Heft 927, August 2026

Im Eleganzpanzer

von Valentin Groebner

Manche Sätze haben Widerhaken. Sie setzen sich fest im eigenen Kopf, ohne dass man weiß, warum, und obwohl – oder weil – man sie gar nicht brauchen kann, oder einordnen. Mein Satz ist ein Zitat, eigentlich eine Anekdote, aufgelesen in einem Artikel über die Kulturszene der Europäer in Los Angeles am Ende der 1930er Jahre, als sich die halbe Welt dort traf, freiwillig oder unfreiwillig, unter anderen der britische Schriftsteller Aldous Huxley. Er blieb für den Rest seines Lebens und häufte in seinem Haus in den Hollywood Hills einen einzigartigen Schatz aus Papier an: eine kostbare Bibliothek von 4000 Bänden, seine Manuskripte, Tagebücher und den Nachlass seiner fünf Jahre zuvor verstorbenen ersten Frau und die vielen Briefe, die berühmte Dichterinnen und Autoren wie Virginia Woolf, H. G. Wells, D. H. Lawrence und Paul Valéry dem berühmten Aldous Huxley geschrieben hatten – was man halt so hat als fleißiger und erfolgreicher Schreiber mit Mitte 60.

Dann kam der 12. Mai 1961, und das Haus brannte ab, mit allem, was darin war. Huxleys zweite Frau konnte ihre Geige noch herausholen (eine 200 Jahre alte Guarneri, wie alle Berichte hervorheben, Geistesadel verpflichtet), er ein fast fertiges Buchmanuskript. Der Rest war Asche, weg. Und jetzt kommt das Zitat, Huxleys Antwort an eine Freundin auf die Frage, was er danach empfunden habe.

»It does make one feel extraordinarily clean«, sagte er.

Bekannt ist Aldous Huxley heute für seinen dystopischen Science-Fiction-Roman Schöne neue Welt von 1932, vielleicht noch für seinen Bericht über den Selbstversuch mit der psychedelischen Droge Mescalin, Die Pforten der Wahrnehmung, erschienen 1954. Geschrieben hat er noch viel mehr, sein ganzes Leben lang, den ersten Roman mit 22, dem dann noch viele andere folgten, dazu Kunstkritiken, Reiseberichte, Gedichte, Essays und philosophische Abhandlungen. Seine düstere Zukunftsversion Brave New World verfasste er im schicken Badeort Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur. Er war das Kind einer bekannten Gelehrtendynastie, sein Bruder Julian war erfolgreicher Biologe und Schriftsteller, sein Halbbruder Andrew bekam den Nobelpreis; Huxley selbst ist sieben Mal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden. Wovon war er gereinigt nach dem Verlust all seiner Texte, Bücher und Erinnerungen an dieses erfolgreiche glitzernde Leben?

1.

Eine solche private Schatzkammer aus Papier hütet fast jeder. Was ich erlebe, kommt mir erst wirklich vor, nachdem ich es aufgeschrieben habe. Vorher ist es irgendwie nicht echt, vorzeigbar oder vermittelbar. Aufschreiben stellt das unaufhörliche Ablaufen der Zeit – und das eigene schlampige Gedächtnis – zumindest für ausgewählte Momente still. Aufschreiben ist eine Stopptaste. Man kann den Einfall und den flüchtigen Eindruck fixieren, für später und, zumindest als Versprechen – dann noch einmal ablaufen lassen, auseinandernehmen und neu zusammensetzen und weiterverwenden.

Deswegen ist sie so wichtig, die Notiz, von der man nicht genau weiß, wo sie hingehört. Der Impuls, etwas aufzuschreiben, sei ziemlich zwanghaft, bemerkt die Schriftstellerin Joan Didion streng in ihrem Essay On Keeping a Notebook. Leute, die ihm nachgäben, seien speziell – oder soll man eigenartig sagen? »Sie sind einsam und widerborstig und müssen die Dinge ständig neu sortieren, sie sind ängstlich und unzufrieden, Kinder, die anscheinend schon bei ihrer Geburt eine Vorahnung von Verlust befallen hat.«

Mit 15, 16 hatte ich die fixe Idee, ich könne mit dem neuen Notizbuch, das ich anfange, selber anders werden, neu und gescheiter und eleganter, einfach, indem ich ab sofort nur noch Neues, Gescheites und Elegantes über mich selbst aufschreibe. Und dann die Enttäuschung, wenn das Aufgeschriebene nach ein paar Einträgen wieder so alltäglich und banal wurde, mein Leben wollte einfach nicht aufregend und neu werden, so viel ich auch aufschrieb. Ich schnitt dann frustriert die Seiten heraus und startete einen neuen Versuch; oder – das fühlte sich wirksamer an – fing gleich ein neues Heft an. Schreibwarenläden sind für mich bis heute eine Art utopisch aufgeladener Orte.

Wie man dieses Rohmaterial nennt, ist unterschiedlich. Trotz 150 Jahren Elektrifizierung und einem halben Jahrhundert Siegeszug der elektronischen Medien bezeichnen wir diese abstrakten Produkte der Verschaltung winziger Bio-Schaltkreise in unseren Gehirnen weiterhin als Kram, Zeug, als ob es Gegenstände wären, die man anfassen kann, akkumulieren und zu etwas Neuem, Größerem zusammensetzen. Und das heißt dann Text, von dem lateinischen Wort für Gewebe.

Schreiben ist das Versprechen auf Kontrolle und Reparatur. Wie die alten Kassettenrekorder verspricht Schreiben eine Taste fürs Zurückspulen; und dann: Wieder ablaufen lassen. Aber in verbesserter Version. Aus zuvor stumm und unsichtbar gebliebenen Empfindungen und Erfahrungen sollen für das lesende Publikum plausible Beschreibungen werden. Damit kann man nie ans Ende kommen. Schreiben bleibt deswegen Fragment und Versuch: beides selbst verliehene Ehrentitel und gleichzeitig Erlaubnis zum Weitertippen. Oder Zwang.

Dazu kommt die kollegiale Kohäsion. Ich schreibe nicht für unbekannte, sondern für nahe Leserinnen und Leser, Freundinnen und Bekannte. Das gilt für alle. Polizisten können sich am besten mit anderen Polizisten verständigen, Strizzis mit Strizzis, Journalisten schreiben weniger für ihr Publikum als füreinander, und die Wunderwelt der Literatur handelt am innigsten und ausführlichsten von sich selbst – auch dazu hat Aldous Huxley viel geschrieben. Sind deshalb seine Romane aus den 1920er, 30er, 40er Jahren voller Figuren, die seinen Freunden und Bekannten in der Wirklichkeit auffallend ähneln?

»Die Wärme der Selbstbetrachtung« hat Peter Handke das 1978 genannt, in seinem Tagebuch – wo denn auch sonst.

2.

In meinem Kopf festgesetzt hat sich Huxleys Zitat aus persönlichen Gründen. Ich bin Spezialist für die Art von Vergangenheit, die auf Papier überliefert ist, vor der Erfindung von Radio und Fernsehen; ich habe die letzten 35 Jahre hauptsächlich damit verbracht, Texte zu produzieren. Meine Lieblingspapiere umgeben mich in Regalen, Schränken und Schachteln, ein Speicher, der immer dicker und schwerer wird, weil dauernd neue Texte und Bücher dazukommen und ich alle Texte aufbewahre, von denen ich denke, dass ich sie noch einmal brauchen könnte, grob nach Themen geordnet.

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