Probabilistische Intuition
Über artifiziellen Text und seine Stile von Hannes BajohrÜber artifiziellen Text und seine Stile
Ein Panel aus Ernie Bushmillers Comicstrip Nancy von 1978. Wohl auf die Frage nach seinem neuen Job in einem Angelfachgeschäft hin hält die Figur Sluggo eine Köderdose hoch und antwortet in schwerem Bronx-Akzent: »They pay me in woims«. Dieses in seiner Absurdität charmante Einzelbild kursierte 2022 für kurze Zeit als minderes Meme. Es war aber auch Anlass für einen kuriosen Blogbeitrag, der im Jahr darauf erschien und auf den die Bluesky-Nutzerin Mags Colvett aufmerksam machte. Der Text liest sich wie das, was wir heute als »Slop« bezeichnen würden: wertloser, KI-generierter Content, der eher auf Search Traffic hin optimiert ist als auf Informations- oder überhaupt Bedeutungsgehalt.
© 1978 United Feature Syndicate. Inc – Ernie Bushmiller
»They Pay Me in Woims: The Truth about This Bizarre Form of Payment«, so der Titel des Posts, ist Slop nicht nur wegen seiner weitschweifigen Richtungslosigkeit, sondern auch, weil er so offensichtlich an der phonologischen Normalisierung scheitert, die jeder kompetente Sprecher des Englischen ohne nachzudenken vornehmen würde: nämlich zu erkennen, dass das mysteriöse »woims« nichts anderes als »worms« bedeutet. Sluggo wird in Würmern bezahlt. Das ist der Witz. Statt ihn aber mehr oder weniger amüsiert zur Kenntnis zu nehmen, behandelt der Essay seinen Gegenstand als kontextlosen, schwebenden Signifikanten und ergeht sich in ausufernden Spekulationen darüber, was um alles in der Welt denn nun »woims« sein könnte. Nach der Erörterung zahlreicher Möglichkeiten – vielleicht handelt es sich um einen Reddit-Insiderwitz, vielleicht um ein Portmanteau aus »warm coins«, in jedem Fall aber um eine höchst ungewöhnliche Zahlungsform – bringt der Beitrag sogar eine Interpretation vor, die an Theorien der Rezeptionsästhetik anknüpft: »Wie der Schriftsteller Umberto Eco in Bezug auf poetische Sprache diskutiert hat, ermöglicht Mehrdeutigkeit den Lesern, ›woims‹ auf der Grundlage eigener Erfahrungen und Schwierigkeiten mit Arbeit, Identität und Sinnhaftigkeit zu kontextualisieren.«
Die offensichtliche Frage – ist das schon eine Lektüre? – muss für den Moment beiseite bleiben. Denn ob ein großes Sprachmodell (LLM) zu einer Interpretation im starken Sinn fähig ist, würde Positionierungen über Erfahrung, Absicht und Bewusstsein erfordern, die ich hier lieber ausklammere. Stattdessen soll es darum gehen, wie wir Geschriebenes lesen, das von LLMs verfasst wurde. Man mag hier vorläufig von »artifiziellem Text« sprechen, auch wenn dieser Titel, wie sich zeigen wird, völlig problematisch ist. Der Blogbeitrag zu »woims« jedenfalls ist ein Beispiel artifiziellen Textes, der ganz oder zu einem großen Teil durch ein Sprachmodell erzeugt wurde. Im Jahr 2023 – kurz nach der Einführung des für große Sprachmodelle inzwischen metonymisch verwendeten ChatGPT – war solcher Text noch eine Kuriosität und seine Künstlichkeit offensichtlich. Heute, unter den Bedingungen vielfach verbesserter Systeme, ist das nicht mehr der Fall. Die lebensweltliche Verbreitung generativer KI nimmt zu, nicht zuletzt, weil ihre Ergebnisse inzwischen so gut sind, dass sie – bei einigermaßen kompetentem Prompten – kaum mehr als solche auszumachen sind. Und befragt man gegenwärtige Modelle, verstehen sie sich alle ohne große Probleme auf die Dekodierung von »woims« als »worms«.
Postartifizielle Bedingung und Laienforensik
Je flüssiger aber LLMs schreiben, je weniger artifizieller Text der Lektürearbeit Widerstand leistet, desto undurchsichtiger wird seine Herkunft. Sobald menschenähnlich Klingendes massenhaft maschinell produziert werden kann, droht sich der Unterschied zwischen natürlich und künstlich aufzulösen. Wir stehen in der zweifelhaften Morgenröte einer postartifiziellen Bedingung, in der wir nicht mehr fraglos annehmen können, dass ein uns unbekannter Text von einem Menschen verfasst wurde. Gehen wir auch nur konservativ von der Konsolidierung des modernen Autorschaftsbegriffs aus, prägte diese Annahme etwa zweihundert Jahre lang unsere Lesegewohnheiten. Dank großer Sprachmodelle ändert sich das nun. Der Zweifel an der Herkunft beginnt, zu einem neuen Standard zu werden. Er ist so destabilisierend, weil er in zwei Richtungen zugleich ausschlägt, so dass den false negatives der Fälle, die unerkannt bleiben, die false positives der fälschlich als generiert unterstellten gegenüberstehen. Unter Maßgabe der postartifiziellen Bedingung hat sich somit das hermeneutische Verhalten, das Eve Kosofsky Sedgwick einst »paranoide Lektüre« nannte und das jeder manifesten eine eigentlichere, latente Bedeutung zuschreibt, zu einem Massenphänomen entwickelt.
Interessant in dieser Situation ist nun, dass die Literaturwissenschaft nurmehr ein Teil dieser Masse ist. Aller fachlichen Kompetenz in Sachen Text zum Trotz beteiligen sich ihre Vertreter kaum mit mehr Virtuosität als andere an dem, was man als »Laienforensik« bezeichnen könnte: dem skeptischen, aber letztlich methodisch freihändigen Durchsuchen einer E-Mail, eines Beitrags, eines studentischen Aufsatzes oder einer Textnachricht nach verräterischen Anzeichen maschineller Herkunft. Denn trotz der breiten Übernahme der Hermeneutik des Verdachts fiel die Reaktion der Literaturwissenschaft auf das Aufkommen artifizieller Texte, bis auf wenige Ausnahmen, bisher verhalten, wenn nicht gar hilflos aus: Wie artifizieller Text zu lesen sei, was sein Aufkommen methodologisch und theoretisch für unsere Lektüre- und Interpretationspraktiken bedeutet – darüber ist von eigentlich berufener Seite kaum etwas zu hören. Es waren jedenfalls keine Germanisten, die die KI-generierten Meinungsbeiträge von Mathias Döpfner in der Welt oder Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel entlarvten.
Fast scheint es, als hätte die Derrida’sche Annahme unendlicher Iterabilität diese Frage gänzlich zu umgehen erlaubt: Ein Text ist ein Text ist ein Text, ganz gleich, woher er stammt. Zugleich habe ich – durchaus im Sinne dessen, was Leif Weatherby spöttisch als »remainder humanism« bezeichnet hat – mehr als einen vordem überzeugten Dekonstruktivisten sagen hören, er werde niemals einen Roman lesen wollen, der nicht von einem Menschen geschrieben sei. Angesichts der sich etablierenden postartifiziellen Bedingung, das scheint klar, geraten nicht wenige unserer Annahmen darüber, was Lesen und das Lesbare ausmacht, unter Druck. Zumal die Literaturwissenschaft sollte hier eine Methodenreflexion wagen, auch wenn (und gerade weil) die Konsequenzen dieser Situation weit über das Fach hinaus und in so gut wie jeden Lebensaspekt hineinreichen.
Dabei sind KI-Themen den Geisteswissenschaften keineswegs fremd. Seit einigen Jahren floriert ein kritischer Zugriff, der den Fokus von den Outputs dieser Systeme auf die Modelle selbst verlagert, um die ihnen zugrundeliegenden Strukturen aufzudecken. Die Critical AI Studies, wie dieses sich formierende Feld heißt, haben durchaus wegweisende Analysen generiert. Sie kartieren Wissen-Macht-Gefüge großer Sprachmodelle, analysieren die in der Entwicklung von KI-Modellen verankerten epistemischen und ontologischen Annahmen, decken ökologische und ökonomische Folgekosten auf und verorten sie in kolonialen Geschichtsverläufen. So grundlegend diese Arbeiten sind, erscheint artifizieller Text in ihnen doch lediglich als Durchgangsstation zur eigentlicheren Tiefensphäre, nie als selbstständiges Objekt. Für den Fokus auf die Tiefe ist der Output als Oberfläche nebensächlich. Doch gerade in der Beschäftigung mit gegenwärtigen Lesepraktiken verdient diese Oberfläche Beachtung, bevor sie auf das reduziert wird, was angeblich eigentlich darunter liegt. Schließlich sind es vor allem diese Oberflächen, denen wir – und zwar alle, ohne disziplinären Unterschied – in der Lebenswelt begegnen.
Man könnte es so sagen: Was fehlt, ist eine Praxis des surface reading artifizieller Texte. So nannten Sharon Marcus und Stephen Best vor gut anderthalb Jahrzehnten jene Oberflächenlektüre, die sie der Hermeneutik des Verdachts gegenüberstellten, die auch Sedgwick als zu beengend beklagte. Eine solche Lektüreform widersetzt sich der Annahme, dass allein Tiefe eine Analyse rechtfertigt, und rückt stattdessen die affektive und materielle Unmittelbarkeit des Textes in den Vordergrund. Zugleich aber ist dieses surface reading nicht naiv und ohne Modifikationen wieder zu aktivieren: Der Zweifel am Ursprung kann im Augenblick womöglich noch nicht übergangen werden, auch wenn das in Zukunft einmal so sein mag. Artifizieller Text, das wäre die Annahme, ist irgendwie, bevor er einmal, in einer vollumfänglich realisierten postartifiziellen Bedingung, eben nichts anderes mehr ist als anderer Text.