Moritz Rudolph im Merkur

Moritz Rudolph, 1989, Redakteur des Philosophie Magazin. 2021 erschien Der Weltgeist als Lachs.
11 Artikel von Moritz Rudolph

Nationalsozialistisch, nicht faschistisch

Der Aufstieg der AfD wird begleitet von einer Debatte darüber, ob die Partei faschistisch sei, wogegen diese sich – erfolglos – mit juristischen Mitteln zur Wehr setzt. Abgesehen davon, dass der Faschismusvorwurf schon für weitaus geringere Abweichungen von der üblichen Denk- und Umgangsweise gebraucht wurde – Habermas bezeichnete rebellierende Studenten als »linke Faschisten«, die sich dafür mit dem Label »Sozialfaschismus« revanchierten –, es also seltsam ist, dass sich die AfD so ziert,

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Der große Freund

Philosophie ist, nach einer berühmten Formulierung Hegels, »ihre Zeit in Gedanken erfaßt«. Die Beschäftigung mit Alltag und News ist daher keine bloße Nebentätigkeit. Auch kein pädagogischer Zusatz, mit dem der Philosoph den Leuten mitteilt, was er im stillen Kämmerlein herausgefunden hat. Sie ist das Material, von dem er lebt, der Unruhepol im eigenen System, der Geist, der alles in Bewegung hält und zu Veränderungen der Theorie führt. Krisenzeiten, in denen die Ordnung ins Rutschen gerät, sind

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Das Leben der Drohnen

Revolutionen treten plötzlich auf und machen große Versprechungen, brauchen dann aber eine ganze Weile, um sie einzulösen – was meist nur auf verschobene Weise gelingt. Das ist in der Politik nicht anders als bei Technologien. Als im 19. Jahrhundert die Luftfahrt begann, ahnten viele, dass dies etwas Großes sein würde. Victor Hugo schrieb 1864: »Erlösen wir den Menschen. Wovon? Von seinem Tyrannen.« Welchem Tyrannen? Der »Schwerkraft«, mit der Krieg, Ausbeutung, Hass und Knechtung »jeden

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Fukuyama City

Zur Berliner Denkart Zunächst dachte man an eine Revolution … Früher einmal war Berlin die Stadt der Revolution, und zwar der ganz großen. Hier verschmolz der deutsche Idealismus mit seinen materialistischen Vollstreckern, als Schelling im Hörsaal auf Engels traf.1 Hier erwartete Lenin den globalen Durchbruch der Revolution, und Rosa Luxemburg beförderte sie nach Kräften. Alles und überall umwälzen, das waren die Dimensionen, in denen man in Berlin dachte, und das wirkte stets etwas größenwahnsinnig, was

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Die Rückkehr des Königs

Zu den wichtigsten Fragen der bürgerlichen Gesellschaft gehört, was nach ihr kommt: Denkbar sind zum Beispiel proletarische oder klassenlose Formationen oder der archaische Zerfall in Banden. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass wir auf etwas anderes zusteuern: auf eine Gesellschaft der Könige, die jenes Herrschaftsprinzip wiederherstellt, das die bürgerliche Gesellschaft einst überwunden hatte. Erzwungen wird dies von Entwicklungen der Technik und vom Druck der Umwelt, also durch Verschiebungen im

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Der Ziz

Der Kampf ist aus Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Herrschaft als Kampf zwischen Leviathan und Behemoth zu erzählen, zwischen Staat und Unstaat, Ordnung und Revolution, Verfestigung und Verflüssigung, Einheit und Zerfall. Daran hat sich seit Thomas Hobbes kaum etwas geändert. Carl Schmitt vertauschte lediglich die Symbole und behauptete, das Seeungeheuer Leviathan (damit zielte er auf Großbritannien und die Vereinigten Staaten) sei aufgrund seiner meerisch-fließenden Existenzweise überhaupt nicht in

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Zerfall und Überschuss

Thüringen als politisches Formproblem Theorie von Thüringen Maßlosigkeit der Mitte: Wenn die Deutschen, wie Thomas Mann von Dostojewski gelernt hatte, ewige Protestanten sind, die sich immer wieder gegen die Welteinheit stellen (was er 1918 gut- und 1945 schlechtgeheißen hatte),1 dann bilden die urprotestantischen Thüringer das Zentrum dieses Unruheherds. Dadurch hat sich Thüringen in der deutschen Geschichte zuverlässig als Ort der unzuverlässigen Zukunft gezeigt, an dem politische Formkrisen, die bald

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Der Weltgeist als Lachs

Geschichtsphilosophische Implikationen des chinesischen Aufstiegs »Mit dem Reiche China hat die Geschichte zu beginnen.«1 Dieser erste Satz der hegelschen Weltgeschichtsphilosophie könnte uns bei der Deutung unserer Gegenwart behilflich sein. Denn wenn wir Hegels Dialektik ernst nehmen in ihrem Anspruch, Anfangs- und Endpunkt in eins zu setzen, so dass sie am Ende wieder »in ihren Ursprung mündet«,2 dann müsste das auch geophilosophisch gelten. Sehen wir die Sache so, dann ergibt sich eine ganz andere Lesart

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Eurofaschismus – Wer gegen ihn ist, könnte für ihn sein

An diesem EU-Wahlkampf fiel auf, wie viele abstrakte Unterstützer Europa hat: Fast alle großen Parteien, Redaktionen, Verwaltungen (»Berlin ist vereint, Europa soll es bleiben. Gib Europa deine Stimme!«) und Unternehmen (Bahn, VW, Spotify, Gesamtmetall und fritz-kola) riefen zur Wahl auf, um »den Rechten« (fritz-kola) das Wasser abzugraben. Ganz abgesehen davon, dass die wichtigste EU-Wahl wohl die deutsche Bundestagswahl ist (und vielleicht noch die französische Präsidentenkür), wo sich entscheidet, was der

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