Vernünftige Leute träumen auch von der Apokalypse
von Christoph ParetDie Apokalypse würde uns vermutlich weniger nervös machen, wenn die Zuständigkeiten geklärt wären. Stattdessen: ein beklagenswertes Kompetenzgerangel zwischen Massenkultur, Religion, Politik und Wissenschaft. Die Massenkultur liefert spektakuläre Bilder von Kometeneinschlägen, Flutwellen, vereisten Erden. Die Religion eröffnet die Aussicht auf ein letztes Strafgericht. Die Politik bezieht aus der drohenden Apokalypse eine autoritäre Härte. Aus der Forschung schließlich erreichen uns Nachrichten über immer neue Grade der Erdgefährdung. Und man weiß nicht recht: Wird da vom selben Weltuntergang geredet, wozu alle ihr Scherflein beitragen, oder will da jeder nach seiner Fasson untergehen und selig oder unselig werden?
Nur eine Fraktion scheint in seltsamer Versonnenheit bei der Apokalypse außen vor zu bleiben. Es sind die Liberalen. Sie hätten die aufpeitschenden massenkulturellen Endzeitversionen gerne immer schon als »ästhetisches Erlebnis« entschärft, die religiösen Dogmen zur Privatmeinung abgemildert, die politischen Maßnahmen vor dem Hintergrund eines offenen Zukunftshorizonts zur weiteren Diskussion gestellt; und sie stoßen sich daran, wenn jetzt mutmaßlich Wissende die Hauptlinien der Politik vorgeben sollen (Stichwort »Epistemisierung des Politischen«). Nun, das mag ihnen wie ein verantwortlicher Umgang mit einem gefährlichen Thema vorkommen, auf andere wirkt die liberale Ungetrübtheit in endzeitlichen Belangen als ein »nach uns die Sintflut«.
Die liberale Sorglosigkeit wäre vielleicht gewinnender, wenn sich nicht der Eindruck verfestigt hätte, es sei der Liberalismus selbst, um den man sich Sorgen machen müsste. Gut möglich, dass man sich nur um den Preis am Weltuntergang nicht beteiligt, noch vor der Welt unterzugehen. Raushalten gilt nicht angesichts des Weltendes: Liberale, noch eine Anstrengung, wenn ihr Apokalyptiker sein wollt! Doch kann ein Liberaler mitgehen, wenn es um den Weltuntergang geht? Mir fällt nur ein einziger Versuch ein, die Apokalypse für die liberale Sache zu reklamieren, das ist Kants Das Ende aller Dinge aus dem Jahr 1794. Kant billigt dem Gedanken der Apokalypse zu, »mit der allgemeinen Menschenvernunft auf wundersame Weise verwebt [zu] sein, weil er unter allen vernünftelnden Völkern, zu allen Zeiten, auf eine oder andere Art eingekleidet, angetroffen wird«. Was in bestimmten Kreisen mittlerweile als ultimative Beruhigung in Sachen Endzeit gilt – dass nämlich schon oft vom Weltuntergang geträumt und gealbträumt wurde, wobei die Welt noch jeden ihrer Apokalyptiker überlebte –, ist für Kant ein deutlicher Hinweis auf die Vernünftigkeit des Gedankens vom Weltuntergang.
Dass Kant in bestimmtem Sinne Apokalyptiker ist, heißt anderseits nicht, dass er nicht mit anderen Apokalyptikern seine Schwierigkeiten hätte. Von den Gläubigen, den Physikern, den Künstlern, den Politikern grenzt er sich ab, sofern sie Apokalyptiker sind. Die Apokalypse verleite Schwarmgeister zu dogmatischen Behauptungen, die nicht wahrhaben wollen, dass sie von Dingen reden, die »ganz über unserem Gesichtskreis hinausliegen«; sie verführe zu einem falschen Naturalismus, ungeachtet der Tatsache, dass die Idee der Apokalypse »nicht von dem Vernünfteln über den physischen, sondern über den moralischen Lauf der Dinge in der Welt« stammt; der Gedanke des Endes aller Dinge sei zudem von einer »Dunkelheit, in der die Einbildungskraft mächtiger als beim hellen Licht zu wirken pflegt«; und er verleite schließlich eine Politik dazu, sich »mit gebieterischer Autorität« zu bewaffnen.
Man muss die Apokalypse all diesen falschen Anwärtern entwinden, aber nicht, weil sie Anathema sein soll. Vielmehr kann es einen legitimen Gebrauch der Apokalypse geben, ja, es fragt sich, ob die Apokalypse nicht sogar die Bedingung der Möglichkeit unserer Handlungsfähigkeit ist. Die Apokalypse ist »in praktischer Absicht uns von der gesetzgebenden Vernunft selbst an die Hand gegeben«; und noch die vermeintlich physikalische Dimension des Weltendes – das eindrückliche »Abfallen der Sterne vom Himmel als einem Gewölbe, der Einsturz dieses Himmels selbst […], das Verbrennen beider« – ist Kant zufolge der eher kümmerliche Versuch, die vornehmlich moralische Dimension der Apokalypse zu illustrieren. Es gründe sich auf der »Meinung von der verderbten Beschaffenheit des menschlichen Geschlechts, die bis zur Hoffnungslosigkeit groß sei; welchem ein Ende, und zwar ein schreckliches Ende zu machen, die einzige der höchsten Weisheit und Gerechtigkeit (dem größten Teil der Menschheit nach) anständige Maßregel sei«.
Im Weltuntergang offenbaren sich also weniger physikalische als moralische Wahrheiten. Das gilt auch für Geschehnisse, die man momentan wohl als Folgen des Klimawandels verbuchen würde, für die »ungewöhnlichen Naturerscheinungen, […] Stürme und Überschwemmungen, oder Kometen und Luftzeichen«. Ohnehin könnte man Kant zufolge gut und gerne verzichten auf diese »Versinnlichung« des jüngsten Tags »samt seinen moralischen, uns übrigens nicht theoretisch begreiflichen Folgen«. Das Ende der Welt in Gestalt des ein oder anderen Katastrophenszenarios darf einen Kant zufolge kalt lassen und man darf hoffen, dass – nun, nicht gerade, dass die Welt nicht untergeht, sondern dass sie bitteschön besser untergeht und schöner untergeht, dass nämlich »der jüngste Tag eher mit einer Eliasfahrt, als mit einer der Rotte Korah ähnlichen Höllenfahrt eintreten und das Ende aller Dinge auf Erden herbeiführen dürfte«. Ende gut, alles gut.
Aber besser noch, als sich Bilder von einem besseren Ende aller Dinge zu machen, wäre es, sich gar keine Bilder zu machen. Die Apokalypse sollte »allein auf das Übersinnliche (welches nur am Moralischen verständlich ist) bezogen werden«. Man vergesse also die Auskünfte aller Untergangspropheten, mit Ausnahme derjenigen, die man in moralischer Hinsicht sich selbst gegenüber treffen kann, als sein eigener Untergangsprophet. Der Wahlspruch des liberalen Apokalyptikers lautet: Habe den Mut, dich deiner eigenen Apokalypse zu bedienen, ohne Leitung eines anderen!