Heft 907, Dezember 2024

Alpen autokinetisch

von Valentin Groebner

Freiwillig macht man das nicht. Mit dem Fahrrad ein, zwei, drei Dutzend Kilometer ununterbrochen bergauf, mit acht (okay), neun (zäh) oder zehn (bäh) Prozent Steigung, über enge Kurven tausend oder tausendfünfhundert Höhenmeter hinauf auf den Pass – wieso eigentlich?

Ich wollte entkommen. Es war April 2020, und ich wollte den Vorschriften entkommen und den ununterbrochenen Ermahnungen. Von allen Aktivitäten im Freien wurde abgeraten, alle sollten zuhause bleiben und äußerste Vorsicht üben. Die Grenzen waren geschlossen. Ich wollte den Ängsten meiner Freunde und Bekannten entkommen und den Aufforderungen zu Disziplin. Ich wollte nicht mehr zuhause sitzen am Bildschirm hinter versperrten Türen über menschenleeren Straßen, wenn draußen alles glitzerte im wärmsten und schönsten Frühling, an den ich mich erinnern konnte. Ich hatte die Berge vor der Haustür, die Passstraßen waren gesperrt, aber der Schnee darauf war weg, man konnte es auf den Bildern der Webcams sehen. Ich war noch nie tausend Höhenmeter hinauf über einen Pass mit dem Fahrrad gefahren, konnte ich das überhaupt?

1.

Ich konnte. Der erste Pass ging erstaunlich gut, auf 1540 Meter hinauf, oben war die Straße abgesperrt; ich hob das Fahrrad über die Schranke und rollte auf der anderen Seite zwischen glitzernden Schneefeldern in der Sonne tausend Höhenmeter hinunter, allein und ohne Verkehr, es war fantastisch schön. Mein nächster – eine Woche später, das Wetter war immer noch großartig, und ich durfte weiterhin nicht ins Büro – war 1611 Meter hoch und hatte stellenweise 12 Prozent Steigung; das war bitter, aber egal, als ich erst einmal oben war. Und dann war ich angefixt und wollte mehr.

Eine neue Droge ist für Männer im schwierigen Alter ab Ende fünfzig unwiderstehlich, und Alpenpässe mit dem Rennrad fahren ist eine. Während die Einschränkungen langsam aufgehoben wurden und der Verkehr auf den Pässen wieder zunahm, strampelte ich in den folgenden Monaten immer höher hinauf, auf 2000, 2400, 2600 Meter. Ich bekam Routine, aber mein Erstaunen, dass ich das überhaupt konnte, blieb. Nach einem solchen Tag in den Haarnadelkurven ziepten und puckerten meine Oberschenkel und die Unterarme (vom Bremsen bei der Abfahrt), aber ich hatte strahlend gute Laune.

Ich lernte die eigenartige Fauna an Besuchern kennen, die sich auf den Parkplätzen dort oben versammeln und die man sogar im Nebel – den gab es auch – gleich erkannte, an ihren Silhouetten. Dickgepolsterte Motorradfahrer: je schwerer die Maschine, desto runder ihr Fahrer. Grazile Rennradlerinnen und Radler, die Schmalrehe der Hochalpen, am liebsten in Schwarz oder Hellgrau unterwegs. Die E-Bike-Begeisterten dagegen tragen gerne farbenfrohe Daunenjacken und strampeln in Kleingruppen. In den Cabrios sitzt immer ein älterer Mann am Steuer, er trägt entweder einen hellen Strohhut oder eine Baseballkappe und die Dame neben ihm ein Kopftuch: Herrenreiter in Begleitung und im Retro-Look. Und alle machen Fotos von sich, wenn sie erst einmal dort oben angekommen sind. Über diese Wettbewerbe im Posieren vor Hochgebirgspanorama – oder im Nebel – hat der Südtiroler Fotograf Walter Niedermayr einen schönen Fotoband gemacht. Sein Titel sagt eigentlich alles: Treffpunkt Niemandsland.

Die Alpen, kurz, sind eine autokinetische Vergnügenslandschaft, ein Film im Kopf, mit viel Publikum. Und echter Action: Auch wenn manche Motorradfahrer einen eher eng überholten, am gefährlichsten fühlten sich die kleinen Gruppen von Sportwagen der gehobenen Preisklasse an, die sich in Privatrennen halsbrecherische Überholmanöver in den engen Kurven lieferten, wenn die Straßen voll waren. Und sie waren immer voll, wenn zu Beginn des Sommers die Pässe geöffnet wurden. Hier ging es um den Konsum der Vertikale zum Vergnügen: Die Alpenpässe waren ein einziges großes Schnaufen und Röhren; ein Beschleunigungsfestival. Was suchte ich dort oben eigentlich – und die anderen auch?

2.

Der pensionierte Zahnarzt, begeisterter Motorradfahrer: »Es ist ein körperlicher Genuss, das Schwerkraft-Fliehkraft-Karussell.« Deswegen habe er auch seinen Oldtimer-Jaguar verkauft. »Der fährt von allein, auf dem Töff aber muss ich immer wach sein, es kommt auf mich an, nur auf mich.« Jeder Pass sei anders, Spitzkehren seien die Herausforderung, das Stilfser Joch zum Beispiel sei sehr gefährlich und anforderungsreich: »In jeder Kurve siehst du da einen liegen.« In einer engen Kurve dürfe man nicht zögern, stocken oder sich verschalten, nie aufgeben, man müsse die Maschine durchziehen, das Momentum dürfe nie verloren gehen, »sonst kippst du um.« Ein Pass mit dem Motorrad, sagte er, »das ist Erklimmen von Höhen mit Beherrschung der Kurventechnik. Und das genießt man, das eigene Können, den Rhythmus, das Schwingen in die Kurve hinein und wieder heraus, da geht es um Balance und Takt, es ist ein Tanz, und dazu noch das Überwinden der Schwerkraft, das ist« – und er begann zu strahlen – »wahnsinnig schön.«

Und die anderen? Normale Autofahrer seien nur zum Überholen da, sagte er, uninteressant, zu langsam. »Weil wir geschwindigkeitsorientiert sind. Am schlimmsten sind die Cabriofahrer, in jeder Kurve zu langsam, komplett falsch unterwegs und wissen gar nicht, wie sie aus einer engen Stelle wieder herauskommen.« Und die Töffs? »Wenn du ein aggressiver Fahrer bist, dann kannst du den vor dir überholen, das geht nur in den Linkskurven, das ist so eine Art Jagdinstinkt, ich«, er lacht, »habe den recht deutlich. Und wenn mich dann ein anderer überholt, ärgere ich mich immer ein bisschen, wieso ist der schneller als ich, habe ich den nicht gesehen?«

Rennradfahrer? Mein Zahnarzt verzog das Gesicht. »Ganz gefährliche Gruppe, bergab sind die fast so schnell wie wir. Das wissen sie auch und hängen dir am Hinterrad und machen keinen Zentimeter Platz und bremsen dann immer im letzten Moment vor der Kurve. Die fühlen sich als Helden, die haben vom Aufstieg den ganzen Frust und die Säure in den Muskeln und müssen das dann bei der Abfahrt kompensieren, manche machen extrem waghalsige Manöver. Die tragen keine Schutzkleidung und nehmen unglaubliche Risiken auf sich mit ihren schmalen Reifen, den paar Millimetern Gummi, all das nur um sich zu beweisen, dass sie die Helden sind.«

Hatte ich so genau wissen wollen, dass ich ein Frustrierter auf dünnem Gummi war? Die verschiedenen Liebhaber der Berge mögen sich gegenseitig nicht besonders, und das ahnt man auch beim stummen langen Hinaufstrampeln ins Vergnügen. Oben angekommen reden die Angehörigen der verschiedenen Stämme auch nur mit ihresgleichen auf dem Parkplatz, die Motorräder, die Cabrios und die Fahrradhelden und -heldinnen ebenso. Alles einsame Einzelkämpfer am Ziel; nur eben in ziemlich großer Anzahl. An einem Sommersonntagnachmittag bei gutem Wetter wird es schnell ziemlich voll im Niemandsland.

3.

Die Alpen, hat der Ethnologe Bernhard Tschofen in einem Aufsatz über die sinnliche Wahrnehmung der Berge geschrieben, sind eigentlich gar kein Ort. Sondern ein Gefühl, und zwar ein technisch induziertes. Erfunden wurde es in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts als beschleunigtes Hinuntergleiten in Schwüngen und Kurven, als Genießen der Schwerkraft am losgelassenen eigenen Körper, zuerst auf Skiern. Diese neuen physischen Sinnesempfindungen – wörtlich: »sensation« – wurden zur Sensation unter den Angehörigen der Oberschichten, die den Sport für sich und ihre Selbstdarstellung entdeckten.

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