Nachbarn, Diplomaten, Kollaborateure
von Richard SchuberthEs hätte auch ganz anders kommen können. Doch hat sich eine bestimmte Erzählung des israelisch-arabischen Konflikts durchgesetzt. Hillel Cohens Schattenarmee erzählt die Hunderten anderen. Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus, 1917–1948 – so mildern die deutschen Übersetzerinnen den Untertitel ab. Cohen indes schrieb von collaboration. Obwohl er sich konsequent jeglicher Wertung enthält, verwendet er mit Absicht die Diffamierungsvokabel des palästinensischen Nationalismus. Nur mit dem Feind kollaboriert man.
Da Cohen ein Historiker von hohem wissenschaftlichem Ethos ist, liegt der didaktische Gewinn seines Buchs in der Anleitung, die jede gute Historiografie zu leisten hat: historisch denken zu lernen und allen Reduktionismen zu widerstehen, welche Lagerdenken braucht wie das Bakterium den Zucker. Hierin gleicht er seinem Kollegen Benny Morris. Wie dessen Standardwerke zum Thema machen auch seine Bücher es den israelfeindlichen Mythen schwer, an ihnen anzudocken. Dennoch würde man zirka jede fünfte Seite am liebsten unter Verschluss halten, damit sie den Feinden Israels keine Munition lieferte. So einfach wäre es gewesen, durch simple Auslassungen Wunschbilder zu bedienen. Doch völlig unabhängig von ihren persönlichen Meinungen und Gesinnungen dirigieren Cohen und Morris keine Wunschkonzerte. Ich habe das Buch mehrmals gelesen, und wie alle dichten Bücher funktioniert auch dieses wie ein Palimpsest, das jedes Mal neue Schichten zu erkennen gibt. Ich werde auf die Nacherzählung des Inhalts verzichten und Punkte weiterzudenken versuchen, die der Autor mit seinem Buch produktiv macht.
Cohen bedient kein zionistisches Rechtfertigungs-Ideologem. Bloß lässt er die vergessenen und zum Schweigen gebrachten Stimmen – auf beiden Seiten – wieder lebendig werden. Und so mannigfaltig Positionierungen zwischen Neugierde, Kooperation, Neutralität, Passivität und Opposition dargestellt werden, so vielschichtig sind die Motive ihrer Akteure. Schattenarmee liefert anhand der Reaktionen der arabischen Bevölkerung auf die Balfour-Deklaration und die zionistische Immigration ein faszinierendes Panoptikum einer Gesellschaft im Prozess ihrer nationalen Homogenisierung. (Dass diese noch nicht und auch unmöglich je abgeschlossene Homogenität der jüdischen Einwanderung ab 1880 nicht vorausging, sondern deren konstitutives Produkt ist, dürfen wir voraussetzen.)
Hillel Cohen gibt eine arabische »Sicht der Dinge« wieder, die »eine völlig andere« war »als die der offiziellen palästinensisch-arabischen Nationalinstitutionen«. Von Arabern, die nie auf die Idee gekommen wären, Verrat zu begehen, weil ihnen die zu verratende Sache schlichtweg fremd blieb. Sie verkauften Land an Juden, »sie widersetzen sich dem Arabischen Aufstand in den 1930er Jahren, sie lehnten die Führung von Haji Amin ab und sie beteiligten sich nicht an dem Versuch, die Gründung eines jüdischen Staates 1948 zu verhindern.« – »Es ist schwer zu ermessen«, fährt der Autor fort, »in welchem Maß ihre Positionen in der breiten Bevölkerung akzeptiert waren, aber diese regionalen Führer hatten erheblichen Einfluss. Dies erklärt zum Beispiel teilweise die sehr geringe Beteiligung der palästinensischen Araber am bewaffneten Kampf gegen die Juden im Jahr 1948. Es ist eine oft vergessene Tatsache, dass sich von den 1,3 Millionen Palästinensern nur einige 1000 freiwillig für die von Fausi al-Kawukdschi geführte arabische Befreiungsarmee oder die lokalen Milizen, die sich Armee des heiligen Krieges nannten, meldeten. Auch die Nichtangriffspakte, die – entgegen den Anweisungen in der nationalen Führung – zwischen jüdischen und arabischen Dörfern im ganzen Land geschlossen wurden, lassen sich dadurch erklären.«
Eine Passage, die alles Talent besitzt, die meistzitierte des Buchs zu werden, ist das melancholische Eingeständnis des ex-beduinischen Honoratioren Khaled Zu’ubi im Gespräch mit Aharon Danin vom Jewish National Fonds (JNF): »›Schau, wer weiß besser als ich, dass deine Arbeit lauter ist. Du bezahlst für alles Spitzenpreise, oft viel mehr, als das Land wert ist. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass du uns enteignest. Du enteignest uns mit Geld, nicht mit Gewalt. Fakt ist aber, dass wir das Land verlassen.‹ Ich sage zu ihm: ›Du gehörst zum Stamm der Zu’biyya, der hier, in Transjordanien und in Syrien lebt. Was macht es für dich schon für einen Unterschied, wo du bist, ob du hier bist oder ob du und deine Familie dort sind?‹ Er erwiderte: ›Ich kann es schwer ausdrücken, aber jedenfalls sind die Gräber meiner Vorfahren hier. Ich habe das Gefühl, dass wir diesen Ort verlassen. Es ist unsere Schuld, nicht deine.‹«
1948, am Vorabend der Unabhängigkeitserklärung und des Arabisch-Israelischen Kriegs, besaßen Juden sieben Prozent des Landes, ein beträchtlicher Teil davon war zuvor weder bewohnt noch genutzt worden. Ein jeder Dunam, ein jeder Hektar war legal erworben worden. Zu’ubis Worte klingen wie eine arabische Ehrenrettung der zionistischen Sache. Doch es wäre nicht Cohen, würde er es dabei bewenden lassen: »Natürlich gab es Dinge, die er nicht wusste (oder ignorierte), die Danin jedoch wusste. So gab es beispielsweise jüdische Landkäufer, die Männer in Bars und zu Prostituierten mitnahmen, um sie zum Verkauf ihrer Länder zu bewegen. Es gab Kollaborateure, die Fehden in Dörfern anzettelten, um Bedingungen zu schaffen, unter denen sie Land kaufen konnten.« – Der Zweck heiligte die Mittel, der Jischuw (die jüdische Bevölkerung Palästinas) und seine Institutionen waren in ihren Methoden kreativ. Von fairen Verträgen und großzügigen Kompensationen bis zu hinterhältigen Tricks reichte die Palette – je nach Ort, Zeit und Charakter der Verhandlungspartner. Viel Land wurde den Effendis, den Großgrundbesitzern, rechtmäßig abgekauft, um die Vertreibung der Pächter kümmerten sich die britischen Gerichte oder gedungene arabische Hooligans.
Der Zionismus ernährte eine Schicht von neureichen arabischen Landspekulanten, die sogenannten Samasirah, und es gab auch keine Familie aus den Kreisen des arabischen Nationalkongresses, inklusive der Husseinis, die nicht heimlich beim Landverkauf mitschnitt. Die Samasirah beschränkten sich aber auf ein paar Dutzend Araber, die gerne von den arabischen Nationalisten als die Schuldigen der zionistischen Invasion aus dem eigenen Volkskörper verbannt werden, doch war der Landverkauf eine Verdienstmöglichkeit für alle Schichten. Hillel Cohen: »Einige taten dies, weil sie verschuldet waren oder um ein Haus für ihren Sohn zu bauen, der heiraten wollte. Andere wollten wirtschaftlich aufsteigen, einen Traktor oder einen Lastwagen kaufen. Einige beschlossen, ihre Vermögenswerte zu Geld zu machen, als die Landpreise infolge der zionistischen Einwanderung stiegen. Für all diese Menschen war der Verkauf von Land eine einmalige Angelegenheit, die in der Regel mit ernsthaften Bedenken verbunden war.«