Wen kümmert’s, wer nicht spricht?
Künstliche Intelligenz und die Paranoia der Autorschaft von Johannes Franzen»Wen kümmert’s, wer spricht?« Das Beckett-Zitat, mit dem Michel Foucault seinen Aufsatz Was ist ein Autor? beginnt, ist inzwischen ein wenig zum Klischee geworden, was aber vor allem auf die Erfolgsgeschichte der Frage verweist. Für Foucault war die Stoßrichtung damals klar: Die Frage, wer in einem Text wirklich spricht, verrät eine gewisse subjektzentrierte Naivität. Der Glaube an den Autor beruht auf einem essenzialistischen Humanismus, der selbst ein Konstrukt mit historischem Ablaufdatum darstellt. Gleichzeitig – und das ist das eigentliche Erbe des Essays – zeigte Foucault aber auch, wie wichtig diese Frage in modernen Gesellschaften immer gewesen ist. Selbst wenn der Autor ein Konstrukt sein sollte, übernimmt er zentrale Funktionen in der kulturellen Praxis, etwa dort, wo er durch seine Person die Glaubwürdigkeit des Geschriebenen absichert. Das gilt – der Trennung von Werk und Autor zum Trotz – eigentümlicherweise auch für literarische Texte. Menschen wollen wissen, wer einen solchen Text geschrieben hat. Vor allem aber wollen sie wissen, wer einen Text nicht geschrieben hat. Es kümmert sie eben auch, wer nicht spricht.
Als im Jahr 1987 herauskam, dass der Band Down the Road, Worlds Away, der gerade im feministischen Verlag Virago veröffentlicht worden war, nicht von der Autorin Rahila Khan, sondern von einem weißen männlichen Pfarrer namens Toby Forward stammte, kassierte der Verlag die bereits gedruckte Auflage sofort wieder ein und ließ sie vernichten. Forward rechtfertigte sich damals in einem erstaunlich weinerlichen Essay in der London Review of Books, wobei er sich umstandslos auf die Trennung von Werk und Autor berief. Sollte es nicht egal sein, klagte er, wer die Geschichten geschrieben hat, wenn sie doch gut seien? Wen kümmert’s, wer Rahila Khan wirklich ist? Dass es doch Menschen kümmern würde, muss Forward allerdings klar gewesen sein. Sonst hätte er den Namen nicht genutzt, um – wie er selbst schreibt – die »Marktlücke« dieser Autorschaft auszunutzen.
Der Fall illustriert das grundsätzliche Problem der modernen literarischen Autorschaft: dass sie für die Rezipientinnen zugleich irrelevant und höchst bedeutsam erscheint. Auch wenn es die Lektüre zunächst nicht beeinflusst, fühlen sich viele Menschen doch zutiefst betrogen, wenn herauskommt, dass die Autorschaft gefälscht war. Auch die Institutionalisierung von normativen Konzepten wie dem »intentionalen Fehlschluss« oder dem »Tod des Autors« hat wenig daran geändert. Die Empörung, die von Medienereignissen wie dem Rahila-Khan-Skandal ausgelöst wurde, zeigt vielmehr: Die moderne literarische Kommunikation ist von einer Paranoia des Betrugsverdachts geprägt.
Im Zeitalter Künstlicher Intelligenz hat diese Paranoia eine neue Qualität erreicht. Wie kann ich wissen, dass der Text, den ich lese, überhaupt von einem Menschen geschrieben wurde und nicht von einer Maschine? Und was sagt es über mich und die Literatur im Allgemeinen, wenn ich das nicht kann? Der Aufstieg generativer KI hat neue Möglichkeiten des auktorialen Betrugs geschaffen und so neue Ängste und Sorgen hervorgebracht, die das literarische Feld schon jetzt maßgeblich geprägt haben. Diesen Ängsten ist es etwa zu verdanken, dass das neue Buch von Sarah Hall im Juni 2025 mit dem Stempel »Human Written« ausgeliefert wurde oder dass der Kinderbuchverlag Loewe damit wirbt, seine Bücher seien »garantiert ohne KI«. Diese Strategie verweist auf die ängstliche Aufwertung einer spezifisch menschlichen Ästhetik im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. »Menschengemacht« wird zum Bio-Siegel der zeitgenössischen Literatur.
Wie berechtigt diese Ängste tatsächlich sind, hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Im Mai 2026 etwa verbreitete sich in den sozialen Medien der Vorwurf, dass eine der Gewinnergeschichten des Commonwealth Short Story Prize, die traditionell auf der Internetseite von Granta veröffentlicht werden, mit KI erstellt worden sei. Es geht um eine Erzählung mit dem Titel The Serpent in the Grove von einem gewissen Jamir Nazir, die sich als einer von fünf regionalen Gewinnern unter den 7806 Einreichungen durchgesetzt hatte. Die Geschichte handelt vom harten Leben im ländlichen Trinidad und ist in einer hochpoetischen Sprache gehalten, die man von solchen Texten durchaus gewohnt ist. Allerdings sind die poetischen Mittel dermaßen dick aufgetragen, dass der Text sich oft wie eine Parodie liest: »Wilfred’s rum-shop leaned into the road like a rotten tooth. Inside, boards blackened by smoke and sweat, the air sweet with cane and forgetting.«
Der Verdacht, dass es sich um einen KI-generierten Text handelt, ist unter anderem Pangram zu verdanken, einem Programm, das verspricht, die Arbeit von KI zuverlässig aufzuspüren. Tatsächlich ergibt ein eigener Versuch mit Pangram, dass die Geschichte zu einhundert Prozent generiert ist. Für zahlreiche Kommentatoren in den sozialen Medien – auf der Plattform Bluesky etwa – war bereits auf den ersten Blick deutlich, dass hier eine Maschine am Werk gewesen sein muss. Allein die krummen Sprachbilder, die ständigen Wiederholungen oder die dreigliedrige Struktur der Sätze hätten jedem verständigen Leser klarmachen müssen, dass hier ein Betrug vorlag. Umso peinlicher wirkte die Geschichte deshalb für die Gatekeeper des literarischen Systems, die ausgerechnet die außerordentliche Sprache der Erzählung gelobt hatten (»precise yet richly evocative«).
Der Alltag des Verdachts
Die Paranoia, dass ein Text nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine geschrieben wurde, ist keine Besonderheit eines besonders empfindlichen literarischen Systems, sondern längst im Tagesgeschäft der Textarbeit angekommen. Das New York Magazine veröffentlichte im März 2026 einen ganzen Artikel über Menschen, denen zu Unrecht vorgeworfen wurde, KI verwendet zu haben. Demnach gehört es in Teilen der zeitgenössischen Bürokultur inzwischen dazu, wegen angeblicher Nutzung von Chatbots angeschrien zu werden. Der KI-Verdacht hat sich in den Diskurs eingeschlichen und wird sich so schnell nicht wieder verbannen lassen.
Das kann ich aus eigener Erfahrung als Dozent bestätigen. Die Frage, ob eine Hausarbeit gut geschrieben ist, weil die Studierende gut schreiben kann oder weil sie sich von der Maschine hat helfen lassen, gehört schon länger zum Korrekturalltag. In einem traurigen Erfahrungsbericht aus der FAZ schreibt eine Englischdozentin unter Pseudonym, wie stark der ständige Verdacht die Kommunikation mit den Studierenden bereits kontaminiert hat: »Ehrlich gesagt, ertappe ich mich oft dabei, in jeder herausragenden Arbeit eher die Leistung von KI zu sehen als die von Studenten aus Fleisch und Blut.« Dass diese Sorge alles andere als unberechtigt ist, zeigt die wachsende Anzahl an Kontroversen, die sich in den letzten Jahren um die fragile Integrität wissenschaftlicher Arbeit ergeben haben. Eine Recherche des Guardian von 2025 etwa hat aufgedeckt, dass in den letzten Jahren Tausende Studierende im Vereinigten Königreich dabei erwischt wurden, mit KI geschummelt zu haben.
Es sind allerdings nicht nur die Studierenden, die zugegebenermaßen schon immer im Verdacht standen, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vor den vielen (oft qualvollen) Prüfungsleistungen zu drücken, sondern auch professionelle Textarbeiter, die wegen unerlaubter Verwendung von KI auffliegen. Ein besonders unangenehmer Fall spielte sich im März 2026 ab, als der Autor Alex Preston überführt wurde, die Besprechung des französischen Romans Watching Over Her von Jean-Baptiste Andrea mit der Hilfe von KI geschrieben zu haben. Der Text erschien nicht in irgendeiner Lokalzeitung, sondern in der New York Times. Preston wurde zum Verhängnis, dass die KI eine andere Besprechung des Buches aus dem Guardian in Teilen einfach plagiiert hatte. Es handelt sich um eine jener Fehlleistungen der Maschine, die fast beruhigend wirken. So gut ist sie dann doch noch nicht!
Was den Fall so interessant macht, ist, dass hier eben kein Gebrauchstext generiert wurde, der zum Beispiel am Ende im Aktenschrank eines Dozenten landet, sondern genau die Art von Text, die durch den Anspruch charakterisiert wird, gut geschrieben zu sein. Es entbehrt deshalb auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Stellen, die die KI im Fall des New York Times-Artikels plagiierte, dem pompösen dichterischen Ton entsprechen, den man zuweilen in Rezensionen hochliterarischer Romane findet.