Heft 873, Februar 2022

Körperbilder

Zur Photogrammetrie von Günter Hack

Zur Photogrammetrie

Als ich ein kleiner Junge war, wollte ich ein Gespenst werden. Es war ein Herbsttag, ich musste Holz für den Ofen aufschichten, eine besonders öde Aufgabe. Da dachte ich mir: Jetzt gehe ich immer denselben Weg. Und weil ich immer denselben Weg gehe, bleibt etwas von mir hier zurück, und weil ich immer hier bleibe, werde ich ein Gespenst und auch in hundert Jahren noch sichtbar sein, zumindest so ein bisschen. Wenn ich also oft genug hin und her lief, so dachte ich, dann würde ich irgendwann umgehen müssen. Einen unsterblichen Schatten werfen und an diesen Ort und in diese Spur zurückgerufen werden.

Ich wollte mich in Raum und Zeit einschreiben. Das ist mir auch gelungen, zumindest was mein eigenes Gedächtnis betrifft. Ich kann mich an den Moment immer noch sehr gut erinnern, an den Holzstoß, an die Nebelkälte, an die Regentropfen auf den Lodenjackenärmeln. Kein guter Tag, um ein Gespenst zu werden, aber in der Wiederholung meiner Gesten konnte ich wohl nicht anders, als mich als ein kleines bisschen selbstverflucht wahrzunehmen. Ein Gespenst ist ein Wieder-Gänger, der sich der Last der Materie entledigt hat, vor allem dieser lästigen Holzscheite.

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