Theaterkolumne
Welcome to the Final Show: Goetz, Rutschky, Lapidarium von Ekkehard KnörerWelcome to the Final Show: Goetz, Rutschky, Lapidarium
kamen mir Bilder meiner eigenen Geschichte mit Michael Rutschky in den Sinn
Rainald Goetz, Lapidarium
»Ein junger Mann liest das Buch eines alten Schriftstellers über einen alten Mann und den Tod: Max Frischs neue Erzählung, ›Der Mensch erscheint im Holozän‹. Ich bin der Leser, mit meinen 25 Jahren nicht einmal sicher, ob ich bereits zu den Erwachsenen gehöre.« So lauten die ersten Sätze des ersten Texts, den Rainald Goetz, im September 1979, im Merkur veröffentlicht hat. Goetz war ein in der Öffentlichkeit noch ganz Unbekannter, Medizinstudent, für die Süddeutsche Kinderbuchkritiker, voller Ehrgeiz, aber noch gar nicht richtig ein Autor. Der Redakteur der Zeitschrift, in der sein Text über den jungen und den alten Mann und den Tod erscheint, war damals, und nur für kurze Zeit, Michael Rutschky. Diesen zog es erst zur von Hans Magnus Enzensberger neu gegründeten Zeitschrift TransAtlantik, dann ins Freie einer publizistischen Existenz, die den Essayisten nie wieder zum Angestellten machen sollte. Als freier Autor und einflussreicher Berater blieb Rutschky dem Merkur bis zu seinem Tod eng verbunden, der Zeitschrift und ihrem Redakteur, dann Mitherausgeber, seinem einstigen Studienfreund Kurt Scheel, den er selbst als Nachfolger für die eigene Position ins Spiel gebracht hatte.
Goetz schreibt fünf weitere Texte für den Merkur, darunter ein Verriss von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now, ein Vorabdruck aus dem ersten Roman Irre, 1986 noch ein literarischer Bericht, Moskau. Danach nichts mehr. Wie nahe Goetz und er einander einmal standen, ist in Michael Rutschkys gegen Ende seines Lebens veröffentlichten Tagebüchern nachzulesen. In Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen, das die Jahre 1981 bis 1984 umfasst, ist Goetz omnipräsent. Es sind Rutschkys TransAtlantik-Jahre, er ist zum Beginn der Aufzeichnungen 38 Jahre alt, hat mit seinem buchlangen Essay Erfahrungshunger (1980) gerade einen beachtlichen Erfolg erzielt, ein vergleichbarer sollte nie wieder folgen, Goetz ist 27.
Es ist eine Freundschaft (per Sie, aber das wird Rutschky bei fast allen Bekannten und Freunden so halten), man geht zusammen ins Kino, meist ist Rutschkys Frau, die Publizistin Katharina Rutschky dabei, man redet über den Ehrgeiz, die Liebe, fährt mit dem Auto ins Umland, die Rutschkys machen sich Gedanken über die Frisur (punkig, Haar gebleicht), das Schminken, die Sicherheitsnadel im Ohr, den legendären Auftritt in Klagenfurt, den sie im Fernsehen verfolgen: Goetz schlitzt sich live mit einer Rasierklinge die Stirn, Blut tropft auf den Text, der Subito heißt. Es ist auch ein Mentorenverhältnis, Rutschky öffnet Türen, gibt Rat. Einen Artikel für TransAtlantik über die Frankfurter Buchmesse, Reise durch die Feuilletons, haben sie, behauptet jedenfalls Rutschky, gemeinsam geschrieben; er findet wie ein Fernsehfilm Rutschkys, in dem Goetz als Punk Auftritte hat, sein Echo im Tagebuch, das manchmal sehr direkt, manchmal sehr indirekt auf die Wirklichkeit referiert: Auch Traumprotokolle gehören dazu. (Nicht immer ist klar, was real ist, was Traum; Rutschky, im Tagebuch immer »R.«, war der Psychoanalyse sehr zugeneigt.)
Manchmal erscheint Goetz als eine Art Wunschsohn des kinderlosen Ehepaars Rutschky – Katharina Rutschky wird einmal zitiert mit dem Satz »In Wirklichkeit ist er eben doch noch ein Kind«; aber ein andermal, als Goetz »alle Merkmale des Unglücklichverliebtseins« zeigt: »Er hat sich nicht zu verlieben. Schließlich liebt er uns!« Im legendären Lesezirkel ist er auch mit dabei: »Sie sprechen im Lesezirkel über Luhmann, in Goetz’ Küche. Scheel redet, R. redet, Kathrin redet, manchmal Christine Scherrmann, während Gabi Dürr nur zuhört. Goetz sagt seit einer Weile gar nichts mehr. Er sitzt zusammengekrümmt auf dem Küchenstuhl, den Fuß im Schoß, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, den Kopf gesenkt. Er schläft.« Er hat nicht immer geschlafen, sondern bei Gelegenheit auch genau hingesehen, das wird klar, wenn er viel später über den Lesezirkel und die Rolle der Rutschkys dabei festhält: »obwohl gerade im Lesekreis manchmal erschreckend deutlich sichtbar wurde […], wie sehr er, der Mann, Michael, auf die Dominanz seiner Vorrangstellung festgelegt war, wie er die Frau, seine Frau, Katharina, in der Diskussion unfreundlich behandelte, sie unterbrach, belehrte, bloßstellte, man konnte das gar nicht verstehen, den totalen Gegensatz zu den Aufgeklärtheitsidealen, die den Geist unseres Lesekreises eigentlich ausmachten« (Lapidarium).