Responsiver Universalismus
Über Liebe und Politik von Tatjana Noemi TömmelÜber Liebe und Politik
»Human Happiness does not seem to have been included in the design of creation. It is only we with our capacity to love that give meaning to the indifferent universe.« An diese Worte aus Woody Allens Tragikomödie Crimes and Misdemeanors musste ich denken, während ich Daniel Schreibers Liebe! Ein Aufruf las, ein Buch, das mit dem »dystopischen Lebensgefühl« des Autors beginnt und mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für eine »Politik der Liebe« endet.
Mir haben die Worte aus dem Film immer gefallen, weil sie Liebe als schöpferische und sinnstiftende Fähigkeit und nicht als Widerfahrnis verstehen. Aber mit dem Fall Woody Allen ist man schon mittendrin in einer Gegenwart, die nicht von Liebe, sondern von Hass, nicht von Vertrauen, sondern von Verrat gekennzeichnet ist. Will ich Allen, dessen Filme mir einmal viel bedeutet haben, in Anbetracht des Epstein-Skandals noch zitieren?
Aber das ist ein anderes Thema. Zurück zu Schreiber, der sich in seinem etwa 130 Seiten langen Essay auf sehr persönliche Weise damit auseinandersetzt, dass ihm die Fähigkeit abhandengekommen ist, die Welt zu lieben. Im Bewusstsein, »an der Schwelle einer neuen Weltordnung« zu stehen, weil die alte, regelbasierte Ordnung durch Trumps Wiederwahl im November 2024 zerbrochen ist, beschreibt Schreiber seine wachsende Angst angesichts apokalyptischer Szenarien, die durch extreme Wetterereignisse, durch die dramatische Entwicklung der Vermögensungleichheit und den offenbar unaufhaltsamen Aufstieg rechtsextremer Parteien gleichermaßen hervorgerufen werden. Sie beschwören jene erschütternden Erinnerungen aus seiner Jugend in den neunziger Jahren herauf, in denen »paramilitärische Schlägertrupps mit Glatzen und Springerstiefeln durch Dörfer und Städte zogen« und Schreiber selbst wie viele andere marginalisierte Menschen weder von der Zivilgesellschaft noch von der Polizei geschützt wurden.
Bemerkenswert ist dabei die Erzählperspektive: Schreiber bedient sich häufig des Imperfekts, wo er auch im Präsens hätte sprechen können, wodurch man mitunter den Eindruck gewinnt, das Buch schaue nach dem Weltuntergang zurück auf eine Zeit, in der es noch möglich gewesen wäre, das Steuer herumzureißen. Tatsächlich fragt Schreiber angesichts einer um sich greifenden »Politik des Hasses« danach, welche Haltung bleibt, um politisch aktiv werden zu können, und er sucht aus diesem Grund das Gespräch mit Hannah Arendt, die selbst auch von der Frage umgetrieben wurde, warum es so schwer ist, die Welt zu lieben.
Schreiber nimmt seine Leserin mit auf lange Spaziergänge durch den Wald und zu einem Seminar für kreatives Schreiben, das er mit Michel Foucault als »Heterotopie« bezeichnet, als einen Ort also, der nach eigenen Maßstäben funktioniert. Für einen Moment scheint hier die utopische Möglichkeit auf, wie eine Gesellschaft als ganze aussehen könnte, wenn sich Menschen trotz ihrer Unterschiedlichkeit »mit Offenheit, Wohlwollen und Mitgefühl« begegneten und dadurch das Gemeinsame und Verbindende entdecken würden.
Schreibers Buch ist nicht zuletzt deswegen berührend, weil er seine Thesen über Liebe und Politik als Ergebnis eines zutiefst persönlichen Entwicklungsprozesses formuliert, in dem er sich in seiner Fragilität exponiert. Es gipfelt in dem leidenschaftlichen Appell, nicht länger wegzusehen, sondern liebend für die Welt Verantwortung zu übernehmen: »Ich möchte dazu aufrufen, nicht mehr so zu tun, als wäre all das normal, was in den vergangenen Jahren passiert ist […]. Ich möchte dazu aufrufen, sich bewusst zu machen, dass es wenn wir aus Liebe handeln, niemals in Ordnung ist, in der derzeitigen Lage der Welt nichts zu tun. Dazu, sich darauf zu besinnen, was wir an unserer Welt, an unserer Gesellschaft lieben, und es mit aller Kraft zu verteidigen. […] Nicht nur Hass ist ansteckend, auch Nächstenliebe, Anstand und Empathie sind es. […] Ich möchte zu einer Ehrfurcht vor dem Leben im Sinne Schweitzers aufrufen, zu einem Arendt’schen amor mundi, zu einer Fromm’schen Liebe zum Leben. […] Ich möchte dazu aufrufen, leidenschaftlich für Gemeinsinn zu kämpfen, für Verbundenheit, und ja, immer wieder und unbedingt, für eine Politik der Liebe.«
In dem großen Chor, den Schreiber versammelt und der durch seinen Text hindurch erklingt, ist Hannah Arendts Stimme immer wieder deutlich zu hören. Und so wird allen, die sich mit Arendt ein wenig auskennen, ihre Absage an die Liebe als politische Kraft warnend in den Ohren klingen: »Wegen der ihr inhärenten Weltlosigkeit muten uns […] alle Versuche, die Welt durch Liebe zu ändern oder zu retten, als hoffnungslos verlogen an.« Arendts These, die Liebe sei »weltlos«, ist sicherlich ihre bekannteste Behauptung über Liebe: »Die Liebe ist ihrem Wesen nach nicht nur weltlos, sondern weltzerstörerisch, und daher nicht nur apolitisch, sondern antipolitisch – vermutlich die mächtigste aller antipolitischen Kräfte.«
Wäre es also nicht besser, sich auf die Vernunft zu stützen und Gefühle von der politischen Arena fernzuhalten? Sind Schreibers Gedanken nicht wohlfeil, sentimental und weltfremd? Ist sein verzweifelter Appell nicht naiv oder, schlimmer noch, verlogen? – Ich glaube nicht. Nein, ganz bestimmt nicht.
Was zunächst wie ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen Arendt und Schreiber erscheint, lässt sich leicht auflösen: Schreiber versteht Liebe nämlich wesentlich weiter als Arendt. Was Arendt im Sinn hatte, als sie die oben zitierten Sätze von der Weltlosigkeit schrieb, war etwas, das der Verliebtheit näher kommt als der Liebe, nämlich eine alles mit sich reißende Leidenschaft, die so absolut ist, dass sie blind wird für die Perspektive anderer Menschen. Arendt warnt also vor der Abschottung der Liebenden gegenüber der Welt. Was ihr als Negativbild vorschwebt, ist die Sentimentalität eines Rousseau, dessen Herz zuerst vom Leid der Menschen gerührt wurde, den aber bald sein eigenes Herz, dessen ständige Kapricen und zauberhafte Stimmungen, weit mehr als das Leiden der anderen rührten.
Nun kennt Arendt aber nicht nur diese, sondern noch andere Formen der Liebe, von denen eine für Schreiber selbst besonders wichtig ist: Liebe als Bejahung einer Person oder einer Sache. Kern dieses Liebesbegriffs ist ein Zitat, das Arendt von Martin Heidegger übernahm und wie dieser auf Augustinus zurückführte: »Amo, volo ut sis«: Ich liebe, ich will, dass Du seist.
Es ist diese emphatische Affirmation, die Arendt in verschiedenen Schriften sowohl der zwischenmenschlichen Liebe als auch der »Liebe zur Welt« zugrunde legt, an die Schreiber anknüpft. Was zeichnet die Liebe als Bejahung aus und worin liegt ihre politische Bedeutung?