Heft 923, April 2026

»Es gibt« Wahrheit

Raphaela Edelbauer und Karl Heinz Haag von Christian Wiebe

Raphaela Edelbauer und Karl Heinz Haag

Bei einer Schachweltmeisterschaft zum Beispiel versuchen die Beobachter und Kritiker im Nachgang zu einem Spiel – mit der Unterstützung von Schachprogrammen schon im unmittelbaren Anschluss an einen Zug – zu klären, wo ein Fehler vorlag, wo also ein anderer Zug besser gewesen wäre und wo eine Niederlage ihren Ausgang nahm. Im Schachspiel kann der Großmeister, der sein Spiel verloren hat, nicht zurück zu genau solch einer kritischen Stelle springen und verlangen, von dort weiterzuspielen. Es wäre ein neues Spiel.

Das Leben und die gesamte Historie haben bekanntlich auch diese unangenehme Eigenschaft, dass man nicht zurückspringen kann. Aber hilfreich bleibt es, diese kritischen Punkte zu erkennen. Fehleranalyse ist nützlich. Nicht bloß, um seinen Fehler zu verstehen oder einen Fehler nicht wiederholen zu müssen, sondern vielleicht ließe sich doch ein neues Spiel beginnen, das dort ansetzt, wo der entscheidende Fehler passierte – und diesmal zöge man richtig.

Es ist irritierend, wie ähnlich der Blick von Karl Heinz Haag und den Protagonisten in Raphaela Edelbauers jüngstem Roman auf die Geschichte der Philosophie ist. Und zwar in dem angedeuteten Sinn. In der Gesellschaft laufe manches schief, so die Diagnose, weil die Menschen nicht richtig denken. Abhilfe soll eine Kritik schaffen, die entscheidende Punkte in der Philosophiegeschichte erkennt und zeigt, wer dort falsch gezogen hat und in welche aussichtlose Lage das Spiel deshalb gekommen ist. Als befänden wir uns so ungefähr in der elften Partie von Jan Nepomnjaschtschi gegen Magnus Carlsen bei der Weltmeisterschaft. Das falsche Denken soll dringlichst korrigiert werden.

So zugespitzt, sieht das Vorhaben sehr vermessen aus, aber zunächst ließe sich der Ernst dieser Überlegungen festhalten: Es geht in Edelbauers Roman und Haags Schriften um viel, denn die Grundlagen des Denkens müssten stimmen, wenn die Gesellschaft richtige Schlüsse ziehen und kluge Entscheidungen treffen will.

In Edelbauers Die echtere Wirklichkeit sind Stück für Stück die Ausschnitte eines Manifests eingelegt, das die Protagonisten des Romans verfassen. Der Roman beginnt fast unvermittelt mit diesen Überlegungen der Gruppe: »1. Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut. Diese Wahrheit ist weder eine soziale Konstruktion noch subjektiv oder bloß eine unter vielen Perspektiven auf die Dinge.«

Wir sind sofort mittendrin, aber nicht im Kampf um die eine richtige Wahrheit, sondern um die Frage, ob es Wahrheit und damit Verbindlichkeit überhaupt gibt. Der dogmatische Einstieg ist schwindelerregend: »Es gibt« Wahrheit. Aber wer gibt sie uns denn? Leichter fällt es den Verfassern des Manifests zu sagen, wer uns die absolute Wahrheit genommen habe: »Wir wissen, dass der Aufstieg des Populismus und seiner alternativen Fakten, dass Verschwörungstheorien oder das Sabotieren der Wissenschaft dem unbeabsichtigten Wirken des Krebses Postmoderne zuzuschreiben ist.«

Die Philosophie der Postmoderne hat das falsche Denken also eingeleitet. Jacques Derrida könnte genannt werden oder Deleuze und Guattari, und sie werden auch genannt. Die französischen Philosophen »pervertierten Kants Idee und suggerierten zum ersten Male, dass Lebewesen überhaupt nichts Objektives erkennen können, sondern in einem rein subjektiven Echoraum beheimatet seien«. Kritik dieser Art an konstruktivistischen und poststrukturalistischen Theorien ist nicht neu, und der Roman weiß das, aber die Konsequenzen, die die Protagonisten ziehen, erzeugen einen gewaltigen Sog.

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