Heft 924, Mai 2026

Midnight Zone

von Claus Leggewie

Das Meer gehört nicht den Tyrannen.

Jules Verne, 1869

Mitternachtszone lautet der Titel einer Ausstellung, die im vergangenen Jahr im Museum Tinguely in Basel eröffnet wurde und in leicht veränderter Anordnung bis Juli 2026 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen ist. Jacques Cousteau und neuerdings James Cameron oder Craig Foster haben uns mit dokumentarischen oder fiktiven Tiefsee-Filmen die angeblich stillen Gefilde der Ozeane näherbringen wollen. Aber kaum jemand ermöglicht ein so immersives und zugleich kritisches Erleben wie der französisch-schweizerische Künstler Julian Charrière, der nicht romantische Bilder von Korallenriffen und Kraken inszeniert, sondern, gestützt auf avancierte Meeresforschung und umfangreiche Expeditionserfahrung, die Bedrohung der Tiefsee mit ihren längst von Bohrplattformen, Kreuzfahrschiffen und Windparks gestörten Klangwelten und Vibrationen zum Vorschein bringt.

Es gelingt dem ambitionierten Taucher, diesen buchstäblich grenzenlosen Raum leiblich erfahrbar zu machen, indem er eine eigens dafür präparierte Fresnel-Leuchte, die in Leuchttürmen verwendet wird, in die Tiefe lässt. Deren beständige Drehung lässt Meeresbewohner und Partikel aufscheinen, als wäre man auf einem Flug durchs Weltall. Die Fische fliehen das ungewohnte Licht nicht, sie umrunden das fremde Objekt. Man bekommt keinen souveränen Rundumblick, sondern nur einen unscharfen Ausschnitt aus einer riesigen Zone, die man, so Charrières klare Botschaft, besser in Ruhe ließe. »Seit Jahrhunderten navigieren wir durch die Welt mit einer terrestrischen Voreingenommenheit und messen nur Landschaften Bedeutung bei, auf denen wir gehen, atmen oder die wir als unser Eigentum beanspruchen können. Die Tiefsee bleibt anders – zu fern, zu fremd, zu unnachgiebig gegenüber menschlicher Präsenz. Doch sie ist keine Leere, sondern ein Archiv, der stille Motor der planetarischen Rhythmen, die ursprüngliche Wiege des Lebens selbst.«

Die Tiefsee soll keine menschliche Sphäre werden, sie soll allein der Biolumineszenz der Unterwasserlebewesen überlassen bleiben, die für Paarung, Tarnung und Beutemachen mit einer chemischen Reaktion ihr Licht selbst erzeugen können. Auch Charrière ist ein Eindringling, doch er möchte die weitere Penetration dieser Orte durch Nassbagger, Roboter und Tauchboote aufhalten und den Fluch überwinden, dass Menschen mit ihrem Wissen über die Natur auch die Herrschaft über sie anstreben. Für alle, die sich dem Schutz der Meere verschrieben haben, ist diese Ausstellung eine Ermunterung in einem Moment, in dem nicht nur Autokraten wie Donald Trump in ihrer Profitgier auf die Extraktion von Rohstoffen in der Tiefsee zugreifen wollen, sondern zugleich auch ein »grüner Kapitalismus« diese Ressourcen für die Energiewende nutzen zu müssen behauptet.

Twilight, Midnight, Abyss, Hades

Der tiefste Punkt der Ozeane liegt bei fast 11 000 Metern im Marianengraben, dem Challenger Deep des westlichen Pazifik. Meeresreliefkarten zeigen langgezogene Bergrücken an den Bruchzonen der Kontinente, ausgedehnte Ebenen und Vulkanspitzen, die bis an die Meeresoberfläche ragen. Trotz der für das menschliche Auge totalen Finsternis, dem extremen Druck bis 1000 Bar und Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Hotspots um die 400 Grad ist die Tiefsee ein wahrer, bis dato kaum berührter Naturpark. Dort leben Kleinstlebewesen, Fische, Quallen, Kraken, Krebstiere plus eine große Zahl völlig unbekannter Spezies. Phyto- und Zooplankton wie Mikroben und Quallen erzeugen den Großteil des Sauerstoffs auf dem Planeten und bilden den Anfang der Nahrungskette.

Die »Twilight Zone« (200 bis 1000 Meter) mit immensen, grün oder rot leuchtenden Fischschwärmen, die bei ihren Auf- und Abstiegen Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre in den Meeresboden mitabsinken lassen und wieder hochbefördern. Die darunter liegende »Midnight Zone« (1000 bis 4000 Meter Tiefe) ist ein Tummel- und Schlachtfeld zwischen heimischen Fischen und den Haien und Walen, denen die Unterlegenen mit genialen Camouflagen zu entkommen suchen. Darunter erstreckt sich der Abyss, zu Deutsch Abgrund (bis 6000 Meter Tiefe), das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde, das so gut wie unbekannt ist. Dort verlaufen die Bruchstellen der tektonischen Platten, an denen die Ozeankruste mit großem Getöse aufbricht und sogenannten »Schwarzen Rauchern« schwarzes Magma entströmt, das sich zu surreal wirkenden Stalagmiten auftürmt. Wo die Photosynthese mangels Sonneneinstrahlung keine Chance mehr hat, findet Chemosynthese statt, was vermutlich der Beginn des Lebens auf der Erde überhaupt war, als die Oberfläche des Erdballs einzig aus Wasser bestand; auf den Ursprung der Evolution zurück verweist im Abyss die singuläre Lebensgemeinschaft von Röhrenwürmern, Yeti-Krabben, Muscheln und Schnecken.

Ganz unten, in der nach dem mythologischen Totenreich Hades benannten Zone, ereignen sich permanente Erdbeben mit gewaltigen Konvulsionen und Bergstürzen, die man erdgeschichtlich weit zurückdatieren kann; weiterhin lösen sie Tsunamis aus und beeinflussen die Meereszirkulation und das Weltklima erheblich. Man darf mit Susan Casey sagen: Das ist nicht das Ende der Welt, das ist der Planet Erde. Auch der »Hades« ist voller industrieller und radioaktiver Abfälle, toxischer Gifte und Mikroplastik, Pestizide und Medikamente und allem, was wir »oben« in den Gulli befördern, da letztlich alles im Meer und am Ende an dessen tiefstem Punkt landet. Weil mit der Störung der marinen Balance die Kapazität der CO2-Senke gemindert wird, droht eine weitere Meereserwärmung und im Atlantik ein Umkippen des Golfstroms.

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