Heft 925, Juni 2026

Faschismus

Über die Hilflosigkeit der Theorie in einer »vom Schein befreiten Welt« von Christoph Paret

Über die Hilflosigkeit der Theorie in einer »vom Schein befreiten Welt«

Es fällt einem schwer, irgendetwas Böses über die neuen Faschisten zu sagen, das diese nicht immer schon von selbst kundgetan hätten. Hierin liegt das Problem aller »Theorien des Faschismus«: Sie können gar nicht so viel enthüllen, wie die Faschisten über sich immer schon demonstrativ enthüllt haben, und das viel schneller und evidenter als jede Theorie es vermöchte. Der Faschismus versteckt sich nicht, er muss nicht aus Indizien erschlossen werden. Wenn eine Gegenwart faschistisch ist, dann insofern, als in ihr vormals untergründig Wirkendes ans grelle Licht tritt, so theorielos wie stumpfsinnig. Alle sehen alles, und Adorno und Horkheimer haben das wiederum klar gesehen: »Von der faschistischen Gegenwart aus, in der das Verborgene ans Licht tritt, erscheint auch die manifeste Geschichte in ihrem Zusammenhang mit jener Nachtseite, die in der offiziellen Legende der Nationalstaaten und nicht weniger in ihrer progressiven Kritik übergangen wird.« Die Gegenwart zeigt sich demnach niemals als faschistische, sie ist umgekehrt faschistisch, insofern sie sich ganz offen zeigt, und in ihr »das Verborgene« ans Licht tritt.

Doch die manifeste Geschichte mit ihrer Nachtseite in eine grundlegende Verbindung zu bringen, war immer schon das Geschäft des kritischen Theoretikers, bevor es zur Praxis des Faschisten wurde. Bevor Faschismus zum Gegenstand kritischer Theorie werden kann, muss man sehen, dass beide mit der Aufdeckung des Untergründig-Abgründigen dieselbe Grundoperation teilen: Es ist beiden gemein, die Fassade nicht zu wahren, und den »Stein auf[zu]‌heben, unter dem das Unwesen brütet«. Der Unterschied zwischen Theorie und Faschismus liegt nicht in der Aufdeckung per se, sondern darin, ob diese Aufdeckung klagend-anklagend oder hohnlachend geschieht. Das kommt bei Adorno und Horkheimer etwa in der Befürchtung zum Ausdruck, »daß die flüchtig getarnte Identität aller industrieller Kulturprodukte morgen schon offen triumphieren mag, hohnlachende Erfüllung des Wagnerschen Traums vom Gesamtkunstwerk«. Was fast ein Sieg des kritischen Theoretikers gewesen wäre, der kleine Triumph im Offenlegen der Dinge, wie sie nun mal leider liegen, wird also zum offenen Triumph und Triumph des Offenen im faschistischen Hohngelächter, wobei man vorsichtig anmerken möchte, dass das, was die Theorie in solchen Angelegenheiten hätte zustande bringen können, angesichts einer ohnehin nur flüchtigen Tarnung ohnehin keine Glanzleistung gewesen wäre.

Gunnar Hindrichs’ scheinbar so unschuldige methodische Vorüberlegungen zu dem, was eine Faschismustheorie zu leisten hätte (»Faschismustheorien suchen in dessen Erscheinungen sein Wesen zu erfassen«), verfehlen somit von vornherein den Punkt, dass der Faschismus den Moment markiert, in dem die Erscheinungen des Liberalismus sich in ihrem – faschistischen – Wesen zeigen. Anders gesagt: Es gibt keine »Erscheinungen« des Faschismus, beziehungsweise solange es noch »Erscheinungen« gibt, gibt es den Faschismus nicht. Faschismus ist die Herrschaft des Unvermittelten ebenso sehr, wie er die unmittelbare Herrschaft ist. Er geht nicht nach dem Liberalismus andere Wege, er verschmäht einfach nur die Umwege, die der Liberalismus ging. Wiederum Adorno und Horkheimer: »Mit dem Umweg über den Markt im Innern der Nationen verschwinden auch die geistigen Vermittlungen, darunter das Recht. Denken, das an der Transaktion sich entfaltet hatte, als Resultat des Egoismus, der verhandeln mußte, wird zum Planen der gewaltsamen Aneignung. Als reines Wesen des deutschen Fabrikanten trat der massenmörderische Faschist hervor, nicht länger vom Verbrecher unterschieden als durch die Macht.« Damit ist der besondere ontologische Status des Faschismus benannt: Der Faschist tritt hervor als »reines Wesen« einer vormaligen Ordnung, die noch vermittelt und verkappt war. Wer also nach dem Wesen des Faschismus fragt, erhält von der kritischen Theorie zur Antwort, dass umgekehrt das Wesen der Faschismus ist, als könne die ganze Wahrheit über den Faschismus immer nur darin bestehen, die Wahrheit des Ganzen zu sein.

Natürlich kann man derlei Behauptungen leicht der Paranoia der kritischen Theorie zuschreiben, der zufolge alles in letzter Instanz faschistisch sein muss, und natürlich kann der kritische Theoretiker umgekehrt mühelos mit Verweis auf die nicht abreißende Kette von Ruchlosigkeiten der Gegenwart behaupten, dass sich seine Hermeneutik des Verdachts mittlerweile Tag für Tag bestätigt. Und wirklich verhalten sich, wie Sebastian Huhnholz angemerkt hat, entscheidende Figuren des wirtschaftlichen und politischen Establishments gegenwärtig exakt »wie Inkarnationen der apokalyptischen Traumaufzeichnungen eines paranoiden Antifaschisten«.

Bei dieser endlosen Auseinandersetzung (deren letzte Runde Agamben mit der These von einer innersten Solidarität zwischen Demokratie und Totalitarismus eingeläutet hat) sollte man aber nicht stehen bleiben, ist doch das, was man für die ultimative Bestätigung der kritischen Theorie hätte halten können, von ihrer Bankrotterklärung kaum zu unterscheiden. Die Schwierigkeiten beginnen erst dort, wo die kritische Theorie sich aufs Offensichtlichste bestätigt sieht. Die Lage der Dinge ist zwar so, wie sie es immer behauptet hatte, aber hatte sie nicht zugleich glauben wollen, dass dieser ihrer Behauptung irgendeine Wirksamkeit und Relevanz zukommen müsste? Und hatte sie nicht gerade deshalb annehmen müssen, die Gegenseite müsste, um so sein zu können, wie sie ist, Anstrengungen der Verdeckung unternehmen oder doch wenigstens an einem »notwendig falschen Bewusstsein« kranken? Wie passt das aber dazu, dass es Faschismus immer nur in der schamlosen Variante seiner selbst gibt und als den Willen, ganz bewusst das Falsche zu tun?

Man hat wenig zu lachen in dieser Gegenwart, und wenn Witze erzählt werden, ist immer damit zu rechnen, dass das dann auf eigene Kosten geschieht. So erinnert die Begegnung der kritischen Theorie mit dem Faschismus an den Mann, der unter der wahnhaften Vorstellung leidet, unter seinem Bett lebe ein Krokodil. Seine Therapie macht erkennbare Fortschritte, bis der Patient zur Zufriedenheit seines Analytikers eines Tages nicht mehr bei den Sitzungen auftaucht. Als der Analytiker sich irgendwann bei einem gemeinsamen Bekannten nach dem Wohlbefinden seines Patienten erkundigt, erhält er zur Antwort: »Haben Sie nicht von der traurigen Geschichte gehört? Er wurde von einem Krokodil gefressen«.

Wenn es stimmt, dass man faschistisch entweder rundheraus ist oder aber gar nicht, dann ist Faschismustheorie mit dem Dilemma konfrontiert, entweder wahr und trivial oder aber subtil und falsch zu sein. Sollte beispielsweise Dagmar Herzogs Beobachtung von einer lustvoll zur Schau gestellten »Lust an Aggression, Gemeinheit und Gewalt« im Faschismus zutreffen, erweist diese sich gerade deshalb als Banalität. Sie wiederholt, was ohnehin allen ins Auge springt, weil es allen ins Auge springen soll. Theorie ist dem Faschismus dort noch am ehesten auf der Spur, wo sie am allerwenigsten gebraucht wird, sondern sich in fassungslosem Kopfschütteln erschöpft. Man gewinnt unwillkürlich den Eindruck: In keinem Moment ist der Theoretiker dem faschistischen Geschehen näher, als wenn er anfängt zu lamentieren. Deshalb waren die eigentlichen Wahrheitsmomente der Intellektuellen in der letzten Zeit ihre Litaneien (Karl Schlögels Litanei über Putin, Adam Toozes Litanei über Trump). Faschismus ist, wenn man seinen Kopf nicht einsetzen muss, sondern die Hände über ihm zusammenschlägt. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob diese Beobachtung nun als »kritische« zu verstehen ist oder ob sie nicht vielmehr das Lamento auf einer anderen Ebene fortsetzt.

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