das doch alles so lange her, und einem heutigen Deutschen sei sein Freund in seinem ganzen Leben noch nie begegnet. Als der Dunkle das sagte, schaute ich den Blonden an, der schüchtern dasaß, eingeschüchtert, gleichzeitig mich in manchem Moment neugierig beäugend, als würde ich nicht merken, wenn er es tat.

Vor diesem Aufenthalt in Krakau hatte ich zum ersten Mal ausführlicher über die deutschen Verbrechen an den Polen während der Nazizeit gelesen. Nicht dass ich zuvor nicht davon gewusst hätte, dass man hier eine Nation hatte auslöschen wollen, aber die Details, das konkrete Vorgehen, das war mir nicht bekannt gewesen. In Krakau etwa hatte man im November 1939 die Professoren der Universität zu einem Vortrag über deutsche Hochschulpolitik eingeladen. 183 kamen und, statt belehrt, wurden sie verhaftet und deportiert. Zu diesem Zeitpunkt wurden sie noch nicht ermordet, das kam erst später. Eine Elite war auszulöschen, um eine Nation ihrer Existenz zu berauben. Und der Blonde erzählte mir nun, übersetzt durch den Dunklen, dass seine Vorfahren die Zielpersonen dieser Mordkampagne waren. Er blinzelte eine Träne weg, und auch ich musste blinzeln.

Weitere Artikel des Autors