Heft 920, Januar 2026

Hoffnung, bei Fuß!

Philosophischer Parcours für finstere Zeiten von Christoph Paret

Es war schon Herbst, als wir den Langbathsee entlangspazierten, und fast zu kühl, um noch zu baden. Seltsam, an einem Schild, auf dem »Ende« stand, konnte man einfach vorübergehen. Ende wovon? In der Nähe dieses Schilds umschwänzelte uns auf einmal ein schwarzer Hund, wir wussten anfangs nicht, ob er furchteinflößend oder sympathisch war. »Hope!«, rief ihn die Besitzerin zurück, aber keine Chance. Längst hatten die Kinder angefangen, Stöckchen in den See zu werfen. Hope ließ sich nicht lange aufhalten und stürzte sich in die Fluten. Doch so leicht sie zu animieren gewesen sein mochte, immer wenn sie zurückkam, wusste sie nicht so recht, was tun. Verlegen stand sie dann vor uns, außerstande uns, die wir nicht ihr Frauchen waren, das Stöckchen zurückzugeben. »Hope, wo bist Du schon wieder?«, schimpfte diese. Immer wieder warfen die Kinder Stöckchen, immer mehr Stöckchen balancierte Hope mühsam im Maul, niemals wanderte eines davon zurück in die Hände der Kinder. »Hope, bei Fuß!«, mahnte vergeblich die Besitzerin. »Hope, gib uns doch mal ein Stöckchen!«, dachten vergeblich die Kinder. Jakub, der neben mir stand, sagte: »Die Hoffnung ist ein Hund.«

Hoffen auf die Hoffnungslosigkeit

»Die Hoffnung ist ein Hund«, hatte auch jene Therapeutin gesagt, als es um die Frage ging, wieso ich übermenschlich lange in einer Situation ausgeharrt hatte, die reizlos war und in der keine Aussicht auf Veränderung bestand. »Sie schleicht sich durch die kleinsten Ritzen, lässt nicht von einem ab.« Wenn es nur das wäre, dass man sich an die ein oder andere vergebliche Hoffnung klammert, aber es ist wohl eher die Hoffnung selbst, die sich an einen klammert, und zumindest darin ist sie höchst erfolgreich.

Deshalb ist fast jede Klage über eine »hoffnungslose« Lage verfrüht, deshalb geht jede Frage nach der Berechtigung der Hoffnung (das kantische »Was dürfen wir hoffen?«) am Punkt vorbei. Es reicht nicht, die Hoffnung zu kritisieren. Sie zu verlieren, erweist sich als die eigentliche Schwierigkeit. Die treue Hope aussetzen? Versucht’s! Es ist eine alte Geschichte. Man kann so einiges freilassen und loslassen auf die Wirklichkeit, das Übel, die Mühen, die Krankheit und den Tod, aber die Hoffnung wird als nicht wegzukratzender Rest im Fass der Pandora zurückbleiben.

Und so bleibt einem unter Umständen nur eine eigenartige Hoffnung, es ist die Hoffnung auf die Hoffnungslosigkeit selbst. Man nehme Alenka Zupančič’ bemerkenswertes Plädoyer zur Reaktivierung des Kommunismus: »Wenn tatsächlich sowieso alles zum Teufel geht (wie wir angeblich ›sehr gut wissen‹), warum dann nicht die Kräfte bündeln und den Kampf für den wahren Kommunismus aufnehmen, eine Form der Welt als Gemeingut schaffen? Was können wir schon verlieren, wenn sowieso alles zum Teufel geht? Oder glauben wir einfach nicht wirklich, dass alles zum Teufel geht, und reden nur gerne so? In diesem Fall würde die Frage lauten: Was könnte uns wirklich erzittern lassen?«

In der Tat, das Wissen um angeblich unhaltbare Zustände berührt uns wenig. Das übliche Gegenargument gegen den Kommunismus (schöne Idee, schreckliche Konsequenzen) sollte aber tatsächlich immer weniger überzeugen, je mehr sich der Eindruck verfestigt, man würde diese schrecklichen Konsequenzen auch ohne vorgängige schöne Idee erleiden müssen und gänzlich ideologielos in der Misere stecken. Dann bietet sich der Gedanke an, inmitten all dieser schrecklichen Konsequenzen zuletzt noch einmal die schöne Idee leuchten zu lassen, aber es ist die Hoffnung – sie stirbt bekanntlich zuletzt –, die uns von derlei Rückhaltlosigkeiten abhält. Was könnte uns erzittern lassen?

Kierkegaard: Wiedergänger sein

»Die Hoffnung ist ein neues Kleid, steif und stramm und glänzend, man hat es jedoch niemals angehabt, und weiß darum nicht, wie es einen kleiden wird oder wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleid, welches, so schön es ist, nicht mehr passt, da man aus ihm herausgewachsen ist.«

Dagegen bringt Kierkegaard die Wiederholung in Stellung: »Wer aber nicht begreift, daß das Leben eine Wiederholung ist, und daß dies des Lebens Schönheit ist, der hat sich selbst gerichtet und verdient nichts Besseres, als daß er umkommt, was ihm denn auch widerfahren wird; denn die Hoffnung ist eine lockende Frucht, die nicht satt macht, die Erinnerung ist ein kümmerlicher Zehrpfennig, der nicht satt macht; die Wiederholung aber ist das tägliche Brot, welches satt macht und dabei segnet.«

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