Ökonomiekolumne
Vom Markt zum Privileg? Über den neuen Feudalismus von Oliver SchlaudtVom Markt zum Privileg? Über den neuen Feudalismus
»Bleib nicht auf ebnem Feld! || Steig nicht zu hoch hinaus! || Am schönsten sieht die Welt || Von halber Höhe aus.« So spottete Friedrich Nietzsche unter dem ironischen Titel »Weltklugheit« in der Vorrede seiner Fröhlichen Wissenschaft. Als Wanderer in den Alpen wusste er, dass kein einzelner Punkt die allumfassende Aussicht bietet, sondern es auf den Wechsel der Perspektiven ankommt. Nachdem die erste Ökonomiekolumne so tief wie möglich hinabstieg, soll es nun hoch hinaus gehen, um die Welt von oben zu betrachten: Wir betreten die karge Region der »Ismen«.
Diese Wahl ist kein Zufall. Geopolitische Verschiebungen, Erosion der internationalen Institutionen, explodierende soziale Ungleichheit, Künstliche Intelligenz und die neue Macht der »Tech-Bros« aus dem Silicon Valley, ein Dealmaker im Weißen Haus, von dem wir nicht wissen, ob er sich nur unberechenbar gibt oder es auch ist, und überhaupt der Aufstieg des Rechtspopulismus – was braut sich hier zusammen? Haben wir für eine solche Welt, in der sich politische und ökonomische Ordnungen verschieben, einen Namen? Leben wir noch in einer Post-Demokratie oder zeigen sich schon Tendenzen einer Faschisierung? Taugt die Rede vom Neoliberalismus noch? Leben wir im Westen überhaupt noch in einem Kapitalismus, der seine Ungleichheiten durch Leistung, freien Wettbewerb und Aufstiegschancen rechtfertigen kann? Und worin, wenn nicht?
I
»Neofeudalismus«, wird in letzter Zeit immer öfter als Antwort angeboten. Der Begriff bündelt drei Befunde: eine Verhärtung sozialer Ungleichheit, die an ständische Schranken erinnert; die wachsende Macht privater Akteure über Öffentlichkeit, Märkte und politische Entscheidungen; schließlich die Erosion allgemeinverbindlicher Regeln zugunsten von Deals, Selbstregulierung und privater Schiedsgerichtsbarkeit. Ist das einfach die hässliche Seite des Kapitalismus – oder eine neue Formation, die mit einigen Voraussetzungen der liberalen Moderne nicht mehr vereinbar ist und somit einen neuen Namen verdient?
Schon 1962 machte Jürgen Habermas Anzeichen einer »Refeudalisierung« der Öffentlichkeit aus, die zusehends durch die »publizistische Darstellungen privilegierter Privatinteressen« untergraben werde. Die genuin moderne Errungenschaft einer Öffentlichkeit schrumpfe wieder auf die feudale Form einer öffentlichen Repräsentation von Status und Herrschaft zusammen. An Fahrt aufgenommen hat diese Diagnose in den letzten Jahren. David Graeber erinnern in seinem Buch Bullshit Jobs die komplizierten Hierarchien eines nutzlosen und inkompetenten Managements in großen Konzernen an höfische Strukturen. Jodi Dean beschreibt das neue Subproletariat von prekären Dienstleistern, die auf Plattformen zahlen müssen, um sich ausbeuten zu lassen, als neofeudal. Der Ökonom Michael Hudson verweist unter demselben Titel auf die Übermacht des »FIRE«-Sektors – Finanzen, Versicherungen, Immobilien – im finanzialisierten Kapitalismus. Yanis Varoufakis und Cédric Durand schließlich beschreiben beide die Landschaft der Onlineplattformen als eine von feudalen Lehensgütern.
Dem Begriff des »Neofeudalismus« eignet auf jeden Fall eine moralische Wucht, mit der keine Kapitalismuskritik mithalten kann. Denken wir nur an den alten, reichen und brutalen Ritter, der dem armen Allin-a-Dale die zarte, wie Gold schimmernde Braut entreißt – eine Metapher für die feudale Gewalt, die direkt über Leib und Leben der Untertanen verfügt. Da hat Robin Hood leichtes Spiel: »This is no fit match« – diese fünf Worte genügen, um den Skandal erschöpfend zu beschreiben, und die vierundzwanzig Bogenmänner, die ihm Deckung geben, sorgen dafür, dass an diesem Tage die richtigen Brautleute vor Gott vermählt werden. In welchem Kontrast steht dazu Brechts Johanna Dark, die mit ihrem moralischen Kompass in den industriellen Schlachthöfen Chicagos unweigerlich scheitert. Und obwohl Brecht die Kapitalisten wirklich nicht in ein günstiges Licht setzt, lässt er doch das Publikum verstehen, dass auch sie nicht einfach die Nachfolger des brutalen Ritters sind. Das Stück zeigt sie zugleich als Getriebene, deren Strategien nur punktuell und gleichsam zufällig aufgehen und deren Geschick letztendlich an den Fäden einer Realität hängt, die größer ist als sie: der Kapitalismus.
Die moralische Wucht ist aber zugleich eine drohende analytische Schwäche der Rede vom Neofeudalismus. Auf einen zweiten Blick ist die Diagnose nämlich nicht mehr so plausibel. In der feudalen Grundherrschaft haben wir es grob gesprochen mit technisch einfachen Agrargesellschaften zu tun, in denen bäuerliche Haushalte weitgehend subsistenzorientiert wirtschaften, aber einem Grundherrn Abgaben leisten müssen. Für die bäuerliche Bevölkerung gibt es kaum ein Entkommen aus diesem Zwangsverhältnis, aber sie steht im Schutz ihres Herrn, was in einer Zeit der ständigen militärischen Rivalität um Territorien eine relevante Größe ist. Die Grundherren leben von den angeeigneten Produkten, die sie, wo sie es sich leisten können, ostentativ verprassen.
Im industriellen Kapitalismus haben alle fünf Parameter, die diese Konstellation strukturieren, den gegenteiligen Wert angenommen: Die Produktion ist technisch entwickelt, sie findet nicht mehr subsistenzorientiert, sondern hochgradig arbeitsteilig und marktorientiert statt, die arbeitende Bevölkerung besteht nicht mehr aus Unfreien, sondern aus Lohnabhängigen, die zum Kapitalisten in einem unpersönlichen Vertragsverhältnis stehen, die Profite erzwingt der Kapitalist nicht durch außerökonomischen Zwang, sondern »erwirtschaftet« sie, und zu guter Letzt muss er zur Wahrung des Markterfolgs unter Konkurrenzdruck einen relevanten Anteil seiner Gewinne in die Weiterentwicklung der Produkte investieren.
Natürlich fehlt es diesem Bild an historischem Realismus – es schlägt nur ein paar Pflöcke zur groben Orientierung ein, und später wird sich zeigen, was es verdeckt. Aber diese ersten Orientierungspunkte reichen, um einen Zweifel zu begründen: Was an unserer Gegenwart könnte man als »feudal« bezeichnen, wenn wir diesen Begriff nicht bloß als vage Metapher verwenden wollen? Triumphiert hier eine billige Pointe über analytische Präzision, wie Evgeny Morozov wähnt?