Martin Sabrow im Merkur

Martin Sabrow, geb. 1954, war Professor fu?r Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums fu?r Zeithistorische Forschung in Potsdam. 2023 erschienen »Zeitenwenden in der Zeitgeschichte und Gewalt gegen Weimar. Zerreißproben der fru?hen Republik 1918-1923« (Hrsg.).

16 Artikel von Martin Sabrow

Erinnern oder vergessen?

»Erinnerung« ist eine Pathosformel der Gegenwart. Sie ist unserem Selbstverständnis so sehr eingeschrieben wie anderen Zeiten Leitbegriffe wie »Freiheit«, »Fortschritt«, »Emanzipation«. Dabei war der zentrale Verständigungsbegriff im Umgang mit unbequemer Vergangenheit Jahrtausende lang nicht die »Erinnerung«, sondern das »Vergessen«. Von der Antike bis zur Frühen Neuzeit und noch nach dem Ende der Französischen Revolution wurde die politische Gesundung nach vergangenen Übeln wie Unrecht, Krieg und

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Die deutsch-deutsche Verfassungskonkurrenz vor 75 Jahren

Der Wettbewerb zwischen West und Ost um die legitimere Verfassung verspricht auf den ersten Blick wenig Erkenntnisgewinn. Zu ungleich wirkt die Konkurrenz von Demokratie und Diktatur, zu durchsichtig gibt sich die ostdeutsche Parallelentwicklung als bloße Mimikry zu erkennen, mit der die Machthaber in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) der Entwicklung in der Trizone folgten: Im September 1947 hatte die SED auf ihrem II. Parteitag einen Volksentscheid für »einen demokratischen Einheitsstaat mit

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Ein Kampf um Potsdam

Schon der Klang des Ortsnamens »Potsdam« löst widersprechende Assoziationen aus, und seine vielfache historische Besetzung tut es zumal. Friedrich der Große und Karl Liebknecht, Sanssouci und Exerzierplatz, preußisches Sparta gegen Spree-Athen: Potsdam war seit seinem Aufblühen als preußische Residenzstadt ein Ort der Zuschreibungen und Bemächtigungen. Nach 1918 unterschied man zwischen den Weimar-Deutschen und den Potsdam-Deutschen, Erstere standen für die Deutsche Republik, Letztere für das Deutsche Reich,

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