Wen kümmert’s, wer nicht spricht?
Künstliche Intelligenz und die Paranoia der Autorschaft von Johannes Franzen»Wen kümmert’s, wer spricht?« Das Beckett-Zitat, mit dem Michel Foucault seinen Aufsatz Was ist ein Autor? beginnt, ist inzwischen ein wenig zum Klischee geworden, was aber vor allem auf die Erfolgsgeschichte der Frage verweist.1 Für Foucault war die Stoßrichtung damals klar: Die Frage, wer in einem Text wirklich spricht, verrät eine gewisse subjektzentrierte Naivität. Der Glaube an den Autor beruht auf einem essenzialistischen Humanismus, der selbst ein Konstrukt mit historischem Ablaufdatum darstellt. Gleichzeitig – und das ist das eigentliche Erbe des Essays – zeigte Foucault aber auch, wie wichtig diese Frage in modernen Gesellschaften immer gewesen ist. Selbst wenn der Autor ein Konstrukt sein sollte, übernimmt er zentrale Funktionen in der kulturellen Praxis, etwa dort, wo er durch seine Person die Glaubwürdigkeit des Geschriebenen absichert. Das gilt – der Trennung von Werk und Autor zum Trotz – eigentümlicherweise auch für literarische Texte. Menschen wollen wissen, wer einen solchen Text geschrieben hat. Vor allem aber wollen sie wissen, wer einen Text nicht geschrieben hat. Es kümmert sie eben auch, wer nicht spricht.
Als im Jahr 1987 herauskam, dass der Band Down the Road, Worlds Away, der gerade im feministischen Verlag Virago veröffentlicht worden war, nicht von der Autorin Rahila Khan, sondern von einem weißen männlichen Pfarrer namens Toby Forward stammte, kassierte der Verlag die bereits gedruckte Auflage sofort wieder ein und ließ sie vernichten. Forward rechtfertigte sich damals in einem erstaunlich weinerlichen Essay in der London Review of Books, wobei er sich umstandslos auf die Trennung von Werk und Autor berief. Sollte es nicht egal sein, klagte er, wer die Geschichten geschrieben hat, wenn sie doch gut seien? Wen kümmert’s, wer Rahila Khan wirklich ist? Dass es doch Menschen kümmern würde, muss Forward allerdings klar gewesen sein. Sonst hätte er den Namen nicht genutzt, um – wie er selbst schreibt – die »Marktlücke« dieser Autorschaft auszunutzen.2
Der Fall illustriert das grundsätzliche Problem der modernen literarischen Autorschaft: dass sie für die Rezipientinnen zugleich irrelevant und höchst bedeutsam erscheint. Auch wenn es die Lektüre zunächst nicht beeinflusst, fühlen sich viele Menschen doch zutiefst betrogen, wenn herauskommt, dass die Autorschaft gefälscht war. Auch die Institutionalisierung von normativen Konzepten wie dem »intentionalen Fehlschluss« oder dem »Tod des Autors« hat wenig daran geändert. Die Empörung, die von Medienereignissen wie dem Rahila-Khan-Skandal ausgelöst wurde, zeigt vielmehr: Die moderne literarische Kommunikation ist von einer Paranoia des Betrugsverdachts geprägt.
Im Zeitalter Künstlicher Intelligenz hat diese Paranoia eine neue Qualität erreicht. Wie kann ich wissen, dass der Text, den ich lese, überhaupt von einem Menschen geschrieben wurde und nicht von einer Maschine? Und was sagt es über mich und die Literatur im Allgemeinen, wenn ich das nicht kann? Der Aufstieg generativer KI hat neue Möglichkeiten des auktorialen Betrugs geschaffen und so neue Ängste und Sorgen hervorgebracht, die das literarische Feld schon jetzt maßgeblich geprägt haben. Diesen Ängsten ist es etwa zu verdanken, dass das neue Buch von Sarah Hall im Juni 2025 mit dem Stempel »Human Written« ausgeliefert wurde oder dass der Kinderbuchverlag Loewe damit wirbt, seine Bücher seien »garantiert ohne KI«. Diese Strategie verweist auf die ängstliche Aufwertung einer spezifisch menschlichen Ästhetik im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. »Menschengemacht« wird zum Bio-Siegel der zeitgenössischen Literatur.
Wie berechtigt diese Ängste tatsächlich sind, hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt. Im Mai 2026 etwa verbreitete sich in den sozialen Medien der Vorwurf, dass eine der Gewinnergeschichten des Commonwealth Short Story Prize, die traditionell auf der Internetseite von Granta veröffentlicht werden, mit KI erstellt worden sei. Es geht um eine Erzählung mit dem Titel The Serpent in the Grove von einem gewissen Jamir Nazir, die sich als einer von fünf regionalen Gewinnern unter den 7806 Einreichungen durchgesetzt hatte.3 Die Geschichte handelt vom harten Leben im ländlichen Trinidad und ist in einer hochpoetischen Sprache gehalten, die man von solchen Texten durchaus gewohnt ist. Allerdings sind die poetischen Mittel dermaßen dick aufgetragen, dass der Text sich oft wie eine Parodie liest: »Wilfred’s rum-shop leaned into the road like a rotten tooth. Inside, boards blackened by smoke and sweat, the air sweet with cane and forgetting.«4
Der Verdacht, dass es sich um einen KI-generierten Text handelt, ist unter anderem Pangram zu verdanken, einem Programm, das verspricht, die Arbeit von KI zuverlässig aufzuspüren. Tatsächlich ergibt ein eigener Versuch mit Pangram, dass die Geschichte zu einhundert Prozent generiert ist. Für zahlreiche Kommentatoren in den sozialen Medien – auf der Plattform Bluesky etwa – war bereits auf den ersten Blick deutlich, dass hier eine Maschine am Werk gewesen sein muss. Allein die krummen Sprachbilder, die ständigen Wiederholungen oder die dreigliedrige Struktur der Sätze hätten jedem verständigen Leser klarmachen müssen, dass hier ein Betrug vorlag. Umso peinlicher wirkte die Geschichte deshalb für die Gatekeeper des literarischen Systems, die ausgerechnet die außerordentliche Sprache der Erzählung gelobt hatten (»precise yet richly evocative«).5
Der Alltag des Verdachts
Die Paranoia, dass ein Text nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine geschrieben wurde, ist keine Besonderheit eines besonders empfindlichen literarischen Systems, sondern längst im Tagesgeschäft der Textarbeit angekommen. Das New York Magazine veröffentlichte im März 2026 einen ganzen Artikel über Menschen, denen zu Unrecht vorgeworfen wurde, KI verwendet zu haben. Demnach gehört es in Teilen der zeitgenössischen Bürokultur inzwischen dazu, wegen angeblicher Nutzung von Chatbots angeschrien zu werden.6 Der KI-Verdacht hat sich in den Diskurs eingeschlichen und wird sich so schnell nicht wieder verbannen lassen.
Das kann ich aus eigener Erfahrung als Dozent bestätigen. Die Frage, ob eine Hausarbeit gut geschrieben ist, weil die Studierende gut schreiben kann oder weil sie sich von der Maschine hat helfen lassen, gehört schon länger zum Korrekturalltag. In einem traurigen Erfahrungsbericht aus der FAZ schreibt eine Englischdozentin unter Pseudonym, wie stark der ständige Verdacht die Kommunikation mit den Studierenden bereits kontaminiert hat: »Ehrlich gesagt, ertappe ich mich oft dabei, in jeder herausragenden Arbeit eher die Leistung von KI zu sehen als die von Studenten aus Fleisch und Blut.«7 Dass diese Sorge alles andere als unberechtigt ist, zeigt die wachsende Anzahl an Kontroversen, die sich in den letzten Jahren um die fragile Integrität wissenschaftlicher Arbeit ergeben haben. Eine Recherche des Guardian von 2025 etwa hat aufgedeckt, dass in den letzten Jahren Tausende Studierende im Vereinigten Königreich dabei erwischt wurden, mit KI geschummelt zu haben.8
Es sind allerdings nicht nur die Studierenden, die zugegebenermaßen schon immer im Verdacht standen, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vor den vielen (oft qualvollen) Prüfungsleistungen zu drücken, sondern auch professionelle Textarbeiter, die wegen unerlaubter Verwendung von KI auffliegen. Ein besonders unangenehmer Fall spielte sich im März 2026 ab, als der Autor Alex Preston überführt wurde, die Besprechung des französischen Romans Watching Over Her von Jean-Baptiste Andrea mit der Hilfe von KI geschrieben zu haben. Der Text erschien nicht in irgendeiner Lokalzeitung, sondern in der New York Times. Preston wurde zum Verhängnis, dass die KI eine andere Besprechung des Buches aus dem Guardian in Teilen einfach plagiiert hatte. Es handelt sich um eine jener Fehlleistungen der Maschine, die fast beruhigend wirken. So gut ist sie dann doch noch nicht!
Was den Fall so interessant macht, ist, dass hier eben kein Gebrauchstext generiert wurde, der zum Beispiel am Ende im Aktenschrank eines Dozenten landet, sondern genau die Art von Text, die durch den Anspruch charakterisiert wird, gut geschrieben zu sein. Es entbehrt deshalb auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Stellen, die die KI im Fall des New York Times-Artikels plagiierte, dem pompösen dichterischen Ton entsprechen, den man zuweilen in Rezensionen hochliterarischer Romane findet.
Guardian: »Because this is most significantly a song of love to a country of contradictions, battered, war-torn, divided, misguided and miraculous: an Italy where life is costume and the performance of art, and where circuses spring up on wasteland.«9
New York Times: »Together they populate what is ultimately a love song to a country of contradictions: battered, divided, misguided and miraculous. This is an Italy where life is performance, where circuses rise on wasteland, where beauty is perpetually imperiled and genius proliferates unchecked.«10
Wie viel Mühe kostet es, mithilfe von KI einen einigermaßen eleganten Text zu erstellen? Wenn man ChatGPT den Auftrag gibt, eine Rezension des Romans Watching Over Her zu schreiben, wie sie auch in der New York Times hätte erscheinen können, spuckt die Maschine innerhalb weniger Sekunden Sätze wie diese aus: »Painting, in particular, becomes a kind of moral language in the novel, a way of negotiating what cannot be said directly. Andrea is attentive to the tension between representation and concealment: every image is also a veil, every act of depiction a selective blindness.« Das ist nun sicher kein brillanter Kulturjournalismus, aber doch elegant genug, um bei einer oberflächlichen Lektüre keine Warnzeichen aufleuchten zu lassen.
Es wird – gerade im Bereich der Hochkultur – auf absehbare Zeit ein Skandal bleiben, wenn Autorinnen dabei erwischt werden oder offen zugeben, in ihren Werken KI verwendet zu haben. Im Sommer 2025 sorgte die japanische Autorin Rie Qudan für Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass sie Teile ihres preisgekrönten Romans Sympathy Tower Tokyo mit der Hilfe Künstlicher Intelligenz geschrieben hatte. Qudan spricht von fünf Prozent des Textes, die sich aber rechtfertigen lassen, weil die Kommunikation mit ChatGPT im Buch selbst eine wichtige Rolle spielt.11 Weitaus erhitzter lief eine Kontroverse aus dem Mai 2026 ab, die sich um ein Gespräch mit Olga Tokarczuk entwickelte. Darin gab die Nobelpreisträgerin zu, dass sie KI bereits in ihrer schriftstellerischen Praxis verwende. Tokarczuk schwärmte davon, wie gut KI dazu geeignet sei, ihren Horizont zu erweitern und ihr kreatives Denken zu vertiefen.
Dieses »Geständnis« sorgte in den sozialen Medien für entsetzte Reaktionen und fand so auch seinen Weg in andere Medien. In einem Artikel im Spiegel fragte Sebastian Hammelehle: »Ist das ein Skandal?«, und winkte direkt ab. In der Moderne, schreibt er, sei der Geniebegriff oft infrage gestellt worden, Kreativität sei immer auch »Ausdruck der technischen Möglichkeiten ihrer Zeit«. Das zeige die Geschichte des Samplings in der Musik. Ein echter Skandal sei die Verwendung nur dann, wenn sie heimlich passiert.12
Viele Menschen zeigten sich allerdings weit weniger entspannt, und Tokarczuk musste kurze Zeit später in einem Statement klarstellen, dass ihr kommendes Buch selbstverständlich allein von ihr selbst geschrieben sei und sie KI nur zu Recherchezwecken verwendet habe. Am Ende des Statements heißt es: »I am sometimes inspired by dreams, but before this sentence too is cornered and torn to pieces by the experts, I hasten to report that they are my own dreams.«13 Man merkt diesem kryptisch-schnippischen Kommentar die Irritation der Autorin über die heftige Kritik deutlich an. Es handelt sich um einen Diskurs, in dem nicht weniger auf dem Spiel steht als die kreative Ehre der Produzentin. Die Frage, die sich in Bezug auf KI stellt, lautet: Wann ist ein Hilfsmittel eine erlaubte Prothese, und wann wird dieses Hilfsmittel zu einem Instrument des Betrugs, das die Integrität der Autorschaft bedroht?
KI-Ekel als Kompetenz
Eine Kontroverse wie die um Tokarczuk zeigt, dass das Problem generativer KI noch stark auf der Ebene der Produktion verhandelt wird (darf sie das?). Wenn man sich mit den Fällen eingehender beschäftigt, wird allerdings schnell deutlich, dass das eigentliche Problem auf der Ebene der Rezeption liegt. Der Titel eines Essays von Vauhini Vara aus dem Dezember 2025 stellt dazu die entscheidende Frage: What if Readers Like A.I.-Generated Fiction?14
Vara schreibt über ein Experiment des Informatikers Tuhin Chakrabarty, der ein KI-Modell mit dem Gesamtwerk von Autorinnen wie der Nobelpreisträgerin Han Kang trainiert hatte. Das Resultat legte er Studierenden aus Creative-Writing-Programmen vor, die die generierten Texte mit Texten vergleichen sollten, die ihre Kommilitoninnen geschrieben hatten. Wie sich herausstellte, konnten die professionellen Leserinnen, die an dem Experiment beteiligt waren, die Handschrift der KI nicht erkennen.15
Ausgehend von diesem Experiment, machte Vara für ihr Essay einen ähnlichen Versuch. Sie gab Freunden und Bekannten vier Textabschnitte zu lesen, von denen zwei von ihr selbst stammten und zwei von der KI generiert wurden, »im Stil Vauhini Varas«. Auch in diesem Fall war das Ergebnis ernüchternd. Die Abschnitte wurden durchgehend falsch identifiziert. Eine Freundin bezeichnete eine der generierten Phrasen als »ganz typisch für dich« (»especially your style«), eine andere vermeinte, in einem Abschnitt der KI eindeutig den distinkten Humor der Autorin zu erkennen. Andere wiederum gingen harsch mit Abschnitten ins Gericht, die sie für das Erzeugnis der KI hielten, die allerdings von Vara selbst stammten (»some hive mind’s ›idea‹ of literature«).
Die Paranoia des KI-Verdachts bezieht ihre Intensität aus der Tatsache, dass Menschen schon jetzt nicht mehr in der Lage sind, die Erzeugnisse der Maschine zuverlässig zu identifizieren. Aber was bedeutet das? Müsste sich daraus nicht die Schlussfolgerung ableiten lassen, dass es egal ist, ob ein Text von einem Menschen oder einer KI stammt? Immerhin ist der Rezipient der entscheidende Empfänger einer literarischen Kommunikationsleistung: Wenn er den Text gut findet, dann ist er vielleicht einfach gut? Hier eskaliert das Konfliktpotenzial von Varas Frage, was passiert, wenn Leserinnen KI-Literatur zu mögen beginnen. Hat die KI dann nicht im Verdrängungskampf gegen menschliche Autorinnen gewonnen?
Ein Fall, in dem sich das Rezeptionsproblem mit besonderer Dringlichkeit zeigt, ist die Kontroverse um den Roman Shy Girl von Mia Ballard, der im Februar 2025 im Selbstverlag veröffentlicht wurde. Es handelt sich um einen Horrorroman, in dem die Protagonistin sich aus Geldsorgen einem »Sugar Daddy« unterwirft, der sie entführt und gefangen hält, um einen Hund aus ihr zu machen. Genretypisch enthält der Roman zahlreiche Schilderungen grässlicher psychischer und physischer Torturen und endet mit der blutigen Rache der Protagonistin an ihrem Peiniger. Shy Girl hatte zunächst großen Erfolg und wurde schließlich vom etablierten Verlag Hachette übernommen und für eine klassische Publikation vorbereitet.
Im März 2026 berichtete die New York Times dann aber, dass es KI-Vorwürfe gebe und der Verlag die Veröffentlichungszusage zurückgezogen habe. Im Artikel wird Max Spero zitiert, der Chef von Pangram, der mitteilte, das Programm habe einen KI-Anteil von 78 Prozent ermittelt. Die Vorwürfe gegen den Roman hatten allerdings auf digitalen Plattformen wie Reddit und Goodreads kursiert, bevor sich etablierte Institutionen damit befassten. Bereits im Januar 2026 etwa hatte der YouTube-Kanal »frankie’s shelf« den verräterischen Stil von Shy Girls in einem fast dreistündigen Video eingehend analysiert.16
Der Fall erzeugte viel Händeringen über eine Zukunft, in der große Verlage sich von hohler KI-Prosa täuschen lassen. Er bietet reichhaltiges Material für eine Untersuchung dieses strukturell paranoiden Diskurses. Ein gutes Beispiel ist ein Artikel von Imogen West-Knights für Slate. Hier wird eine der Leserinnen zitiert, die von Anfang an misstrauisch gegenüber dem Roman gewesen waren. Diese Leserin spricht von einem »A.I. ick«, der sie beim Lesen beschlichen habe – ein Moment der Störung, ein kurzer Anflug von ästhetischem Ekel.17 Dieser »ick« wird allerdings nicht durch die Analyse individueller Details ausgelöst, sondern zunächst vor allem durch ein Gefühl: Da sei keine Formulierung gewesen, kein Aspekt der Wortwahl, der Syntax, der Grammatik, die ChatGPT nicht genauso hätte liefern können.
Diese Formulierung verrät eine Vorstellung des Literarischen, die sich ex negativo von KI-generiertem Text abgrenzt. Literatur ist demnach, was ChatGPT nicht tun würde. Damit werden klassische Vorstellungen des Literarischen aufgerufen, die poetische Sprache durch Entautomatisierung definieren, durch die Abgrenzung von der normierten, instrumentellen Sprache des Alltags. Auch für Imogen West-Knights findet die Beweisführung auf der Ebene eines Gefühls statt, das sich bei der Lektüre eingestellt habe: der Eindruck nämlich, dass hinter den Worten keine Person zu erkennen sei (»the sense, quite literally, of a lack of a person behind the words«). Sie sei durch ihr Vorwissen natürlich auf diesen Eindruck geeicht worden, habe allerdings gespürt, dass durch Shy Girl eine konsistente Flachheit geistere. Das ganze Buch sei in einem immergleichen emotionalen Register gehalten, und dieses Register fühle sich ausgesprochen leer an.
Was sich hier abzeichnet, sind die Konturen einer neuen Gefühlshermeneutik des Verdachts. Dieser Verdacht tritt der Leserin zunächst als emotionale Störung entgegen (als »ick«). Die Paranoia des modernen Autorschaftsdiskurses wird also zur Grundlage einer kompetenten Lektüre. Der Verdacht liest mit, als ungutes Gefühl, das dann nach und nach immer mehr Anzeichen und Muster erkennt.
Diese Gefühlshermeneutik hat natürlich ein naheliegendes Problem. Alle Vorwürfe, die gegen KI-generierte Texte erhoben werden, wurden auch gegen konventionalisiertes, schematisches oder kitschiges Schreiben erhoben, das aus der warmblütigen Feder eines echten Menschen geflossen ist. Man kann beobachten, wie im KI-Verdacht überkommene Wertungskriterien reaktiviert werden, die automatisierte Konventionalität gegen individuelle Originalität ausspielen – nur, dass dieser Konflikt sich jetzt nicht mehr zwischen mehr oder weniger talentierten Menschen abspielt, sondern zwischen Mensch und Maschine. Die Vorstellung, man könne die Handschrift der Maschine an einer gefühlten Abwesenheit des Menschlichen erkennen, beruht allerdings auf einem Fehlschluss: Der Text muss von einer KI stammen, weil er schlecht ist; der Text ist schlecht, weil er von einer KI stammt.
Was die Vermischung von Analyse- und Wertungskriterien im Fall des KI-Diskurses so interessant macht, ist, dass sie auch eine implizite Hierarchie von guten und schlechten Leserinnen aufbaut. Ein guter Leser wäre demnach jemand, der in der Lage ist, einen KI-Text zu erkennen, der das Gespür – das Gefühl – dafür besitzt, wann ein Mensch hinter dem Text steht und wann nicht. Ein schlechter Leser wäre dagegen jemand, der sich von der Maschine narren lässt, der nicht über den ästhetischen Radar verfügt, der die Anzeichen von KI direkt erkennt. Die Gefühlshermeneutik des Verdachts wird so zum Prüfstein einer kompetenten Rezeption, die in der Lage ist, dem Text seine Menschlichkeit abzulauschen. Dahinter steht die Sorge, dass es eine große Gruppe von Leserinnen geben könnte, die dazu nicht in der Lage sind und sich mit KI-Literatur abspeisen lassen.
Wie reagieren die Leserinnen?
Man muss sich an dieser Stelle vor Augen halten, dass Shy Girl in dem Jahr seit seiner ersten Veröffentlichung bis zum Skandal bereits Tausende von begeisterten Leserinnen gefunden hatte. Die Wortmeldungen zu Shy Girl auf Goodreads beantworten die Frage, ob Leserinnen KI-generierte Literatur lieben können, auf eindrückliche Art. Von den 5067 Rezensionen geben 1082 fünf Sterne und 1742 vier Sterne. Nur 1208 Rezensentinnen geben die Negativbewertung von einem oder zwei Sternen.18 Die Besprechungen sind oft frenetisch. Gelobt wird vor allem, wie spannend und aufwühlend der Roman sei, aber auch die Sprache und Atmosphäre des Buchs. Einige sprechen von einer transformativen Lektüre, die sie schockiert und sprachlos zurückgelassen habe (»Oh my god. This was insane«, »This was fucked and I loved every second«, »I’m speechless«). Diese Leserinnen haben sich durch keinen »ick«, durch keine emotionale Störung davon abhalten lassen, das Buch in vollen Zügen zu genießen.
Es ist faszinierend, zu beobachten, wie sich das Wertungsgeschehen auf Goodreads entwickelt, nachdem die Vorwürfe in den Diskurs um Shy Girl eingesickert sind. Die Reaktionen auf den Vorwurf lassen sich in verschiedene Lager einteilen. Ein (nicht kleiner) Teil der Rezensentinnen hat offenbar von der Kontroverse gar nichts mitbekommen und bewertet den Roman unabhängig von den Vorwürfen (negativ und positiv). Bereits ab Mitte 2025 mehren sich allerdings Stimmen, die ein deutlich abwertendes Urteil mit dem Verdacht verbinden, es könne sich um KI-generierte Prosa handeln (»Can we just absolutely not encourage the publication of this lazy, greedy trash?«).
Besonders interessant sind die Rezensentinnen, die ihre positive Wertung nach der Enthüllung zu einer negativen ändern. Eine erboste Leserin schreibt im März 2026, sie stufe ihre Wertung nun auf einen Stern herunter. In ihrer ursprünglichen Besprechung hatte sie noch geschwärmt: »I was glued to the page, wondering what kind of sick torture was coming her way, while at the same time, I was rooting for her 110 %.«
In diesem Fall verändert sich also die Einschätzung ein und desselben Textes aufgrund einer Information über den Produktionsprozess. Die ästhetische Erfahrung, die die Leserin gemacht hatte, lässt sich aber nicht bestreiten. Die Lektüre bleibt mitreißend und wird im Nachhinein nur durch ein ethisches Urteil relativiert. Diese Form der Enttäuschung zieht sich durch einige der Besprechungen: »i am disappointed as i did really enjoy Mia’s unhinged books«, »I enjoyed this book but then found out it was written with the use of AI. Darn. :(«, »I had this at 5 stars, then found out it is AI slop. bah«.
Was diese Rezensionen so faszinierend macht, ist die Tatsache, dass es sich um Leserinnen handelt, die das Buch geliebt haben, bevor die Vorwürfe bekannt wurden. Die Information über den angeblichen KI-Gebrauch fungiert in diesem Zusammenhang wie ein vergifteter Paratext, eine Information außerhalb des Buches also, die aber die Rezeption kontaminiert und sabotiert.19 Dabei können die aufgebrachten Rezipientinnen kaum artikulieren, was sich konkret verändert hat. Ihre Reaktionen werden eher auf einer emotionalen als auf einer argumentativen Ebene artikuliert (»darn«, »bah«). Es handelt sich um ein Gefühl der Enttäuschung, in dem sich die Trauer um eine mitreißende ästhetische Erfahrung mit dem moralischen Entsetzen darüber vermischt, von der Autorin betrogen worden zu sein.
Aber worin besteht dieser Betrug? Die Ablehnung von »AI slop« erscheint in diesem Zusammenhang absolut, wird aber selten anhand konkreter Merkmale begründet. Das wäre allerdings auch schwer möglich, ohne das eigene ästhetische Urteilsvermögen komplett infrage zu stellen. Der KI-Verdacht greift am Ende die Kompetenz der Leserinnen an, die das Buch zunächst geliebt hatten. Bei manchen dieser Leserinnen herrscht deshalb ein Gefühl von Beschämung darüber, auf KI hereingefallen zu sein. Eine Rezensentin schreibt: »Yuck I was duped by AI how embarrassing«; eine andere: »what the hell i was doing that i didn’t realize this book was AI slop«. In einer Rezension wird die Tatsache, dass man die KI nicht erkannt hat, damit erklärt, man habe damals mehr auf die Atmosphäre und Handlung geachtet als auf den Stil, der einen heute sicherlich mehr irritieren würde. Man müsse eben wachsen und lernen: »Growing and learning, as they say.«
Diesen negativen Reaktionen auf den KI-Verdacht, die zwischen strenger triumphierender Abwertung und beschämter Enttäuschung schwanken, steht eine Reihe von Reaktionen entgegen, die den Roman verteidigen. Dazu gehört die (eher seltene) empörte Leugnung der Vorwürfe. Der Roman könne gar nicht mit KI geschrieben sein, und wer das behaupte, schade einer (im Übrigen marginalisierten) Autorin. Weit häufiger wird der Vorwurf lapidar beiseite gewischt. Man habe bei der Lektüre schlicht nichts gemerkt, was ausreicht, um berechtigte Zweifel an den Vorwürfen anzumelden (»I personally did not recognize anything suspicious while reading«, »However I don’t feel like personally this book was fully written by AI?«).
Besonders bedeutsam für die Frage, wie Leserinnen auf den KI-Verdacht reagieren, sind die Rezensionen, die den Vorwurf anerkennen und den Roman trotzdem weiter loben. So schreibt eine Leserin: »I enjoyed reading this despite it being written AI. I couldn’t keep my eyes off the pages. I completed this in 2 days.« Eine andere gib zu: »Honestly can’t tell if it’s written by AI or what but devoured it Tbh«. Und eine weitere stellt fest: »I know there’s controversy over AI writing in this book but I’m no expert, I’m just a girl who likes to read.«
Hier wird Foucaults Frage »Wen kümmert’s, wer spricht?« auf eine entwaffnende Art und Weise beantwortet. Für ein »girl who likes to read« ist es unerheblich, ob der Roman, den man mit Begeisterung verschlungen hat, von einer Maschine oder einem Menschen geschrieben wurde. »Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors«, schreibt Roland Barthes am Ende seines Essays Der Tod des Autors.20 Und in gewisser Hinsicht kann man in den Goodreads-Rezensionen zu Shy Girl diese Entwicklung beobachten. Was für diese begeisterten Leserinnen am Ende zählt, ist der Text, der die Grundlage für eine begeisternde ästhetische Erfahrung war. Die moderne Tradition der ästhetischen Theorie rechtfertigt diese Leserinnen in gewisser Weise. Radikale Autonomie entsteht dort, wo das Werk sich auch von der Intention des Autors löst, wo das Artefakt nur für sich selbst steht. Und sollte nicht die Qualität eines Textes das entscheidende Kriterium seiner Bewertung sein, und nicht der Kontext seiner Produktion?
Dieser Schlussfolgerung stehen die Enttäuschung und Beschämung der Leserinnen gegenüber, die sich von KI-generierten Texten betrogen fühlen. Die potenzielle Irrealität der modernen Autorschaft wird am Ende immer durch die Realität des Autors eingeholt, mit der die Rezipientinnen starke Bedürfnisse verbinden. Im Fall des KI-Diskurses bedeutet das: Man will einfach nicht, dass das Buch von einer Maschine geschrieben wurde, man verlangt nach einer echten, und das heißt nach einer menschlichen Autorin.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich diese Bedürfnisse verändern werden. Leserinnen haben auch in manchen (nicht in allen) Bereichen des literarischen Lebens gelernt, mit Pseudonymen und Ghostwritern zu leben. Die Frage »Wen kümmert’s, wer spricht?« ist relativ zu den historischen und kulturellen Kontexten, in denen sie gestellt wird. Der hochgradig paranoide Diskurs der Gegenwart zeigt allerdings, dass diese Frage im Verhältnis von Literatur und KI noch für eine lange Zeit eine wichtige Rolle spielen wird.
Michel Foucault, Was ist ein Autor? [1969] In: Fotis Jannidis u.a. (Hg.), Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000.
Toby Forward, Being Rahila Khan. In: London Review of Books, Nr. 10/3, 4. Februar 1988.
commonwealthfoundation.com/short-story-prize
Jamir Nazir, The Serpent in the Grove. In: Granta. The Online Edition vom 12. Mai 2026 (granta.com/the-serpent-in-the-grove).
Die Jury ließ sich von den Vorwürfen (und der Qualität des Textes) nicht davon abhalten, ihn als endgültigen Gewinner auszuzeichnen.
Emma Alpern, The People Falsely Accused of Using AI. In: New York Magazine vom 25. März 2026 (nymag.com/intelligencer/article/the-people-getting-falsely-accused-of-using-ai-to-write.html).
Anna Wolter, Sherlock Holmes, ChatGPT, das Staatsexamen und ich. In: FAZ vom 29. Mai 2026.
Michael Goodier, Revealed: Thousands of UK university students caught cheating using AI. In: Guardian vom 15. Juni 2025 (theguardian.com/education/2025/jun/15/thousands-of-uk-university-students-caught-cheating-using-ai-artificial-intelligence-survey).
Christobel Kent, Watching Over Her by Jean-Baptiste Andrea review – a love song to Italy. In: Guardian vom 21. August 2025 (theguardian.com/books/2025/aug/21/watching-over-her-by-jean-baptiste-andrea-review-a-love-song-to-italy).
Alex Preston, This Blockbuster French Novel Asks: Can Art Compromise With Fascism? In: New York Times vom 6. Januar 2026, aktualisiert am 30. März 2026 (nytimes.com/2026/01/06/books/review/watching-over-her-jean-baptiste-andrea.html).
John Self /Rie Qudan (Interview), Why I used ChatGPT to write my prize-winning novel. In: Guardian vom 18. August 2025 (theguardian.com/books/2025/aug/18/author-rie-qudan-why-i-used-chatgpt-to-write-my-prize-winning-novel).
Sebastian Hammelehle, Die Literatur-Nobelpreisträgerin gibt zu, KI für ihre Bücher zu nutzen. Ist das ein Skandal? In: Spiegel vom 22. Mai 2026.
lithub.com/olga-tokarczuk-has-responded-to-the-controversy-over-her-reputed-use-of-ai/
Vauhini Vara, What if Readers Like A.I.-Generated Fiction? In: The New Yorker vom 20. Dezember 2025 (newyorker.com/culture/the-weekend-essay/what-if-readers-like-ai-generated-fiction).
Tuhin Chakrabarty /Jane C. Ginsburg /Paramveer Dhillon, Readers Prefer Outputs of AI Trained on Copyrighted Books over Expert Human Writers. Columbia Public Law Research Paper No. 5606570, 15. Oktober 2025.
youtube.com/watch?v=GbeKTa5xhZo&t=1781s
Imogen West-Knights, A Publisher Pulled a Book for Suspected A.I. Use. I Got My Hands on a Copy. What I Found Was Revealing. In: Slate vom 31. März 2026 (slate.com/culture/2026/03/shy-girl-mia-ballard-novel-a-i-book-horror-reddit-hachette-canceled.html).
Stand 27. Mai 2026
Johannes Franzen, Wut und Wertung. Warum wir über Geschmack streiten. Frankfurt: S. Fischer 2024.
Roland Barthes, Der Tod des Autors. In: Fotis Jannidis u.a. (Hg.), Texte zur Theorie der Autorschaft.