Heft 929, Oktober 2026

Reise ans Ende der Welt

Japanische Skizzen von Claus Leggewie

Narita heißt der Großflughafen nördlich von Tokio, auf dem die meisten internationalen Flüge ankommen. Um den Airport herum sind klobige Hotels entstanden, in denen Crews flugfreie Tage verbringen und in die Shopping Malls der nahegelegenen Stadt Narita pilgern. Sie sollten einen Umweg über die gewundene Nakamichi dōri, wo man Soba und Aal serviert, zum Narita-san-Shinshō-ji einplanen, ein weites, ansteigendes Areal voller großer und kleiner spiritueller Orte, mit Jahrhunderte alten Zedern, zwei Pagoden, Glockenturm, Teichen und Wasserfall. Und die Abendruhe im Dämmerlicht genießen, wohl wissend, dass im Lauf des Jahres Millionen Pilger zu diesem buddhistischen Tempel kommen werden.

Die Koexistenz dieses ruhigen Ortes mit der Umtriebigkeit seiner Umgebung ist typisch für eine Reise durch Japan, die dem auswärtigen Besucher mit abrupten Wechseln zwischen öden Ausfallstraßen, ausgedehnten Reisfeldern und dichten Waldgebieten als Dauerkontrast »schön« versus »hässlich« vorkommt. Oder auch als Gegensatz von »rund« und »eckig«, wenn man die überwiegend quadratisch-rechteckigen Wohnbauten, Kleinwagen und Schriftzeichen in den urbanen Schachbrettern mit dem Schwung der Gartenanlagen, der Kalligrafie und unbegradigter Wasserläufe vergleicht. Viele japanische Städte und Dörfer sind gitterförmig (als machi) mit rechtwinkligen Straßen und quadratischen Häuserblöcken angelegt. Ein Grund für die Kastenform ist der notorische Platzmangel, der unter anderem zur Züchtung quadratischer Wassermelonen geführt hat, die sich leichter stapeln lassen. Wer eine Wohnung sucht, fragt nach dem Flächenmaß, also wie viele Tatamis von 1,64 Quadratmetern in ein Zimmer oder eine Wohnung passen, in deren Innerem das Runde auch wieder Form annimmt.

Ein Paradies auf Erden

Der »Störfall« am AKW Fukushima Daiichi eröffnete eine kurzfristige Chance für eine grüne Partei in Japan, aber sie konnte sich als politische Kraft im Parlament nicht etablieren und ist auch als außerparlamentarische Anti-Atom-Bewegung nicht sonderlich erfolgreich. Aber auch in Japan hat sich Grün als Signalfarbe für Naturnähe, Energiewende, alternativen Konsum und gesundes Leben verankert. Das Land feiert jeden 4. Mai einen »Tag des Grüns« (midori no hi), der Anlass für Parkbesuche und Pflanzaktionen bietet. Dabei ist Grün in der japanischen Farbenlehre gar nicht fest verankert; es rangiert sprachhistorisch unter »ao« (für Blau), was immer noch für die Ampelfarbe Grün verwendet wird. Midori steht für frische Zweige und Knospen. Die sanfte bis satte Farbskala der Wiesen und Wälder, Büsche und Moose springt einem im Frühsommer ins Auge.

Ein perfekt grün-bläulich schillerndes Beispiel ist in Hiraizumi zu besichtigen, zweieinhalb Stunden nordöstlich von Tokio. Vor langer Zeit hatte die Stadt als Sitz der mächtigen Fujiwara-Adelsfamilie den Ruf eines »Kyoto des Nordens« und war bis ins 12. Jahrhundert ein Zentrum des japanischen Buddhismus. Heute leben nur knapp 8000 Menschen hier und es geht beschaulich zu, wenn nicht eines der zahlreichen Feste stattfindet, zu denen dann Hunderttausende anreisen. Seit 2011 ist Hiraizumi, zu Deutsch »Quelle der Ebene«, UNESCO-Weltkulturerbe. Dessen Hauptattraktion ist der Chūson-ji-Tempel mit dem geheimen Buddha und der goldenen Konjikidō-Halle, in der vier Generationen der Fujiwara begraben sind. Uns zieht es eher an den Rand der Stadt in den außergewöhnlichen Garten am Mōtsū-ji-Tempel. Die Frage, ob der Besuch eines Gartens auch ein religiöser Akt sein kann, wird in Hiraizumi bejaht. Kein Zen-Meditationskurs, keine Zeremonie im Tempel, keine Wallfahrt über Hunderte von Treppenstufen, hier geht man nur eine Runde um einen kleinen See im Zentrum des Tempelkomplexes und lässt sich verzaubern.

»Um die Schönheit eines japanischen Gartens zu begreifen, muss man die Schönheit der Steine verstehen – oder zumindest lernen, sie zu verstehen. Nicht die Schönheit von Steinen, die von Menschenhand abgebaut wurden, sondern die Schönheit von Steinen, die allein von der Natur geformt wurden«, schrieb der irische Japan-Kenner Lafcadio Hearn im 19. Jahrhundert. In großen Städten sind wir an liebevoll bepflanzten Innenhöfen vorbeigeschlendert, eine Teezeremonie nimmt man im schlichten Teegarten. Speziell sind die zur Meditation einladenden Steingärten, in denen Wasser und Pflanzen meist fehlen. Vor allem in großen Tempelanlagen befinden sich ausladende Landschaftsgärten, in denen die drei Elemente Wasser, Steine und Grünpflanzen in einen Trialog treten.

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