Heft 872, Januar 2022

Gesinnung

von Andreas Dorschel

Auf der Glastür eines Universitätsgebäudes klebt ein Plakat. Es fordert mich auf, die Basisgruppe Lehramt eines großen geisteswissenschaftlichen Faches ins Studentenparlament, oder Studierendenparlament, zu wählen, »denn wir sind« – jedes der folgenden Worte nimmt eine ganze Zeile ein – »* antirassistisch |* antifaschistisch |* antiableistisch |* antisexistisch |* (queer-)feministisch |* antiheteronormativ |* klimagerecht |* kapitalismuskritisch |* emanzipatorisch«. Neben den Worten sehe ich Bildchen sympathischer Gesichter; sie gehören denjenigen, die für die Basisgruppe kandidieren. Irgendwie schauen sie aus wie die Adjektive, derentwegen ich sie wählen soll, denke ich; aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Genaugenommen soll auch nicht ich sie wählen, sondern andere, denn meine Studentenzeit liegt lange zurück. Und in dieser vergangenen Ära sollte ich, so scheint es mir, Basisgruppen, obgleich sie sich auch damals schon als kapitalismuskritisch und emanzipatorisch verstanden, eher anderer Dinge wegen wählen.

Die Adjektive, mit denen die Basisgruppe des Jahres 2021 für sich wirbt, bezeichnen: Gesinnungen. Dies ist freilich ein altmodisches Wort; die, denen ich es nachsage, würde es wahrscheinlich eher befremden.1 Doch vielleicht konnte dies Wort für etwas derart Spezielles wie Gesinnungen nur darum so gründlich veralten, weil, was es einmal bezeichnete, nun in so allgemeiner Weise dominiert.

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