Valentin Groebner im Merkur

15 Artikel von Valentin Groebner

Der tätowierte Mensch

Die Hitzesommer der letzten zweieinhalb Jahrzehnte haben unübersehbar gemacht, dass die europäischen Durchschnittskörper sich in Zeichenträger verwandelt haben, in einen bunten halböffentlichen Skizzenblock aus menschlicher Haut. Im Sommer krabbeln all die Rosen, Augen, Reptilien und Flügel wieder heraus aus den Ausschnitten und Ärmeln, in denen sie den langen Kunstlichtwinter verbracht haben. Sie sind Post von den Besitzerinnen und Besitzer dieser Körper, sie haben etwas zu sagen. Ich bin eine ganz besonders

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Die Seuche, der Staat und die lieben Nachbarn

Florenz 1631 Die Bestimmungen klingen vertraut. Die Grenzen werden geschlossen: Wer sie passieren will, muss eine offizielle Bescheinigung vorweisen, dass er oder sie frei ist von der tödlichen ansteckenden Krankheit. Alle Ausländer müssen gehen, sofort. Alle Versammlungen werden verboten, alle Ballspiele; alle Frisöre, Gastwirtschaften und Schulen werden geschlossen, nur Verkaufsstände für Lebensmittel bleiben geöffnet. Die Wohlhabenden fahren in ihre Sommerhäuser. Alle anderen müssen in ihren Wohnungen

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Angstlust

Eine Ansteckung aus der Vergangenheit 28. Dezember 2020, Zürich. Vor dem Supermarkt auf der Limmatbrücke steht ein dünner Mann mit Trainingshosen und weit aufgerissenen Augen und fängt plötzlich an zu schreien, auf Italienisch: »Vi sarete tutti morti«, immer wieder. Die Passanten weichen ihm höflich aus (er trägt keine Maske) und gehen weiter. Der schreiende Mann hat ja Recht, wir werden alle sterben. Aber weil das vermutlich nicht gleich jetzt geschieht, trotz der neuen ansteckenden Krankheit, bringen

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Selbstviktimisierung

Sommer 1992. Ich war gerade in die Schweiz gezogen, und mein ehemaliger Mitbewohner aus der Studienzeit war mich besuchen gekommen für eine Bergtour ins Tessin. Weil es unter der Woche war, hatten wir abends die Selbstversorgerhütte für uns alleine, auf 2000 Metern Höhe mit unglaublichem Blick über das Verzascatal. Es gab einen Herd mit Feuerholz und mehrere Flaschen mit lokalem Wein, für den man, wie fürs Übernachten, Geld in eine Kasse warf, auf Vertrauensbasis. Nach zwei Tellern Spaghetti und der

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Spätmoderne Nostalgie

Wir leben in einer »Zeit der Verluste«. So hat der deutsche Publizist Daniel Schreiber sein neues Buch genannt, erschienen im November 2023, und damit meint er die Gegenwart. Das ist ein offensichtlich weitverbreitetes Gefühl – wenn auch nicht immer in so stimmungsvoller Kulisse entstanden wie bei ihm. Denn er habe sein Buch in Venedig geschrieben, berichtet er seinen Lesern gleich zu Beginn. Aber Verluste sind überall. Der zukunftsfrohe Optimismus von früher sei definitiv vorbei, konstatieren Carolin

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Geister am Palmenstrand

Ich war schon einige Male auf der Insel gewesen, bevor mir aufging, dass sie voller Gespenster war. Die Insel gilt als einer der schönsten Orte der Welt, und das seit ziemlich langer Zeit. Die Weltkarten des Mittelalters verzeichneten dort das Paradies. Auf ihrem höchsten Berg, berichtete der Missionar Johannes von Marignola im 14. Jahrhundert an Kaiser Karl IV., habe Adams Haus gestanden. Man könne seinen Fußabdruck dort besichtigen, und die Bäume mit den köstlichen Früchten, die überall auf der

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