Heft 895, Dezember 2023

Eskalation erzählen

Nachwendenarration als Gewaltgeschichte von Eckhard Schumacher
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Nachwendenarration als Gewaltgeschichte

Die großflächig ausstrahlenden Thesen, die die Historikerin Katja Hoyer und der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann in ihren recht unterschiedlichen Büchern zum freundlich-normalen privaten Alltag in der DDR und zur westdeutschen Erfindung des Ostens als Abweichung von der Norm entfaltet haben, sind für die einschlägig relevanten Fragen erstaunlich unergiebig, haben aber schnell zu einer interessant überhitzten Debatte geführt.1 Die massive Resonanz zeigt unmissverständlich, dass die Bücher Fragen aufnehmen und aufwerfen, für die Diskussionsbedarf besteht. Sie führt aber auch vor Augen, dass die wünschenswerte Aufmerksamkeit mit einem verblüffenden Verzicht auf Differenzierung und, bei Oschmann, einer grob polarisierenden Polemik erreicht wird, die einem Bedürfnis nach Zuspitzung, Vereinfachung und Eindeutigkeit entgegenkommen, das für eine Diskussion in der Sache wenig förderlich ist. Dabei fällt auf, dass kritische Einwände gegenüber beiden Büchern nicht nur aus dem »Westen« kommen, wo immer dessen Grenzen genau verlaufen mögen. Schärfer formuliert und präziser adressiert werden sie auf der vermeintlich anderen Seite, von Personen, die wie Hoyer und Oschmann in der DDR sozialisiert oder zumindest geboren wurden.

So stimmt Steffen Mau, aus dessen soziologischer Studie Lütten Klein Oschmann in seinem Buch mehrfach Belegstellen herbeizitiert,2 in einer gemeinsamen Diskussion diesem zwar in mehreren Punkten zu, nicht zuletzt hinsichtlich der diskursiven Dominanz des Westens, des Fehlens einer Öffentlichkeit, die nicht immer schon westdeutsch geprägt ist. Beide Bücher, Hoyers wie Oschmanns, kommen für Mau aufgrund mangelnder Differenzierung jedoch zu umstandslos jenen »Ressentiments«, »Allerweltsdeutungen« und »Vorurteilen« entgegen, die die Debatte ohnehin seit einiger Zeit prägen.3

Oschmann hat diese Kritik erwartet und in seinem Buch schon vorab kommentiert, wenn er in gelegentlich ein wenig selbstgefälliger Ausführlichkeit darlegt, er habe zugunsten von Zuspitzung und Schematisierung auf Differenzierung verzichtet, da niemand die »schon in Hülle und Fülle« vorliegenden differenzierten Darstellungen lese. Das ist als strategische Entscheidung nachvollziehbar, ändert aber nichts daran, dass die in mehrfacher Hinsicht komplizierten Verhältnisse so nur unzureichend in den Blick kommen. Dies gilt für die diskursive Zurichtung des Ostens durch den Westen, auf die Oschmann abzielt, wie für Hoyers Ansatz, sehr selektiv eine et-was hellere, nicht gleich mit Mauertoten und Stasi assoziierte DDR zu zeigen. Was nicht nur in diesen Büchern fehle, sei eine kritische Sicht auf die DDR durch ehemalige DDR-Bürger selbst, argumentiert Mau im Gespräch mit Hoyer und Oschmann, der bisherigen Aufarbeitung fehle so etwas »wie ein ’68«.

Dabei geht es Mau nicht um eine weitere Projektion westdeutsch konnotierter Diskurse in Richtung Osten, nicht um ein erneutes Ausblenden jener ostdeutschen Achtundsechziger-Generation, die mit der Niederschlagung des Prager Frühlings stillgestellt wurde, und auch nicht um eine Infragestellung der verschiedentlich ventilierten These, die Revolution von 1989 sei letztlich das ostdeutsche (und tatsächlich revolutionäre) Achtundsechzig gewesen. Mit der Chiffre »Achtundsechzig« weist Mau vielmehr darauf hin, dass die Frage, was die eigenen Eltern, Großeltern und Freunde vor 1989 gemacht hätten, zu wenig gestellt werde. Wünschenswert wäre eine innerostdeutsche Verständigung, die nicht in erster Linie auf Anklage oder Entlarvung zielen muss, sondern mit der gegebenen historischen Distanz einen genaueren Blick auf die Spannung zwischen Alltag und dem, was das System ausgemacht hat, ermöglichen könnte.

Was Mau als Desiderat markiert, wird auch in der Soziologie und der Geschichtswissenschaft diskutiert, auffallend ausgeprägt werden die entsprechenden Fragen aber seit einigen Jahren in der Gegenwartsliteratur gestellt – und hier zuletzt insbesondere von Autorinnen und Autoren, die in den späten 1980er Jahren geboren wurden und als »Nachwendekinder« kaum auf eigene Erinnerungen an DDR und Wendezeit zurückgreifen können.4 So wird ein Blick auf die DDR und deren Ende möglich, der nicht durch die vermeintlich unmittelbare eigene Anschauung, sondern durch die Perspektive der Nachwendejahre geprägt ist, die in diesen Büchern erstmals ausführlich entfaltet wird und tatsächlich neue Sichtweisen ermöglicht.

Manja Präkels, die, 1974 geboren, mit ihrem 2017 veröffentlichten Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß beide Erfahrungshorizonte verbunden hat,5 betont in diesem Sinn, es brauche nicht nur »die Geschichten derer, die die DDR aufgebaut, in ihr gelebt haben«, sondern auch »die Geschichten der Nachgeborenen, für die sie weiterhin einen wichtigen Bezugspunkt darstellt«, zumal »ihr Leben immer von dieser Vergangenheit geprägt sein wird«.6 Das gilt auch für die 1992 geborene Charlotte Gneuß, die mit ihrem Roman Gittersee, einer auf das Jahr 1976 datierten Familiengeschichte in einem Dresdner Vorort,7 angesichts ihres Geburtsjahrs, ihres Geburtsorts Ludwigsburg und einer in den Literaturbetrieb eingespeisten Mängelliste mit Korrekturen zu DDR-spezifischen Sprechweisen die für das literarische Schreiben durchaus fragwürdige Frage provoziert hat, wer eigentlich DDR-Geschichten aus der Zeit vor 1989 erzählen kann oder darf. Möglicherweise ist es noch ungewohnt, aber kaum abwegig, wenn auch eine im Westen aufgewachsene Autorin, deren Eltern und Großeltern in der DDR gelebt haben, darauf hinweist, dass wir »ein 1968 für unsere Ostgeschichte« brauchen und »wir endlich anfangen sollten, in unseren Familien Fragen zu stellen. Wo wart ihr damals? Was habt ihr vor 1989 gemacht?«8

Besonders nachdrücklich hat diese Fragen zuletzt Anne Rabe verfolgt. In ihrem Essay Kinderland hat sie vor einigen Jahren schon darauf hingewiesen, dass bereits der »dritten Generation Ost«, den Jahrgängen 1975 bis 1985, aufgedrängt wurde, »die Achtundsechziger des Ostens« zu werden. Aber auch ohne die unweigerlich westdeutsch-nostalgische Reminiszenz sind die entsprechenden Fragen erkennbar ebenso für die etwas später Geborenen virulent, die, wie Rabe, ihre Kindheit kaum mehr in der DDR verbracht haben, für die die »Wirkkraft« der »DDR-Strukturen« gleichwohl weiterhin prägend war, die sich aber »problemlos durch ganz Deutschland, Europa und die Welt bewegt« und »dieselbe Musik gehört und dieselben Fernsehsendungen« gesehen haben »wie die westdeutsche Generation Y«. Angesichts von angezündeten Asylbewerberheimen, Gewalt gegen Geflüchtete, dem rechtsextremen Terror des NSU und der zuletzt gerade auch von Jüngeren unterstützten AfD, vor dem Hintergrund von Stimmen, die von den Nachwendekindern nicht Austausch und Aufklärung erwarten, sondern Schweigen, da sie ja nicht wüssten, wie es damals war, in einer Situation, in der der Osten und der Westen so weit voneinander entfernt seien »wie vielleicht noch nie seit 1989«, liege es »jetzt«, schreibt Rabe, »an uns, eine Sprache für all das zu finden«.9

Ihr Roman Die Möglichkeit von Glück ist als ein Versuch in dieser Richtung zu lesen.10 Als ein Versuch, sich zu erinnern, an die eigene Kindheit, die eigene Sozialisation, aber auch als Versuch, grundsätzlichere Fragen zu stellen, zum Verhältnis von Familie und Staat, von Diktatur und Demokratie, von Vergangenheit und Gegenwart. »Die Geschichte ist mir so nah, ich komme nicht von ihr los«, bemerkt die 1986 an der ostdeutschen Ostsee geborene Protagonistin Stine angesichts von Bildern des Mauerfalls und der in ihnen aufscheinenden »Möglichkeit von Glück«. Die »Erinnerungen an die Wendezeit« sind für sie allerdings »so bruchstückhaft, so flatternd«, dass sie »kein wirkliches Bild« ergeben. Der Unsicherheit, mit der Stine versucht, aus der Perspektive der Gegenwart der 2020er Jahre die Erinnerungen durch Gespräche mit dem Bruder, Befragungen von Schulfreundinnen und Archivrecherchen zu ihrem verstorbenen Großvater zu ergänzen, korrespondiert die Entscheidung, Stine auf der Ebene der Narration weder als Person noch als Erzählinstanz souverän erscheinen zu lassen. Der Roman erzählt keine gradlinig nachvollziehbare Geschichte, von Beginn an verwickelt Rabe ihre Erzählerin in ein Selbstgespräch, eine kursiv gesetzte Selbstbefragung, was sie, durchaus in Anlehnung an die Erzählweise von Christa Wolfs Kindheitsmuster (1976), auf bemerkenswerte Weise mehrstimmig erscheinen lässt, reflektiert, aber auch brüchig, fragmentiert. Sie folgt verschiedenen Fährten, entdeckt Zusammenhänge, aber auch lose Enden, studiert Akten, nicht nur im Stasi-Unterlagen-Archiv, äußert Zweifel, auch der eigenen Erinnerung gegenüber, stellt mit ihren Fragen immer auch sich selbst infrage oder wird, wenn sie von »Hohenschönhausen« oder »Torgau« hört, von »einer Schamwelle fortgeschwemmt«.

Das tentative Vorgehen im Modus des Erzählens wie in den Reflexionen der Erzählinstanz steht in scharfem Kontrast zu dem, was die Fragen, Recherchen und Versuche, sich zu erinnern, hervorbringen: »Es war alles Gewalt, denkst du, alles voller Gewalt. Und wie soll man das ordnen? Wie soll man die Geschichten miteinander ins Verhältnis setzen?« Um Fragen nachzugehen, die sie zu seinen Lebzeiten nicht gestellt hat, versucht Stine, die Geschichte ihres Großvaters Paul Bahrlow zu rekonstruieren. Über eine Reihe von Archivrecherchen stößt sie auf eine Kontinuität von Gewalterfahrungen, die sein »Leben im Lumpenproletariat der Weimarer Republik« und das »Leben als Kanonenfutter« vor Stalingrad mit dem »Leben als Propagandist der SED«, als Verteidiger des Schießbefehls und dem für ihn nicht nachvollziehbaren Eintrag der Bildungsministerin in die Kaderakte verbindet, die dem promovierten Wissenschaftler den in Aussicht gestellten Weg zum Hochschuldozenten verschließt. Die »Gewalt der Diktatur« zeigt sich hier nicht, wie in vielen anderen Geschichten, durch eine Vereinnahmung durch die Staatssicherheit, sondern, weniger skandalträchtig, aber kaum weniger folgenschwer, in der vermeintlichen Normalität eines »staatsnah« entwickelten und doch massiv beschädigten Lebenslaufs.

»Was ist Gewalt, denkst du? Und warum wirkt sie so lange nach? Warum vergisst du sie nicht einfach?« Verschiedene Geschichten verbinden sich, setzen sich für Stine als Gewaltgeschichten, die nicht immer einer einfachen Täter-Opfer-Logik folgen, miteinander ins Verhältnis, neben die Geschichte des Großvaters rücken Robert Steinhäusers »Gewaltexzess von Erfurt«, die Mordserie des NSU und vor allem, in vielfach wiederholten Ansätzen, die Gewalt in der eigenen Familie. Sichtbar werden drastische Erziehungsmaßnahmen der Mutter, die ihre Kinder schlägt, in die viel zu heiße Badewanne zwingt und Jahre später massiv auf die Erziehung des Kindes ihrer Tochter einzuwirken versucht, aber auch das Schweigen der Mutter über das, was sie als Erzieherin über die Umerziehungsmaßnahmen in einem benachbarten – in der Nachwendezeit zu einer Partylocation umfunktionierten – ehemaligen Jugendwerkhof der DDR wusste. Das Nachdenken über den Bruch mit den Eltern und die Erinnerung an die häusliche Gewalt führen Stine zu Recherchen zu Erziehungs- und Bildungsinstitutionen der DDR, die einmal mehr die Diktatur als auf vielen Ebenen gewalttätiges System sichtbar machen, vor allem aber auch Fragen nach Verbindungen von autoritärer Erziehung und rechtradikaler Gewalt in der Nachwendezeit und der unmittelbaren Gegenwart aufwerfen.

Nicht nur in dieser Hinsicht bildet der Roman einen Gegenentwurf zu jener Trennung von Alltag und Diktatur, die den DDR-Nostalgie-Diskurs prägt und die auch von Hoyers Geschichtsdarstellung reproduziert wird. Die Rekonstruktion der ostdeutschen Nachwendezeit als Gewaltgeschichte markiert zugleich den beträchtlichen Abstand, den Rabes Roman von Oschmanns Bild vom Osten als Abweichung von der westlich bestimmten Norm trennt, zumal hier nicht ein westdeutsches Klischee weiter ausbuchstabiert wird, sondern in einer Selbstbefragung ostdeutscher Sozialisationsprozesse Fragen zur Nachwendezeit aufgeworfen werden, die Oschmann weitgehend ausblendet. Rabes Entscheidung, dies im Modus der Fiktion anzugehen, die den Rekurs auf eigene Erfahrungen ebenso wenig ausschließt wie die Einarbeitung von Faktenwissen aus Archivrecherchen, relativiert den Status ihres Buchs als Beitrag zur laufenden Debatte keineswegs. Sie eröffnet vielmehr Perspektiven für Diskussionen, die erst noch zu führen sind. Entscheidend dafür ist nicht zuletzt der Ansatz, angesichts der vielfach eskalierenden Gewaltgeschichten, die Gegenstand des Romans sind, in der Erzählweise selbst nicht auf Eskalation zu setzen, sondern die Darstellung von exzessiver Gewalt auf wenige knappe, fast beiläufig erscheinende, aber umso heftiger nachwirkende Sätze zu beschränken.

Wie für Anne Rabe sind auch für Hendrik Bolz und Daniel Schulz Ereignisse der Gegenwart, ein erstarkter Rechtsextremismus, erneute Ausbrüche von Gewalt und das damit verbundene Bild von Ostdeutschland, Auslöser für eine Rückwendung auf die Nachwendezeit, auf die 1990er Jahre in Schulz’ Roman Wir waren wie Brüder und auf die Nullerjahre bei Hendrik Bolz.11 Wie Rabe verbinden auch Bolz und Schulz in ihren Büchern weiter ausgreifende Recherchen, Reflexionen und Verfahren der Fiktionalisierung mit Rückgriffen auf eigene Erfahrungen und Irritationen, die sie zunächst ebenfalls in Essays verarbeitet haben.12 »Ich sehe Chemnitz und frage mich: Was habt ihr mit mir zu tun? Was ich mit euch?«, fragt Schulz in seinem Essay Wir waren wie Brüder angesichts der Ereignisse im Rahmen des 2018 von rechten und rechtsextremen Gruppen organisierten »Trauermarschs« in Chemnitz und macht diese Fragen zum Ausgangspunkt eines Romans, der aus der Perspektive eines zunächst zehnjährigen Kindes über den Zeitraum von 1989 bis 2000 das Aufkommen und die Eskalation von Gewalt in der leicht fiktionalisierten brandenburgischen Provinz erzählt.

Auch Bolz beobachtet den Aufstieg der diversen Formationen der neuen Rechten und die Ausschreitungen in Heidenau, Freital und Chemnitz nicht aus einer distanzierten Position, er sieht sich vielmehr auf Konstellationen in den Nullerjahren zurückverwiesen, auf zwischenzeitig ausgeblendete Kontinuitäten, auf die eigene gewaltaffine Sozialisation in einem Neubauviertel in Stralsund: »Als es plötzlich hieß, der Osten solle sich doch endlich mal zusammenreißen«, liest man auf den ersten Seiten von Nullerjahre, »diese ganzen hässlichen arbeitslosen Hinterwäldler hätte man eh niemals aufnehmen sollen, fühlte ich mich plötzlich mitgemeint, fühlte mich fremd und ausgesondert und hatte das Bedürfnis, mich schützend vor meine ehemalige Heimat zu stellen.«

So wie der autornah konstruierte Hendrik in Nullerjahre »verwirrt, gekränkt und gleichzeitig beschämt« reagiert, kommentiert Bolz auch an anderer Stelle die gängigen Debatten über Gewalt in Ostdeutschland seit 2015: »Auf der einen Seite schämte ich mich total. Auf der anderen Seite habe ich diese Häme ›den Ostdeutschen‹ gegenüber da zum ersten Mal so richtig bewusst wahrgenommen, was für eine Totalabwertung des Ostens in manchen Kreisen stattfindet.«13 Diese Beobachtung führt Bolz allerdings weniger zu Richtigstellungen oder Gegenargumenten als vielmehr zu dem Wunsch nach einem Diskurs, der »idealerweise unter Teilnahme von möglichst vielen Leuten quer durch sämtliche Generationen und Milieus geführt werden« sollte, »sachlich und verständig, statt wertend, ohne die erdrückende Scham und ohne permanent die Meinung des Westens mitzudenken«. Und wie für Schulz und auf andere Weise Rabe bildet für Bolz dieser Wunsch ebenso einen Ausgangspunkt seines Buchs wie die Einsicht, dass »es sich lohnt, sich seine eigene Nachwendekindheit mal genau anzuschauen«.14

Anders als Rabe sehen sich Bolz und Schulz veranlasst, ihren Büchern Trigger-Warnungen voranzustellen. Schulz weist darauf hin, dass in seinem Buch »rassistische, antisemitische, sexistische, homophobe und in anderer Weise diskriminierende Worte verwendet« werden, »weil die Brutalität von Sprache und die Gewalt, von der hier erzählt wird, miteinander verknüpft sind«. Bolz betont vorab, sein Buch berichte »aus einer Welt, von der man schwer erzählen kann, ohne den Rassismus, den Antisemitismus, die Misogynie, die Homophobie und die Gewalt sprachlich zu reproduzieren, die in ihr zentrale Ordnungsprinzipien waren«. Geschuldet ist die Entscheidung, Gewalt auch auf der Ebene der Sprache sichtbar zu machen, nicht zuletzt signifikanten Verschiebungen der Perspektive: Bei Rabe ist die Familie ein zentraler Schauplatz für Gewaltexzesse, bei Schulz und Bolz geht es um Gewaltakte in Gruppen von Gleichaltrigen und in der Öffentlichkeit.

Und während Stine in Rabes Roman der Gewalt, die sie beschreibt, ausgesetzt ist, sind die Protagonisten der Bücher von Schulz und Bolz selbst aktiv an Gewalttaten beteiligt. »Ich habe meinen ersten Nazi erwischt«, setzt eine Art von Prolog in Wir waren wie Brüder ein, in dem der erwachsene Protagonist »eine Glatze« verprügelt und im Anschluss 400 Euro zahlt, um die Geschichte, die ihn dazu geführt hat, nicht vor Gericht erzählen zu müssen. Diese Geschichte, eine weitgehend chronologisch erzählte Coming-of-Age-Story, entfaltet dann der Roman, indem er den etwas ungeschickt wirkenden, namenlosen Protagonisten aus einem christlich geprägten Elternhaus zunächst in kleinere Gewaltfantasien und Schulprügeleien verwickelt, aus denen sich in der Wendezeit im weiteren Freundeskreis schnell das entwickelt, was als rechte Gewalt klassifiziert wird und im Verlauf der Geschichte zunehmend eskaliert.

Der Protagonist wird dabei selbst mehrfach zum Opfer von Gewalt, beobachtet – parallel zu einer sich langsam aufbauenden Liebesgeschichte – aus mittlerer Distanz verschiedene brutale Übergriffe von Neonazis, arrangiert sich als eine Art von Mitläufer zwischen verschiedenen gewalttätigen Szenen, vermeidet so eine »Karriere als Boxsack« und realisiert erst sehr spät, dass bei »all der Scheiße, die die Jungs auf dem Parkplatz so erzählt haben, den dämlichen Sprüchen, den Hitlergrüßen«, sie sich nicht nur »gegenseitig auf die Fresse« gehauen haben, sondern öfter nachts rausgefahren sind, »nach Potsdam oder Berlin, zum ›Kanakenklatschen‹ oder ›Zeckenklatschen‹«. Die Eskalation von Gewalt, die der Roman entlang der chronologisch erzählten Ereignisse auch sprachlich mitvollzieht, wird dabei durch den Erzähler, der immer etwas naiv wirkt und gerade in drastischen Gewaltszenarien einen merkwürdig unbeholfenen Sinn für Komik entwickelt, konterkariert, aber nicht relativiert.

Was Schulz’ Erzähler versucht, aber nur bedingt erreicht, steht für Hendrik, den Protagonisten in Nullerjahre, im Zentrum von mehr oder minder allem, was in Knieper West, einem Stadtteil von Stralsund, relevant ist: Härte. Erst sehr viel später, nach einem Umzug nach Berlin, wo er entgegen dem ursprünglichen Plan nicht »härter und härter und immer härter geworden« ist, realisiert Hendrik, wie er rückblickend reflektiert, »dass es okay ist, Angst zu haben, dass es okay ist, traurig zu sein«, dass es »nicht verrückt ist, etwas zu fühlen«. Das war in den Nullerjahren in Knieper West nicht vorgesehen: In der DDR als Neubauviertel ein angesehener und begehrter Ort, erfährt der Stadtteil nach der Wende einen rapiden Imageverlust, wird mit Abstieg, Armut und Verrohung nicht nur assoziiert, sondern auch konfrontiert.15 So erscheinen auch in Bolz’ Nullerjahren Arbeitslosigkeit, soziale Deklassierung, rechte Subkulturen, Alkoholismus, ungebremster Drogenkonsum und permanente Gewaltbereitschaft schon bei sehr jungen Jugendlichen in Knieper West als Normalzustand. In dem Maß, in dem der »Held des Tages« immer »härter, böser, gemeiner als alle anderen zusammen« ist, setzt auch Hendrik auf eine entsprechende Außendarstellung: »Umso beschissener ich mich fühle, umso schwächer ich im Inneren bin, umso härter muss ich von außen aussehen, umso brutaler muss ich auftreten.«

Eltern spielen in Nullerjahre keine Rolle, sie kommen im Buch nicht vor. Das entspricht der vieldiskutierten Überforderung der Elterngeneration durch den Systemwechsel und den Thesen zur »Generation der Unberatenen« in der Nachwendezeit im Osten,16 Bolz weist aber auch auf einen anderen Grund für das Ausblenden der Eltern hin: »Das war eine Welt, zu der Eltern keinen Zugang hatten. Also wer mit seinen Eltern rumhängt, der ist ja wohl total der Lappen.«17 Enger Kontakt zu den Eltern passt in der in Nullerjahre dargestellten Welt nicht zum alles überstrahlenden Paradigma der Härte, auch wenn Grundelemente davon – Abhärtung, ein Kerl sein, nicht heulen – durch Eltern, Erziehungsinstitutionen, Sportvereine und Ferienlager vermittelt und mitgeprägt wurden. Bolz führt das ebenso in drastischen Szenen vor Augen wie die eskalierenden Gewalt- und Drogenexzesse, die einen Alltag prägen, in dem Spaß, Euphorie und Rausch kaum mehr von dumpfer Abstumpfung zu trennen sind.

Bolz’ Sprache, seine literarische Verarbeitung einschlägiger Sprechweisen wie seine sachgerechten Schilderungen einzelner Szenen, entwickelt dabei einen Drive und einen Sog, der nicht nur anschaulich vermittelt, dass Hendrik, bei aller Unsicherheit, die Kriterien für Härte hinreichend erfüllt. Bei aller Distanz, die die retrospektive Rahmung von Nullerjahre nahelegt, evozieren Sprache und Sprechweisen des Romans zugleich eine immer noch vorhandene Faszination für diese Zeit und diese Exzesse. Bolz lässt wenig Zweifel daran, dass er das Buch als jemand schreibt, der Täter war, zwar mit Abstand zu den Nachbarschafts-Nazis, aber fasziniert von Gewalt, Rausch und deren Steigerungsimperativen. Das ist in der Lektüre nicht immer gut auszuhalten, was jedoch ebenso als Stärke des Buchs zu registrieren ist wie die rapiden Tempowechsel und das Umschalten zwischen verschiedenen sprachlichen Registern, mit denen Bolz die Rhetorik der Eskalation kontert, sie durch den umsichtig dosierten Einsatz von Humor und Komik, vor allem aber durch die regelmäßige Einblendung von Hintergrundinformationen und Wikipedia-Wissen unterbricht, kommentiert, konterkariert.

So stehen den drastischen Gewaltszenen und der grotesk detailgenauen Darstellung der »Terrorherrschaft« brutaler Schlägertypen informative Reflexionen entgegen, etwa zu Arbeitslosenzahlen in Mecklenburg-Vorpommern, zum Schweriner Innenministerium, das Morde von Rechtsextremen zu Streitereien zwischen jungen Männern umdeutet, oder zum »Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit für den Umgang mit ostdeutschen rechten Jugendlichen«, das Teil des »Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt der Bundesjugendministerin Angela Merkel« war, in dem den jugendlichen Straftätern als »hilfsbedürftigen Modernisierungsverlierern« mit »niedrigschwelligen Angeboten« begegnet werden sollte – mit der Folge, wie Bolz in Nullerjahre ausführlich ausbreitet, »dass rechte Strukturen sich erst recht ungestört etablieren konnten, rechte Straftaten quasi mit Staatsgeldern und Aufmerksamkeit belohnt wurden, dass rechte Jugendliche die sozialen Einrichtungen, meist alte FDJ-Jugendclubs, komplett für sich besetzten«.

Peter Hintz hat Nullerjahre als »politisierten Pop-Roman« beschrieben,18 was schon naheliegt, weil die Geschichte von Song-Zitaten und Popkultur-Wissen durchsetzt ist und der sprachliche Flow des Romans sich erkennbar auch den Skills verdankt, die Hendrik Bolz unter dem Pseudonym Testo als Teil des Hip-Hop-Acts mit dem gleichermaßen signifikanten Namen Zugezogen Maskulin entwickelt hat.19 Die Zuschreibung ist aber auch insofern treffend, als Nullerjahre wie viele andere Bücher, die in den letzten Jahren mit dem Schlagwort Pop-Roman belegt worden sind, in seiner literarisch-performativen wie seiner sachlich-argumentativen Kraft leicht unterschätzt werden kann.

Manja Präkels hat in ihrem Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß vergleichbare Konstellationen aus den neunziger Jahren aus der Gegenperspektive derjenigen, die Gewaltakten und Neonazi-Terror ausgesetzt waren, zur Sprache gebracht. Sie beschreibt in ihrem Nachwort zur Taschenbuchausgabe von Nullerjahre Bolz’ Buch als »ein Aufbäumen gegen Ignoranz und Simplifizierung«, gegen das »jahrzehntelange Schweigen, Wegsehen und Nichtwissenwollen« – und damit auch als einen »Versuch einer Rückeroberung eigener Geschichte, die immer auch eine Geschichte der Herkünfte, Länder, Städte, Viertel ist und schließlich der Verhältnisse, in denen die Menschen dort miteinander lebten und weiterleben«. Zugleich weist sie darauf hin, dass hier zwar auf Knieper West und Ostdeutschland fokussiert wird, sich vieles davon aber »in alle Himmelsrichtungen übertragen« lässt: »ob Gropiusstadt, Pariser Banlieues oder Stockholms Nordbezirk Rinkeby-Kista«.

Die Bücher von Bolz, Präkels, Rabe und Schulz wie auch Lukas Rietzschels bereits 2018 erschienener Roman Mit der Faust in die Welt schlagen, Domenico Müllensiefens Aus unseren Feuern aus dem Frühjahr 2022 und die Vielzahl von Tweets, die seit 2019 unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre veröffentlicht wurden,20 schaffen in ihrer Heterogenität tatsächlich jene »Vielfalt der Perspektiven«, die Präkels in ihrem Essayband Welt im Widerhall oder war das eine Plastiktüte auch und gerade den »Geschichten der Nachgeborenen« zuschreibt. Dass dabei gleichwohl noch »viel zu entdecken« bleibt, verbindet Präkels mit dem Hinweis auf die in diesen Büchern wenn überhaupt, dann nur am Rand in den Blick kommende »ostdeutsche Migrationsgeschichte«. Der Hinweis gilt den Sozial- und Geschichtswissenschaften, in denen diese Perspektive gerade nachdrücklich hervorgehoben wird,21 kann aber auch im Bereich der Gegenwartsliteratur den thematisch einschlägigen Bücherstapel wie das Reflexionsniveau signifikant erhöhen.

So eröffnet etwa Olivia Wenzels 1000 serpentinen angst nicht nur den Blick auf die Nachwendejahre einer in der DDR geborenen schwarzen Frau.22 Angesichts der Familiengeschichte der Protagonistin, deren Mutter, »eine Punkerin, gefesselt an die DDR«, in einer »ostdeutschen Kleinstadt« mit einem »angolanischen Mann« zusammengekommen ist, wirft der Roman die Frage auf, ob das nun der Pitch für den nächsten, klischeehaften DDR-Film bei den Öffentlich-Rechtlichen sei. Die so befragte Protagonistin verneint das nicht explizit, sie hebt vielmehr hervor, dass Klischees »ziemlich oft« stimmten und das Problem nur sei, »dass sie immer wieder nur dieselbe, eine Perspektive beschreiben«. Entsprechend weicht der Roman erwartbaren Klischees nicht aus, gibt ihnen aber einen anderen Dreh, beschreibt zugleich andere Perspektiven. Die dumpfe Ignoranz gegenüber der Protagonistin, die einem Psychologen erläutert, sie sei »mit offenem Rassismus aufgewachsen, in Ostdeutschland« und kenne die »Angst der Leute, die in Asylbewerberheimen leben«, lässt diesen als ein letztlich ähnlich irritierendes Problem erscheinen wie den »moderaten Neonazi« im Freundeskreis der Mutter.

Die Einschätzung, in Deutschland neige man »zu gewalttätigen Übertreibungen«, führt zunächst zu einer realitätskonformen Erinnerung an Leute, die Wohnheime anzünden und »als 80-köpfiger Lynchmob irgendwelche Kids« verfolgen, »um sie abzustechen«. Das Prinzip der »gewalttätigen Übertreibungen« setzt sich aber, unterstützt durch einen Modus narrativer Eskalation, schnell weiter fort, wenn die Protagonistin in einem Traum »etwas aufflackern« sieht, ein »Bild aus dem Geschichtsunterricht, aber aktualisiert, irgendwie neuer«, ein Bild der »lieben Freundinnen«, die »mit abgetrennten Gliedmaßen, blutüberströmt, mit verzerrten Gesichtern am Boden« liegen, »irgendwo in Berlin, irgendwo in New York, irgendwo in Thüringen«. Auch der in der Diskussion des Romans vielzitierte »Tag am See« entfaltet eine ähnliche Dynamik, wenn die »plötzlich« erinnerte Präsenz von vier sich am Seeufer »stramm und zackig« ausziehenden Nazis das abschweifende Nachdenken über Wolken in eine eindringliche Reflexion zu diversen Dimensionen von »rechtem Terror« übergehen lässt.

So wie in diesen Passagen gelingt es Wenzel auch grundsätzlich auf der Ebene des Erzählens, Sichtweisen und Sprechpositionen permanent zu verschieben und zu vervielfältigen. »Mein Herz ist ein Automat aus Blech«, markiert der Roman gleich zu Beginn jene enge Beziehung, die die Protagonistin zu einem Snack-Automaten unterhält, der »an irgendeinem Bahnsteig, in irgendeiner Stadt« steht, dessen Inhalt sie »in jeder beliebigen Konstellation« anschauen kann und in den sie, zunächst im Konjunktiv, wenig später einsteigt, um »Unterschlupf« zu suchen, »durch die Scheibe nach draußen schauen« zu können, die Perspektive zu wechseln. Dies geschieht zudem durch weitere Stimmen, die im Modus einer rigiden, in Versalien gesetzten Befragung die Protagonistin bedrängen, aber nicht klar zu verorten sind, sich in diversen Wiederholungsschleifen vermischen und sich am Ende offenbar auch der Protagonistin annähern. So verlagern sich Erinnerungsprozesse, sachliche Berichte und episodenhafte Kurzgeschichten immer wieder in eine Art von magischem Realismus, sie driften ins Fantastische und machen umso eindringlicher Angst als eines der großen Leitthemen lesbar, das nicht nur diesen Text prägt, sondern auf andere, aber eng verknüpfte Weise auch viele andere der Bücher, die die Nachwendezeit in Ostdeutschland in Form von Gewaltgeschichten erzählen.

Auch deshalb liegt es nahe, dass diese Bücher nicht nur auf positive Resonanz stoßen. Werden hier nicht letztlich doch nur westdeutsche Klischees über »den Osten« bestätigt, bekräftigt und ausgeschrieben? Gab und gibt es nicht auch in Westdeutschland Rassismus, Rechtsextremismus, Gewalt und massive Drogenprobleme? Was ist mit Mölln und Solingen? Im Essay Wir waren wie Brüder weist Schulz darauf hin, dass es »in Westdeutschland wenigstens die Chance auf ein offenes Gespräch« gab, was sich nicht nur auf das Verschweigen in der DDR, sondern auch auf das nicht nur von Präkels betonte »Wegsehen und Nichtwissenwollen« der Nachwendezeit beziehen lässt. Die Vielstimmigkeit, mit der die Nachwendejahre in den letzten Jahren aus ostdeutscher Perspektive literarisch erfasst und reflektiert worden sind, ist auch darauf zurückzuführen. An anderer Stelle fragt Schulz, was »etwa mit Hessen los« sei, mit »den Morden in Hanau, den Polizei-Chats«, und wünscht sich angesichts der im Osten begonnenen Diskussionen »eine ähnliche Reflektiertheit« von Westdeutschen.23

Er markiert damit ein Desiderat und eine Gemeinsamkeit der einschlägigen Nachwendenarrationen aus dem ostdeutschen Kontext, die nicht auf die Entscheidung beschränkt bleibt, mit literarischen Mitteln zu arbeiten, aber deren besondere Qualitäten dennoch unterstreichen kann. Man kann hier durchaus das gelegentlich etwas strapazierte Konzept von Literatur als Gegendiskurs in Anschlag bringen und von da aus weiterlesen: Texte zum Terror der 1990er Jahre, auch im Westen und auch aus westdeutscher Sicht, zum Terror und zu den Opfern des NSU,24 sei es aus (post)migrantischen Perspektiven, wie sie Shida Bazyar in Drei Kameradinnen entwirft,25 im Blick auf die Rolle von Gewalt in der Familie in Rainald Goetz’ Theaterstück Baracke,26 das nicht zuletzt auch den Ost-West-Diskurs adressiert, oder in Kathrin Rögglas Roman Laufendes Verfahren,27 der den über Jahre eskalierenden NSU-Prozess in einer konsequent deeskalierenden Erzählung in den Blick nimmt, nicht als abgeschlossenen Fall, sondern als immer noch laufendes Verfahren, das nicht nur die Zeitverhältnisse irritiert, sondern auch die Perspektive des hier berichtenden mehrstimmigen »Wir«, das oben auf den Zuschauerrängen sitzt, sich erst durch den Prozess konstituiert und durch diesen zugleich grundsätzlich infrage gestellt wird.

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