Midnight Zone
von Claus LeggewieDas Meer gehört nicht den Tyrannen.
Jules Verne, 1869
Mitternachtszone lautet der Titel einer Ausstellung, die im vergangenen Jahr im Museum Tinguely in Basel eröffnet wurde und in leicht veränderter Anordnung bis Juli 2026 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen ist. Jacques Cousteau und neuerdings James Cameron oder Craig Foster haben uns mit dokumentarischen oder fiktiven Tiefsee-Filmen die angeblich stillen Gefilde der Ozeane näherbringen wollen. Aber kaum jemand ermöglicht ein so immersives und zugleich kritisches Erleben wie der französisch-schweizerische Künstler Julian Charrière, der nicht romantische Bilder von Korallenriffen und Kraken inszeniert, sondern, gestützt auf avancierte Meeresforschung und umfangreiche Expeditionserfahrung, die Bedrohung der Tiefsee mit ihren längst von Bohrplattformen, Kreuzfahrschiffen und Windparks gestörten Klangwelten und Vibrationen zum Vorschein bringt.
Es gelingt dem ambitionierten Taucher, diesen buchstäblich grenzenlosen Raum leiblich erfahrbar zu machen, indem er eine eigens dafür präparierte Fresnel-Leuchte, die in Leuchttürmen verwendet wird, in die Tiefe lässt. Deren beständige Drehung lässt Meeresbewohner und Partikel aufscheinen, als wäre man auf einem Flug durchs Weltall. Die Fische fliehen das ungewohnte Licht nicht, sie umrunden das fremde Objekt. Man bekommt keinen souveränen Rundumblick, sondern nur einen unscharfen Ausschnitt aus einer riesigen Zone, die man, so Charrières klare Botschaft, besser in Ruhe ließe. »Seit Jahrhunderten navigieren wir durch die Welt mit einer terrestrischen Voreingenommenheit und messen nur Landschaften Bedeutung bei, auf denen wir gehen, atmen oder die wir als unser Eigentum beanspruchen können. Die Tiefsee bleibt anders – zu fern, zu fremd, zu unnachgiebig gegenüber menschlicher Präsenz. Doch sie ist keine Leere, sondern ein Archiv, der stille Motor der planetarischen Rhythmen, die ursprüngliche Wiege des Lebens selbst.«
Die Tiefsee soll keine menschliche Sphäre werden, sie soll allein der Biolumineszenz der Unterwasserlebewesen überlassen bleiben, die für Paarung, Tarnung und Beutemachen mit einer chemischen Reaktion ihr Licht selbst erzeugen können. Auch Charrière ist ein Eindringling, doch er möchte die weitere Penetration dieser Orte durch Nassbagger, Roboter und Tauchboote aufhalten und den Fluch überwinden, dass Menschen mit ihrem Wissen über die Natur auch die Herrschaft über sie anstreben. Für alle, die sich dem Schutz der Meere verschrieben haben, ist diese Ausstellung eine Ermunterung in einem Moment, in dem nicht nur Autokraten wie Donald Trump in ihrer Profitgier auf die Extraktion von Rohstoffen in der Tiefsee zugreifen wollen, sondern zugleich auch ein »grüner Kapitalismus« diese Ressourcen für die Energiewende nutzen zu müssen behauptet.
Twilight, Midnight, Abyss, Hades
Der tiefste Punkt der Ozeane liegt bei fast 11 000 Metern im Marianengraben, dem Challenger Deep des westlichen Pazifik. Meeresreliefkarten zeigen langgezogene Bergrücken an den Bruchzonen der Kontinente, ausgedehnte Ebenen und Vulkanspitzen, die bis an die Meeresoberfläche ragen. Trotz der für das menschliche Auge totalen Finsternis, dem extremen Druck bis 1000 Bar und Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Hotspots um die 400 Grad ist die Tiefsee ein wahrer, bis dato kaum berührter Naturpark. Dort leben Kleinstlebewesen, Fische, Quallen, Kraken, Krebstiere plus eine große Zahl völlig unbekannter Spezies. Phyto- und Zooplankton wie Mikroben und Quallen erzeugen den Großteil des Sauerstoffs auf dem Planeten und bilden den Anfang der Nahrungskette.
Die »Twilight Zone« (200 bis 1000 Meter) mit immensen, grün oder rot leuchtenden Fischschwärmen, die bei ihren Auf- und Abstiegen Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre in den Meeresboden mitabsinken lassen und wieder hochbefördern. Die darunter liegende »Midnight Zone« (1000 bis 4000 Meter Tiefe) ist ein Tummel- und Schlachtfeld zwischen heimischen Fischen und den Haien und Walen, denen die Unterlegenen mit genialen Camouflagen zu entkommen suchen. Darunter erstreckt sich der Abyss, zu Deutsch Abgrund (bis 6000 Meter Tiefe), das größte zusammenhängende Ökosystem der Erde, das so gut wie unbekannt ist. Dort verlaufen die Bruchstellen der tektonischen Platten, an denen die Ozeankruste mit großem Getöse aufbricht und sogenannten »Schwarzen Rauchern« schwarzes Magma entströmt, das sich zu surreal wirkenden Stalagmiten auftürmt. Wo die Photosynthese mangels Sonneneinstrahlung keine Chance mehr hat, findet Chemosynthese statt, was vermutlich der Beginn des Lebens auf der Erde überhaupt war, als die Oberfläche des Erdballs einzig aus Wasser bestand; auf den Ursprung der Evolution zurück verweist im Abyss die singuläre Lebensgemeinschaft von Röhrenwürmern, Yeti-Krabben, Muscheln und Schnecken.
Ganz unten, in der nach dem mythologischen Totenreich Hades benannten Zone, ereignen sich permanente Erdbeben mit gewaltigen Konvulsionen und Bergstürzen, die man erdgeschichtlich weit zurückdatieren kann; weiterhin lösen sie Tsunamis aus und beeinflussen die Meereszirkulation und das Weltklima erheblich. Man darf mit Susan Casey sagen: Das ist nicht das Ende der Welt, das ist der Planet Erde. Auch der »Hades« ist voller industrieller und radioaktiver Abfälle, toxischer Gifte und Mikroplastik, Pestizide und Medikamente und allem, was wir »oben« in den Gulli befördern, da letztlich alles im Meer und am Ende an dessen tiefstem Punkt landet. Weil mit der Störung der marinen Balance die Kapazität der CO2-Senke gemindert wird, droht eine weitere Meereserwärmung und im Atlantik ein Umkippen des Golfstroms.
Extraktion
Die Bilder und Geschichten, Töne und Vibrationen, die man in Charrières Ausstellung erleben kann, sind nicht nur eindrucksvoll, sie vermitteln zugleich den dringenden Appell, auch in der Tiefsee möglich werden zu lassen, was auf der Erde bei den Kohlereserven gelungen ist: Rohstoffe in großer Fülle unangetastet im Boden zu lassen. Tatsächlich ist die Gefahr extrem groß, dass die Ozeane schon bald bis in die tiefsten Tiefen in großem Maßstab für den Abbau von Rohstoffen erschlossen werden. Ausgedehnte Felder mit polymetallischen Knollen, die über Jahrtausende gewachsen sind, wecken den Extraktionshunger von Unternehmen und den Rentenhunger von Staaten, denn sie enthalten Mangan, Kupfer, Nickel, Kobalt und vieles mehr, was der Rohstoffweltmarkt heute begehrt.
In der 7000 Kilometer langen Clarion-Clipperton-Zone zwischen Hawaii und Mexiko, oberflächlich betrachtet eine leblose Unterwasserwüste, tatsächlich aber außerordentlich artenreich und als Sauerstoffquelle im Pazifischen Ozean unverzichtbar, sind bereits Claims für die künftige Nutzung abgesteckt. Da die Tiefsee (noch) nicht im Besitz von Staaten oder Privatleuten ist, gilt sie völkerseerechtlich als Erbe der Menschheit. Das klingt zunächst wie eine gute Nachricht, denn ein solches Erbe wäre eigentlich zu schützen und zu bewahren. Tatsächlich jedoch droht auch hier die bekannte »Tragik der Allmende«: Gemeinschaftsgüter werden regelmäßig übernutzt und unzureichend vor Überausbeutung geschützt.
Um den spezifischen Charakter und die Dynamik der in Aussicht genommenen Extraktion zu verstehen, muss man den Bergbau zu Lande betrachten. Bereits in der Stein- und Bronzezeit wurden Feuersteine, Obsidian und Erze abgebaut, ohne Bergbau in riesigem Maßstab wäre die Industrialisierung nicht möglich gewesen. Bodenschätze für die menschliche Entwicklung zu nutzen, die dazu notwendigen Technologien zu erfinden und zu verfeinern, Fundorte zu vermessen und systematisch zu bewirtschaften, Bergbau somit als hochgeschätzte Profession in einer arbeitsteiligen Gesellschaft zu betreiben und seine Produkte überregional zu handeln, ist offenbar eine Konstante der Menschheitsgeschichte.
Im historischen Rückblick zeigt sich dabei eine Steigerung extraktiver Methoden von einfachen Ursprüngen über die schon höchst brachiale Akkumulation der frühkapitalistischen Ökonomie bis hin zu der wahren Tabula rasa heutiger Rohstoffausbeutung, deren Extensionen in die Breite und Tiefe man angeblich vom Mond aus, auf jeden Fall aber von Raumschiffen aus sehen kann. Extraktivismus ist eine sinistre, nicht selten blutige Wirtschaftsform, die mit der Landnahme scheinbar herrenloser Gebiete, der Vertreibung indigener Völker, der kompensationslosen Umweltzerstörung und der ungleichen Arbeitsteilung zwischen Rohstoffexporteuren im Süden der Weltgesellschaft und der verarbeitenden Industrie im Norden einhergeht. Wenn die diffuse Rede vom »Global South« einen Sinn haben soll, dann in diesem kolonialen Muster der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft, deren Profiteure freilich in beiden Hemisphären angesiedelt sind.
Der Extraktivismus war der Motor der primären Globalisierung in der Kolonialzeit und ist mit der politischen Dekolonisation nicht beendet. Der ungleiche Tausch setzte sich postkolonial unter der Regie transnationaler Konzerne fort. Er besteht weiter, wo Gewinne aus Rohstoffexporten für Sozial- und Entwicklungsprogramme Verwendung finden sollen, eine Gesellschaft aber in der Regel im »Ressourcenfluch« belässt. Und er hat einen grünen Anstrich bekommen, seit postfossile Rohstoffe zur Sicherstellung der ökologischen Transformation gefragt sind und der Modus der Extraktion dann bestehen bleibt. Während er von grüner Seite immerhin in Gang gesetzt wurde, um Folgen menschengemachten Klimawandels abzumildern, zielt die auf die Ausbeutung fossiler Rohstoffe fixierte Parole »Drill, baby, drill!« (Donald Trump) unverblümt auf dessen Leugnung oder Bagatellisierung: zwischen Anthropozän und Autokratie besteht ein zu wenig beachteter Zusammenhang.
In den Ozeanen begann der Extraktivismus mit der Fischerei. Während traditionell lokale Gemeinschaften die verfügbaren Fischreserven unter Kontrolle zu behalten versuchten, um ihre Einkünfte nicht zu ruinieren, zerstörte das Vordringen großtechnisch ausgerüsteter Fangflotten mit ausgedehnten Schleppnetzen nicht nur die lokale Fischerei, sondern auch die Lebensgrundlagen der Lebewesen in der Tiefsee, die langsamer nachwachsen und wenig Nachwuchs produzieren, und damit insgesamt die Zusammensetzung und Dynamik der Nahrungsnetzwerke im Meer. Ein Kollateralschaden zusätzlich zum absinkenden Plastikmüll und achtlos über Bord geworfenen Fischereimaterial wie Netze und Leinen, das den Tod von Meeresorganismen herbeiführt und ökologisch wertvolle Riffe absterben lässt.
Auch die bis zu 40 000 Kilometer langen Glasfaserkabel, die das Rückgrat der digitalen Weltkommunikation bilden, beeinträchtigen die Ökologie des Meeresbodens. Nicht minder schädlich ist der ständig wachsende Lärm, verursacht durch das Einrammen der Fundamente und den Betrieb von Bohrplattformen und Windparks.
Der Meeresboden an den Küsten ist schon immer auch ein Rohstoffreservoir von Sand und Kies, Zinn und Titan, Gold und Diamanten, hinzu kam die Offshore-Förderung von Erdöl und Erdgas. Seit einigen Jahren stellen sich Teile der Weltwirtschaft auf Dekarbonisierung ein und wollen den in der Industriellen Revolution eingeschlagenen Pfad der Verbrennung von CO2-haltigen Stoffen verlassen. Doch die meisten Industrie- und Schwellenländer steigen lediglich auf eine andere Form von Extraktion um. Da die Erde weitgehend ausgeplündert ist und Mond und Mars riskante Bergbau-Utopien bleiben, bekommt die Tiefsee den fragwürdigen Status einer »next (und womöglich last) frontier«. Von ganz unten im Meer sollen die Rohstoffe kommen, die E-Autos, Windräder und Solarzellen benötigen. Begehrt sind Manganknollen aus den sedimentbedeckten Tiefsee-Ebenen, kobaltreiche Mangankrusten von den Flanken submariner Gebirgszüge und Massivsulfide und Sulfidschlämme aus vulkanischen Zonen, ferner sogenannte Gashydrate im Meeresboden.
Investoren und Staaten inszenieren fast unbemerkt eine regelrechte Rohstoffbonanza, die den »blauen« Freiraum des Planeten Erde besetzt, nachdem aus dem Erdboden und den küstennahen Meeresflächen demnächst alles herausgeholt sein wird, was zu holen war. Es sind vornehmlich die großen Imperialmächte, die ihr Regime in vermeintlich herrenlose Zonen der Meere und die Arktis auszudehnen trachten. »Mine the Volume« nennen Geologen das virtuelle Dreieck zwischen dem konventionellem Unter- und Übertagebau auf der Erde, der Ausbeutung von Rohstoffen im Weltraum und dem künftigen Tiefseebergbau.
Das Paradoxe daran ist: Die für die grüne Dekarbonisierung und die Vermeidung von Umweltzerstörung eingesetzten Technologien treiben ein alternatives Mining voran, dessen umweltschädliche Wirkungen vom Abbau analoger Rohstoffe über Tage bekannt sind und in der Tiefsee womöglich noch übertroffen würden. Denn Meeresbergbau hat einen enormen Flächenverbrauch; pro 5000 t Manganknollen muss mindestens ein Quadratkilometer Meeresboden beackert werden, ganz abgesehen von der Zerstörung des Bodens durch Abbaugeräte und die Trübungswolken, die bodenlebende Organismen (wie Schwämme) abrupt zudecken. Zu befürchten ist eine schwere Störung des biologischen Gleichgewichts in der Tiefsee durch den Entzug von Mineralien und Sauerstoff. So würde sich das neokoloniale Nord-Süd-Gefälle nur in ein Erde-Meer-Gefälle auf Kosten der marinen Natur verlagern und verlängern.
Das Dilemma besteht darin, ob man das Tempo der Dekarbonisierung bremst, um schützenswerte Biotope »unten im Meer« zu retten, oder ob man sie zu opfern bereit ist, damit die ökologische Transformation »auf Erden« zum Nutzen der Spezies Mensch gelingt. Wobei hinzuzufügen ist, dass der Nutzen eines eventuell verlangsamten Klimawandels ohne Biodiversität der Tiefsee gar nicht zu haben ist. Terrestrische und ozeanische Ebenen sind eben nicht zu trennen, beider Wechselwirkung erfordert eine ebenfalls dreidimensionale Wissensordnung, die das Universum als Ausgangspunkt einbezieht.
Der »grüne« Kompromiss (und das sei ohne Häme gesagt) besteht darin, Zeit zu gewinnen, die man angesichts der planetaren Kipppunkte eigentlich nicht mehr hat, und zunächst die ökologischen Folgen des Meeresbergbaus genauer zu erforschen, ihn präventiv auf die Agenda multilateraler Gipfeltreffen und internationaler Organisationen zu setzen und einstweilen ein Moratorium gegen weitere Explorationen und künftige Extraktionen durchzusetzen.
Schutz des gemeinsamen Erbes der Menschheit?
Für den Schutz der Meere setzt sich derzeit ein ganze Reihe supranationaler Netzwerke ein. Initiator sind jeweils die Vereinten Nationen, die fordern, Meere und ihre Ressourcen im Sinn des Nachhaltigkeitsziels 14 (»Leben unter Wasser«) nachhaltig zu nutzen. Dazu gehört der Stopp der Überfischung und entsprechender Subventionen, die Verringerung der Meeresversauerung, die Einschränkung der Plastikabfälle und anderer Meeresverschmutzung, die Wiederherstellung artenreicher Meeres- und Küstenökosysteme und der Ausweis von mindestens zehn Prozent der Meere als Schutzgebiete, des weiteren die wirtschaftliche Förderung kleiner Inselstaaten, der Ausbau von Forschungskapazitäten und Technologietransfers. Parallel dazu bündelte der Europäische Pakt für die Meere vom Juni 2025 Maßnahmen für die Meeresbewirtschaftung mit weiter ausgreifenden Ansätzen, zu denen die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit nachhaltiger Wirtschaftszweige, die Unterstützung von Küsten- und Inselgemeinden, die Verbesserung der maritimen Sicherheit und Verteidigung sowie die Stärkung der EU-Meeresdiplomatie zählen.
Seit 2017 tagten drei Ozeankonferenzen, zuletzt 2025 in Nizza. Der dort vereinbarte Aktionsplan enthält auch ein Moratorium für den Tiefseebergbau und die Ausdehnung der Meeresschutzgebiete; gefordert wurden nationale Prüfsteine zur Erfüllung des Aktionsplanes. Getragen wird diese konsensorientierte Meerespolitik von einer Koalition der Willigen aus rund 60 Staaten. China und die Vereinigten Staaten haben unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert, Russland lehnt das ganz ab. Und US-Präsident Trump unterzeichnete im Juni 2025 ein vertragswidriges Dekret zur Förderung der Tiefseebergbau-Unternehmen, um die »US-Dominanz bei Offshore-Mineralien und -Ressourcen wiederherzustellen«. Die Volksrepublik China wird sich überlegen, ob sie das Abkommen unterzeichnen oder ebenfalls unterlaufen soll.
Explorationen im jeweils eigenen Küstengebiet der 200-Meilen-Zone haben schon begonnen. Norwegen beispielsweise gab 2024 grünes Licht für den Abbau von Erzknollen auf 280 000 Quadratkilometern, um »grüne« Technologien zu fördern und rascher von der Förderung von Öl und Gas loszukommen. Die amtierende Regierung hat den Schritt bis 2029 ausgesetzt, will das aber noch nicht als dauerhaftes Verbot werten. Auch die japanische Regierung meldete kürzlich Test-Bohrungen nahe der Insel Minamitorishima in einer Tiefe von fast sechs Kilometern und die »Bergung« von Meeressedimenten mit Seltenen Erden mit dem Ziel, sich mit eigener Gewinnung Seltener Erden wie Europium, Lanthan, Neodym und Cerium für die Herstellung von Halbleitern in Smartphones, Elektroautos, Windrädern und Raketen aus chinesischer Abhängigkeit zu lösen.
Damit kommt die maritime Exekutive ins Spiel. Einspruch gegen den ursprünglichen Vorstoß Norwegens hatte die ISA (International Seabed Authority mit Sitz in Kingston /Jamaica) erhoben, die die Erschließung des Meeresbodens für den Abbau von Rohstoffen administrieren soll. Die Behörde wurde 1994 mit dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ) ins Leben gerufen, mit dem Auftrag, die Bodenschätze der Tiefsee als »gemeinsames Erbe der Menschheit« zu verwalten. Firmen wie die belgische DEME NV (für Dredging, Environmental and Marine Engineering), weltweit tätig mit Nassbaggern im Offshore-, Wasser- und Küstenbau und anderen Bereichen der Meerestechnik, und der US-Rüstungs- und Technologiekonzern Lockheed Martin stehen in den Startlöchern, um sich Zugriff auf Rohstoffe der Tiefsee, für die Entwicklungsländer Lizenzen haben, zu verschaffen. 2000 wurde ein Kodex für Erkundung und Abbau polymetallischer Knollen verabschiedet, 2016 folgte ein Richtlinienentwurf zur Vergabe von Abbaulizenzen, die in Zukunft über Staaten an Unternehmen erteilt werden könnten. Es kommt offenbar auf die Ausrichtung der Generalsekretäre an; auf den wirtschaftsfreundlichen Briten Michael Lodge folgte 2025 die umweltfreundlichere Brasilianerin Leticia Carvalho.
Die Vereinten Nationen haben damit einen Katalog präventiver und adaptiver Schutznotwendigkeiten aufgestellt und Wege für kollektives und einzelstaatliches Handeln der Mitgliedsländer vorgeschlagen. Doch die maritime Vernunft wird durch hinhaltendes oder ausdrücklich vertragswidriges Verhalten mächtiger UN-Mitglieder unterlaufen, die auch als Vetomächte im Sicherheitsrat sitzen, genau wie analoge Abmachungen in Sachen Biodiversität, Fischerei, Plastikvermeidung und Dekarbonisierung der Schifffahrt. Gezielt wird regelbasiertes durch gänzlich regelfreies Verhalten ersetzt, der raubtierhafte Rohstoffhunger imperialer Mächte und transnationaler Unternehmen untergräbt den Schutz der Meere. Seit der Jahrtausendwende ist der Extraktivismus über und unter Wasser zur geopolitischen Waffe geworden. Willkürliche Zölle, Handelshemmnisse, Gebietsansprüche und militärische Eroberungen aktualisieren das Großraumdenken eines Carl Schmitt. Das Vabanque-Spiel dreier Großmächte in der Arktis, im Pazifik und im Atlantik setzte eine verhängnisvolle Eigendynamik in Gang, während Geoengineering und Terraforming im Verbund mit dem »Volume Mining« die ISA unter Druck setzen.
Im Garten des Oktopus
Kämpft also ein Julian Charrière, genau wie zuvor Sebastião Salgado im Amazonas-Regenwald und Edward Burtynsky mit seinem Anthropocene Project, auf verlorenem Posten um ein verlorenes Paradies? Auf ihrer Seite haben sie Advokaten und Stewards als Stellvertreter-Repräsentanten der Tiefseewelt, die den Kampf um die »Rechte der Natur« auch vor Gerichte bringen. Im Sinne eines konsequent planetaren Denkens müssen so die mehr-als-menschlichen Bewohner der Tiefsee eine Stimme bekommen. Umweltschutz darf sich generell nicht auf die Sicherung sogenannter »Ökosystemdienstleistungen« der Natur für den Menschen beschränken, es gilt vielmehr, den Eigenwert der Tiefsee schätzen zu lernen.
Zwar ist »der Ozean« weder Subjekt noch Kläger, aber ihn repräsentieren im weltöffentlichen Bewusstsein die besonders gut erforschten Wale und Kraken, deren Intelligenz und kommunikative Fähigkeiten allmählich bewusst werden. Lange Zeit waren die Oktopoden in vielen Horrorgeschichten und -filmen als verschlingende Ungeheuer präsent oder als schmackhafte Meerestiere bekannt. Der Netflix-Film My Octopus Teacher (2020) brachte sie einem als Companions nahe, indem er den Oktopus sympathisch macht, weil er so ist wie wir.
Aber Tiefseekenner drehen die Perspektive um: »Heißt ›intelligent‹, dass ein Oktopus tatsächlich denkt? Ist er nicht nur empfindungsfähig, sondern auch bewusst, spürt er nicht nur, sondern ist sich auch dessen bewusst, was er spürt? Wenn ein Oktopus Intelligenz in uns erkennen könnte, wäre das ein Zeichen seiner eigenen Intelligenz? Ist das der Grund, warum er einen zu inspizieren scheint? Gute Fragen, auf die es nur vage Antworten gibt. Dennoch kommt fast jeder, der einem Oktopus begegnet, zu dem Schluss, dass sein Verhalten ›auffallend intelligent‹ ist.« Der australische Philosoph und Tiefseetaucher Peter Godfrey-Smith fordert, nicht länger allein von der (überlegenen) menschlichen Intelligenz auszugehen und die anderer Lebewesen daran zu messen, sondern sich auf Basis gesicherten Wissens vorzustellen, wie umgekehrt ein Oktopus den Menschen auffasst, den er beobachtet, während er selbst durch eine Taucherbrille oder die Glaswand eines Aquariums beobachtet wird.
Hier kommen wir generell auf die planetaren Ursprünge des Menschen zurück. Dass das Nervensystem eines Kraken und das eines Menschen vor Millionen Jahren gleichursprünglich aus einem namenlosen wurmartigen Gebilde im Meer entstanden sind, demonstriert die Entstehung allen Lebens, das als anorganische Materie im Urozean des abgekühlten Planeten Erde begann und daraus organische Moleküle und später komplexe Lebensformen wie Pflanzen, Insekten und die Dinosaurier entwickelte.
Beeindruckend ist, wie sensitiv forschend ein Krake vorgeht. Da seine Eltern kurz nach der Geburt sterben und er als Einzelgänger aufwächst, ist er auf die experimentelle, mit Saugnäpfen und Geschmacksrezeptoren tastende Erkundung seiner Umwelt angewiesen, deren Eigenheiten und Erfordernisse er sich merken kann. Er kann mehr als eine Muschel öffnen oder eine auf den Meeresgrund abgesunkene oder im Aquarium liegende Flasche mit Drehverschluss öffnen. Mittels Körpersprache ist ein Krake auch zu Kooperation fähig, um ein Ziel zu erreichen, wenn er etwa gemeinsam mit einem Zackenbarsch auf Beutefang geht. Ganz offenbar vermag er, Individuen einer anderen Spezies zu erkennen, darunter Menschen, denen er mit Sympathie begegnen kann. Oder sich von ihnen abwenden und den Homo sapiens vermutlich um Millionen Jahre überleben.