Heft 925, Juni 2026

Für eine philosophische Geschichte der (DDR)-Literatur

von Matthias Rothe

In einer im Merkur erschienenen Rezension lobt Eva Geulen Steffen Martus’ Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute. »Die deutsche politische und soziale Geschichte seit 1989«, hebt sie hervor, »[wird] so erzählt, wie sie sich aus der Perspektive und in der Literatur darstellt.« Sie spricht von »schlagender Vollständigkeit« und postuliert, »wer jetzt doch einen Autor oder eine Autorin, einen Trend, eine Debatte oder ein umstrittenes Gegenwartsthema namhaft machen wollte, die in Erzählte Welt fehlten, der sollte sich schämen, denn er oder sie hat die monumentale Leistung dieses Buches schlicht nicht begriffen«.

Das sind Worte, die einschüchtern. Es stimmt, Martus’ Buch ist beeindruckend umfangreich, wunderbar lesbar und zurückhaltend mit Werturteilen. Meine Nachfrage betrifft die Tragweite seiner Konzeption: Statt einer Geschichte der Gegenwartsliteratur, das ist die überraschende Wendung, schreibt Martus eine Literaturgeschichte der Gegenwart. Er fragt also nach dem Wissen der Literatur, danach, wie sich die Gegenwart aus der Perspektive der Literatur und des sie begleitenden Feuilletons darstellt. Diese Perspektive ist die einer, Martus würde wohl sagen, doppelten Bescheidenheit: Die Literatur, um die es geht, muss feuilleton- und debattenfähig sein.

So kommt dem deutsch-deutschen Literaturstreit (1990), ausgelöst durch Christa Wolfs Was bleibt, eine Auftakt-Rolle zu. Und es ist sicher richtig und wird oft vergessen, die Wendejahre als eine Zäsur zu markieren, die Ost und West betrifft. Martus konstelliert daher die Wolf-Debatte gemeinsam mit jener um Günther Grass’ Ein weites Feld und versteht sie als »Scherbengericht« über die DDR-Literatur und die westdeutsche Nachkriegsliteratur, als Versuch einer Verabschiedung des moralisch zuständigen Schriftstellers. Hier zeigt sich dann bereits eine Schieflage. In dem einen Fall geht es um die Nachkriegsliteratur, im anderen um die 40 Jahre DDR-Literatur, so, als sei diese im pädagogischen Gestus des Nachkriegs verharrt. Vorausgesetzt wird, dass »Zuständigkeit« in Ost und West das Gleiche bedeutete.

Die Wende wird bei Martus einschlägig mit Volker Brauns Gedicht Das Eigentum, Thomas Brussigs Helden wie wir, Ingo Schulzes Simple Storys, Erich Loests Nikolaikirche und prominent – nach Maßgabe des Feuilletons und vermeintlich repräsentativ – mit Uwe Tellkamp in den Blick geholt. Damit ist DDR-Geschichte abgehakt und die neue, gesamtdeutsche Gegenwart beginnt. Vergeblich (ich muss mich nun wohl schämen das zu sagen) sucht man etwas zur Nachwendegeschichte der Prenzlauer-Berg-Autoren, und man findet weder Wolfgang Hilbig (immerhin Büchner-Preisträger), Gert Neumann, Angela Krauss (immerhin Bachmann-Preisträgerin), Annett Gröschner oder Lutz Seiler und Eugen Ruge (immerhin Gewinner des Deutschen Buchpreises) noch gibt es substanzielle Einlassung zu Heiner Müller, Christoph Hein oder Jenny Erpenbeck. Diese poppen nur in Aufzählungen kurz auf, als Symptom von Gruppenmentalität. Orientiert sich Martus’ Erzählte Welt vielleicht zu sehr an einem Feuilleton, das nicht verstehen kann, wieso der Jubel über die Ankunft im Westen nicht anhält oder ausgeblieben ist, und grundsätzlich blind bleibt für eine über Generationen fortwirkende Produktionsästhetik, die nur bedingt feuilletonfähig ist, weil sich durch sie – wie störrisch – eine andere Vergangenheit (und Zukunft) geltend macht?

II

Vielleicht gab es sie ja tatsächlich nicht, die DDR-Literatur. Vielleicht war, was man so zu bezeichnen gewohnt ist, ja einfach deutsche Literatur sans phrase, die man auf dem Nachkriegsstand eingefroren hatte und die 1989, endlich wachgeküsst, zum allgemeinen Standard aufschließen durfte? Aber bereits, um diese Frage zu beantworten, genügt es nicht, so zu erzählen, wie es »sich aus der Perspektive und in der Literatur darstellt«.

Joachim Walther zum Beispiel, dessen materialreiches Buch Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der DDR (1996) ein Standardwerk zu sein hat, zweifelt daran, dass das, was wir »DDR-Literatur« nennen, mehr ist als »ein ideologisch-synthetisches Produkt der literaturwissenschaftlich gestützten SED-Propaganda«. Er schlägt vor, von einer deutschen Literatur zu sprechen, die ostdeutsche und westdeutsche Besonderheiten aufweist. Das würde auch all jenen Rechnung tragen, die der Begriff ohnehin nie meinte und die auch im Nachhinein kaum in ihn aufgenommen worden sind. Denn wer den Begriff »DDR-Literatur« heute salopp verwendet und schlicht davon ausgeht, dass alle wissen, was gemeint ist, muss wohl den alten Kanon reproduzieren: von Seghers und Apitz zur Generation Neutsch, Reimann, Wolf, Braun und vielleicht noch einschließlich der Texte des Prenzlauer Berg.

Während die einmal publizierten Werke in der DDR dann absteigend danach differenziert wurden, bis zu welchem Grad sie den kulturpolitischen Vorgaben entsprachen, kehrte und kehrt man im Westen einfach die Blickrichtung um: Je größer die wahrgenommene Abweichung, desto würdiger das Werk; Spott und Verachtung treffen jene, die sich scheinbar nicht oder kaum entzogen. Diese Wertumkehr ist zumindest im Stillen ebenso von der Überzeugung getragen, dass es die DDR-Literatur eigentlich nicht oder nur als »ein ideologisch-synthetisches Produkt« gab. Abweichung bedeutet geglückte Wiederannäherung an den imaginierten (westlichen) Goldstandard. Und so denkt wohl auch Eva Geulen, wenn sie in ihrer Rezension bei der Aufzählung der »Überväter der Nachkriegsliteratur (Grass, Walser, Handke)« die »Übermutter Christa Wolf im Osten« einfügt, die, nun geografisch und nicht mehr historisch verordnet, wohl für alles stehen muss, was übrig bleiben darf von der DDR (Wolf ist ihr grünes Ampelmännchen, sozusagen, ist das eigentlich übriggeblieben? Zumindest als Souvenir!).

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