Heft 924, Mai 2026

Kleine Politische Theorie der Straße

von Jan-Werner Müller

»Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen, ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinanderströmt und doch jeder einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft und Bewegung fühl’ ich mich erst recht still und einsam; je mehr die Straßen toben, desto ruhiger werd’ ich.«

Goethe, Italienische Reise, Neapel, 17. März 1787

Streaming und Blocking

Straßen werden oft als per se demokratische Orte gelobt, an denen Menschen sich spontan begegnen und das Volk in seiner ganzen Vielfalt erfahren können. Ein mindestens ebenso mächtiges Bild der Straße, und zudem eines mit einer sehr viel längeren Geschichte, ist jedoch die Vorstellung, wonach Situationen auf der Straße für Machthaber praktisch unvorhersehbar und letztlich unkontrollierbar sind. In Leonard Cohens bitterbösem Song Democracy heißt es: »It’s coming from the sorrow in the street«.

Die Angst vor der Straße als Quelle politischen Chaos’ ist sehr, sehr alt. Platon verglich die Massen mit einem wilden Tier und mit verzogenen Kindern. Auch hatte er das – bei Kritikern der athenischen Demokratie weitverbreitete – Gefühl, aus einer Versammlung könnte jederzeit ein Strom werden, der sich unkontrollierbar durch die Straßen wälzt. Als Pierre L’Enfant Washington im Sinne eines Versailles für eine Republik plante, plagte ihn die Angst vor einer »Verstopfung der Straßen«; die »Würde des Raumes« sollte Paraden »für zeremonielle Zwecke« auf der Pennsylvania Avenue vorbehalten sein (während die Mall für militärischen Drill vorgesehen war). Straßen sind jedoch letztlich immer ein irgendwie dynamischer Raum; Menschen – und die von diesem dynamischen Raum hervorgebrachten Meinungen – können sich auf unvorhersehbare Weise in diese oder jene Richtung bewegen.

Im antiken Athen ließ sich der Zugang zu den Straßen nicht auf die Weise regulieren und kontrollieren, wie das beim Zugang zum Theater, zur Versammlung und zur Agora möglich war. Mit einer Masse, die sich bereits auf einem Platz versammelt hat, kann man eher fertigwerden. Oft genug weiß man, warum sie dort ist, wer für ihre Anwesenheit verantwortlich sein könnte – und dass es möglicherweise ausreicht, sie dort wegzubekommen, um die Lage politisch zu beruhigen. Nach der Verabschiedung des Riot Act von 1714 im britischen Parlament bedeutete, »den Riot Act verlesen« (to read the riot act, ein Ausdruck, der sich umgangssprachlich erhalten hat, ohne dass man sich der Ursprünge noch bewusst wäre) ganz buchstäblich, eine Versammlung für illegal zu erklären, indem ein Vertreter der Staatsgewalt sich an eine Gruppe von Menschen wandte und ihre Versammlung mit lauter Stimme als eine (illegale) Erhebung bezeichnete (heute sagen Eltern ihren Teenagern, jetzt lese man ihnen den riot act vor). Falls die Teilnehmer sich dann nicht zerstreuten, konnten sie verhaftet werden. Menschen eine offizielle Warnung vorzulesen, die sich auf einer Straße bewegen, dort Schwärme bilden und durchströmen, ist deutlich schwieriger.

Ob die Straße eher eine »Echokammer« darstellt als der Platz, ist nicht so leicht zu sagen. Sicher ist jedoch, dass Straßen gewöhnlich klarer abgegrenzt sind, und zwar in einer Weise, aus der sich Vorteile ziehen ließen, wenn man Demonstrationen oder sogar politischen Widerstand gegen staatliche Akteure organisieren möchte. Der dichte Universitätsbezirk im Nordosten Beijings ermöglichte es den Organisatoren der Demokratiebewegung 1989, die relativ geschützten Straßen zu nutzen, um an mögliche Verbündete in den Studentenheimen zu appellieren wie auch zwischen den verschiedenen Universitätskomplexen zu agitieren – alles, ohne den Behörden sofort aufzufallen. Die Appelle übten Druck auf die Studenten aus, sich der Bewegung anzuschließen, und als immer mehr von ihnen aus ihren Wohnheimen kamen, um sich an den Protesten zu beteiligen, nahm der Druck zu. Mit anderen Worten: Die Straße ist nicht automatisch ein Raum für Offenheit und Diversität, sondern kann auch ein Ort der Konspiration sein. Und sie kann einen weitaus besseren Schutz vor der Staatsgewalt bieten als der Platz, ob nun offen oder geschlossen.

Der offensichtlichste Anwendungsfall dieser Logik ist der Bau von Barrikaden zur Sperrung von Straßen. Diese Intervention geht zurück auf die Religionskriege; 1588 versuchten Pariser Bürger, den Einzug von Truppen Heinrichs III. mit Fässern zu verhindern: Das Wort »Barrikade« stammt vom französischen »barrique« für Fass ab. Barrikaden sind schon aus den unterschiedlichsten Materialien gefertigt worden: Pflastersteinen, Zeitungen, Reifen, toten Pferden und Säcken voll Eis (so geschehen auf dem Euromaidan 2014) wie auch Autobussen und E-Scootern. Einige dieser Materialien fügten den politischen Protestaktionen eine symbolische Bedeutung hinzu: So wurden beispielsweise Pflastersteine eng mit der französischen Monarchie assoziiert. Den pavé du roi aufzureißen war neben der Behinderung ihrer Bewegungen zugleich eine symbolisch klar codierte Beleidigung der königlichen Truppen.

Barrikaden entfalteten allerdings kaum jemals eine entscheidende praktische Wirkung in der Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt. Man verband sie viel eher mit Massenaufständen und Widerstandsbewegungen als mit erfolgreichen Revolutionen. Obwohl sie zwei Jahrhunderte lang ein ausschließlich französisches Phänomen darstellten, spielten sie in der Französischen Revolution so gut wie keine Rolle. Belgier waren Ende der 1780er Jahre die Ersten, die sie außerhalb des Hexagons einsetzten. Ihre taktische Logik ähnelt der des Guerillakriegs: Die Staatsgewalt muss sie einnehmen, wenn sie gewinnen will; die Verteidiger hingegen können es bereits als Erfolg verbuchen, wenn es ihnen gelingt, sie zu halten.

Trotz ihres defensiven Charakters war die Barrikade bei der Staatsgewalt gefürchtet. Im 19. Jahrhundert setzte man Kasernen mitten in Städte wie Wien und Budapest hinein, um bei Unruhen stets Soldaten direkt vor Ort zu haben. In Paris wurden in der Zeit vor dem Zweiten Kaiserreich neunmal Barrikaden errichtet, allein in der Julirevolution von 1830 insgesamt 4000 (etwa eine für je 200 Einwohner). Durch diese Barrikaden wurden Soldaten und Polizisten nicht nur aufgehalten, sie gerieten auch in eine Falle; aus den Fenstern anliegender Häuser wurden sie mit Steinen beworfen und mit kochendem Wasser überschüttet. Eugène Haussmann, Präfekt von Paris unter Napoleon III., ist berühmt (oder vielleicht berüchtigt) dafür, dass er die Boulevards schuf – als massiv verbreiterte Straßen –, um den Bau von Barrikaden zu erschweren. Die Pflastersteine ließ er durch Asphalt ersetzen, die größere Breite erleichterte die Beweglichkeit von Truppen. Zeitgenossen erkannten sehr wohl die Gründe, die hinter dem embellissement stratégique steckten. Flaubert hielt in seinem Wörterbuch der Gemeinplätze fest: »Asphalt. Hat mit den Revolutionen aufgeräumt, weil es keine Pflastersteine mehr gibt für Barrikaden. – Dennoch recht unbequem.« Und der Erzreaktionär Louis Veuillot schrieb mit Blick auf den ambivalenten Liberalismus Napoleons III. in der Spätphase des Second Empire: »Man wollte einerseits die Zirkulation der Ideen begünstigen, andererseits die Zirkulation der Regimenter sicherstellen.«

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