Heft 925, Juni 2026

Unterschiedsverlust

Warum die Urteilskraft durch schlechte Vergleiche verkümmert von Martin Hartmann

Es wird viel verglichen dieser Tage. Fleißig werden Analogien konstatiert, Ähnlichkeiten wahrgenommen, Bezüge hergestellt. Im hochgradig politisierten öffentlichen Diskurs der Gegenwart kann man mit dem richtigen Vergleich wie auf Knopfdruck das gewünschte Reaktionsmuster auslösen. Wenn Bundestagspräsidentin Julia Klöckner etwa behauptet, das rechtspopulistische Portal Nius und die linke Tageszeitung taz bedienten sich ähnlicher Vorgehensweisen, dann geht es ihr nicht einfach nur um die nüchterne Feststellung einer Tatsache. Sie weiß sehr genau, dass sie mit diesem Vergleich provoziert, denn sie weiß, dass vor allem das linke Publikum diese Gleichsetzung vehement ablehnen wird. Genau so ist es dann auch gekommen.

Ist Donald Trump ein Faschist? Ein Caesar? Ein Nero? Stehen wir vor einem neuen 1933? Ist der Holocaust einzigartig? Oder darf er mit den Verbrechen kolonialer Gewalt verglichen werden? »Enttabuisiert den Vergleich!« – das forderten die Historiker Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg 2021 in einem viel beachteten Artikel in der Zeit. Die Forderung trägt Sprengkraft in sich, denn wer das angeblich über dem Holocaust liegende Vergleichstabu aufhebt, verschafft sich einen diskursiven Raum, in dem auch andere Staaten schwerster Menschheitsverbrechen bezichtigt werden können.

Es gibt den diskreditierenden und skandalisierenden Vergleich – in Deutschland vornehmlich Nazi- oder Hitler-Vergleiche –, es gibt den nostalgischen Vergleich – Make America Great Again –, den warnenden Vergleich, der vor allem in historischen Zusammenhängen geäußert wird, und den relativierenden Vergleich, der zumeist Verbrechen gegeneinander aufrechnet. In der Populismusforschung schließlich wird ein Teil der Unzufriedenheit populismusaffiner Schichten mit dem Begriff der positionalen Deprivation erläutert. Man glaubt nicht nur, dass man schlecht dasteht, man glaubt, dass man schlechter dasteht als andere, denen ungerechtfertigte Vorteile eingeräumt werden. Es ist diese vergleichende Haltung, die dann, so eine gängige Interpretation, ein vergiftetes Ressentiment freisetzt, das den eigenen Wert am Wert anderer orientiert und sich gleichzeitig über die »Abwertung des Anderen« eine gewisse Überlegenheit zuspricht.

Alle diese Vergleichstypen haben es an sich, dass sie eine Position einnehmen, die im Vergleichsprozess selbst oft verdeckt bleibt. Diskreditierende und skandalisierende Vergleiche setzen eine Position moralischer Überlegenheit voraus; wer warnende Vergleiche zieht, beansprucht über einen Wissensvorsprung zu verfügen, der es erst erlaubt, das eine Ereignis auf ein anderes zu beziehen; relativierende Vergleiche werden oft aus einer Position der Schuld angestellt und suchen alternative Schuldpole, die die eigenen Untaten kleiner aussehen lassen; positionale Vergleiche wiederum deuten sich in einen Opferstatus hinein und suchen nach Verantwortlichen. Es gibt weitere Vergleichstypen, etwa den souveränen Vergleich, der zwischen schlechten Extremen eine gute Mitte und damit Ausgewogenheit und Commonsense für sich reklamiert. Eine beliebte Strategie dieses Vergleichstyps ist es, die Extreme einander anzunähern. Zu beobachten ist dieses Vorgehen in einem Artikel des Zeit-Redakteurs Jens Jessen, in dem sich die Linke bescheinigen lassen muss, nicht anders als die Rechte zu sein. Dieser Vergleich spricht aus einer vermeintlichen Mitte heraus und bezieht ein eher negativ bewertetes Phänomen (die Rechte) auf eine moralisch angeblich überlegene Position (die Linke), um letztere vom Sockel zu stoßen. »Ihr seid auch nicht anders als die andere Seite« – das ist die Quintessenz dieses Vergleichstyps, der damit die Dimension des diskreditierenden und auch des epistemisch überlegenen Vergleichs berührt.

Dezisionistische Willkür

Was macht viele dieser Vergleiche zu schlechten Vergleichen, und was leistet dagegen ein guter Vergleich? Wenn wir Vergleiche nicht gerade als ästhetisches Mittel des Aufbrechens eingeschliffener Wahrnehmungsmuster verwenden, dienen sie dazu, Bezüge zwischen Gegenständen herzustellen, die auf unterstellten oder feststellbaren Ähnlichkeiten beruhen. Diese Ähnlichkeiten verbinden die verglichenen Gegenstände, sie sind das tertium comparationis, ohne das die Dinge zusammenhanglos blieben. Feststellbar sind Vergleiche, die über ein einheitliches Maß verfügen. »Du bist größer als ich« – das kann man messen. Schwieriger sind Vergleiche, die auf unterstellten Ähnlichkeiten beruhen, zumal hier auch ein Paradox lauert. Woher weiß ich, dass zwei Gegenstände ähnlich genug sind, damit ein Vergleich sich lohnt? Offenbar muss dem expliziten Vergleichsschritt ein primärer Vergleich vorauslaufen, der zunächst nur Ähnlichkeit konstatiert. Leider wird schon die Rolle dieses primären Vergleichs oft unterschlagen und Ähnlichkeit einfach unterstellt.

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