Ökonomiekolumne
Bure oder die Philosophie der Verzweiflung von Oliver SchlaudtBure oder die Philosophie der Verzweiflung
»Die Leiche schrie wie verrückt, zappelte an Hand und Fuß wie ein Lebender, und als man hineinstach, flossen große Mengen dunkelroten Bluts heraus.«
Dom Calmet, Abhandlung über die Vampire [1751]
Das Bewusstsein, heißt es bei Marx und Engels, »kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen«, so setzten sie fort, »ist ihr wirklicher Lebensprozeß«, sprich: die Wirtschaft, wofern die Menschen diesem ihrem Lebensprozess eine kulturell geprägte und in Institutionen gefügte Form gegeben haben. Umso ironischer, aber auch fataler, dass ausgerechnet die Wissenschaft der Wirtschaft, die den ersten Platz dabei einnehmen müsste, uns über die wirklichen Grundlagen unseres Lebens – und damit auch unseres Denkens – aufzuklären, von einer vollständigen Wirklichkeitsblindheit geschlagen ist.
In den mathematischen Gleichgewichtsmodellen der Ökonomie zählt allein der Markt, der alle Probleme regelt, indem er die Geld- und Warenströme reguliert. Alles übrige taucht allenfalls als Störfaktor auf: die Umwelt mit ihrem Überfluss an kostenlosen Rohstoffen, aber auch dem Unbill ihrer Zerstörungsexzesse; die Menschen in der ganzen Fülle ihrer Existenz, ihres Glücks, ihrer Not und ihrer Zweifel; das Geld, wo es nicht bloß Werte misst, sondern Entscheidungen lenkt, über Wohl und Wehe richtet; Fabriken, in denen echte Materie unter Lärm, Hitze und Qualm in Form gebracht wird; Staaten, die Brücken und Eisenbahnen bauen, Kinder in die Schulen schicken und Kriege führen.
Da gibt es nur eines: weg von der ökonomischen Theorie und die wirkliche Wirtschaft suchen – am besten da, wo sie in ihrer höchsten Konzentration und dramatischsten Realität greifbar wird. Dorthin zu gelangen, ist, wie sich herausstellt, ein Weg voller Hindernisse. Das erste begegnet mir schon einige Kilometer vor dem Ziel, und es ist just der Staat, der große Gegenspieler freier Marktkräfte, auf den ich als Erstes treffe, als er in Gestalt einer freundlichen Polizistin an mein Wagenfenster tritt:
»Guten Tag, mein Herr! Wohin fahren Sie, bitte?«
»Guten Tag! Ich fahre nach Bure.«
»Nach Bure? Wie bitte? Hat das etwas – mit der Demonstration zu tun?«
»Ja, nein, also … wissen Sie, ich bin Wissenschaftler und Journalist.«
»Aha, verstehe. Dann Ihre Papiere bitte!«
Ihr Kollege gibt meine Personalien in ein elektronisches Gerät ein. Ob sie gespeichert werden? Ja, sicher. Wie lange? Wisse er nicht. »Anordnung des Präfekten.« Er blickt genauer ins Wageninnere. »Haben sie brennbares Material im Kofferraum?« »Nicht, dass ich wüsste.« Er gibt mir den Ausweis zurück und mustert mich kurz: »Ist Ihnen nicht zu warm in dem Hemd? Naja, ist vielleicht ihr Beruf. Auf Wiedersehen dann!«