Die jüngste, vielleicht beste und vorläufig letzte Geschichte der deutschen Literatur seit 1989
von Eva GeulenVorgeschichten
Heine sah in der Literaturgeschichte »die große Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt oder womit er verwandt ist«. Kurz darauf wurde die Literaturgeschichtsschreibung zur Königsdisziplin der noch jungen Germanistik und blieb es bis weit ins 20. Jahrhundert. Als ich vor ein paar Jahren Studierende in einer Lehrveranstaltung etwas ungehalten fragte, ob sie eigentlich mal eine Literaturgeschichte in der Hand gehabt hätten, sahen sie mich entgeistert an, denn die Literaturgeschichte, das sei doch die Abfolge aller deutschsprachigen literarischen Werke vom Mittelalter bis heute und somit nichts, was man in die Hand nehmen könnte. Das Bewusstsein für Literaturgeschichte als Bestandteil der Literaturwissenschaft hat offensichtlich einen Tiefpunkt erreicht.
Ganz überraschend ist das nicht, denn das »Projekt der deutschen Literaturgeschichte« im 19. Jahrhundert bezeugt bis in den Nationalsozialismus die üblen politischen Verstrickungen des Fachs. Vielleicht das letzte literarhistorische Großunternehmen war die kaum zufällig von dem niederländischen Germanisten Helmut de Boor verantwortete Reihe Die deutsche Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Das war 1970, aber damals hatte sich schon die Soziologie der diskreditierten Literaturgeschichte angenommen.
Arnold Hausers von Karl Mannheim angeregte Sozialgeschichte der Kunst und Literatur war 1951 auf Englisch und zwei Jahre später auf Deutsch erschienen. Ab 1980 erschienen im Hanser Verlag sukzessive zehn Bände der Sozialgeschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Die Soziologie ist bis heute ein wichtiger Stichwortgeber des Faches geblieben, neben Luhmann vor allem Bourdieu mit seiner Theorie des literarischen Felds. Und wer sich heute auf das Gebiet der Gegenwartsliteratur begibt, kriegt ohne die stets griffigen Zeitdiagnosen von Andreas Reckwitz kein Bein auf die Erde.
Voluminöse Literaturgeschichten, in denen die Literatur nicht ins zweite Glied rückt, sondern an erster Stelle steht, wurden aber auch von einer Fülle kleinteiligerer Studien mit stark gedrosselten literarhistorischen Ansprüchen abgelöst. Aufgrund der Möglichkeiten der Digital Humanities, des »great unread« habhaft zu werden, sind sie derzeit im Aufwind. Historisierung ist also germanistische Bürgerpflicht geblieben, aber die Großgattung Literaturgeschichte wird schon länger nicht mehr bedient.
Ein aparter Ausreißer von dieser Regel war Heinz Schlaffers Essay Kurze Geschichte der deutschen Literatur von 2002. Er löste eine Feuilleton-Kontroverse aus, weil Schlaffer frei nach Hofmannsthals Diktum »Wir haben Goethe und Ansätze« der deutschen Literatur nach »geglückten Anfängen« im 18. Jahrhundert nur noch »Stagnation« und in der Gegenwart allenfalls »geschwächten Fortgang« bescheinigen mochte. Vom dubiosen Rang der älteren Literaturgeschichten, deren oberstes Anliegen die nobilitierende Aufwertung der deutschen Literatur gewesen war, schien bloß der Affekt geblieben, der sich regt, sobald einer behauptet, es sei so weit doch nicht her mit der deutschen Literatur.
Dabei schienen sich die Geschicke der deutschen Gegenwartsliteratur gerade zu wenden, denn im selben Jahr wie Schlaffers kurze Literaturgeschichte kam Moritz Baßlers bahnbrechende Studie Der deutschen Pop-Roman heraus: Die Gegenwartsliteratur war auf einmal so gut und spannend wie der deutsche Fußball und deshalb auch wissenschaftlich auf neue Weise interessant. In Gestalt der »neuen Archivisten« schien Verantwortung für die Geschichte der Gegenwart an die Literatur selbst übergegangen zu sein. Wenn die soeben erschienenen Literaturgeschichtsromane von Florian Illies (Thomas Mann) und Volker Weidermann (Mascha Kaléko) ein Indiz sind, könnte das der Beginn eines Trends gewesen sein – vorausgesetzt, es handelt sich bei den neuen Romanen um Literatur.
Jedenfalls war es um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur bis zu Baßlers Buch kaum besser bestellt als um die »Geschichte der deutschen Literatur« im Mainstream der Germanistik. Natürlich gab es laufend Skandale und Skandälchen in der Literaturkritik der Feuilletons, denn davon lebt man dort. Aber seit dem Zürcher Literaturstreit von 1966, als Emil Staiger gegen »Zuhälter, Dirnen und Verbrecher« in der damaligen Gegenwartsliteratur wetterte, gingen die aktuelle Literatur und ihre Wissenschaft sich eher aus dem Wege. Allenfalls den sakrosankten Übervätern der Nachkriegsliteratur, etwa Grass, Walser, Handke im Westen oder der Übermutter Christa Wolf im Osten, wurde längerfristig wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil – bis sie, älter geworden, sich auf die eine oder andere Weise etwas aufs Kerbholz luden und darüber auch wissenschaftlich in Ungnade fielen oder mindestens für Irritationen sorgten: Es war der Anfang vom Ende der Nachkriegsliteratur.