Freundliche Theorie
Wie können wir habermasianischer als Habermas sein? von Moritz RudolphWie können wir habermasianischer als Habermas sein?
Jürgen Habermas war kaum gestorben, da nutzten das die ersten schon für eine Abrechnung mit seiner Theorie: Zu idealistisch und anspruchsvoll fanden sie die Idee vom herrschaftsfreien Diskurs. Naiv die Vorstellung, unter Menschen könne es so etwas wie einen zwanglosen Zwang des besseren Arguments geben. Sind wir nicht, so die Anti-Habermase, umgeben von Krisen, Kriegen, Unvernunft, Shitstorms im Netz und völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, die das deliberative Ideal, das friedliche Einvernehmen, die Verständigung aller Menschen wie romantische Traumtänzerei erscheinen lassen? Bei einigen hatte man den Eindruck, sie freuten sich, dem zeitgeistmäßig stets so versierten Habermas die aktuelle Weltlage nachträglich aufs deliberative Brot schmieren zu können. »Nimm dies, Habermas!«, riefen sie, »und schweige nun für immer!«, so der triumphalistische Gestus der Realpolitiker, die die Welt lieber in den Kategorien des Theoriekämpfers Carl Schmitt beschreiben als in denen des (späteren) Habermashelden Immanuel Kant.
Dabei hat Habermas nie gesagt, dass die Welt schon so sei, wie er es gern hätte. Nur, dass sie so sein sollte: vernünftig, frei und gleich, verständigungsorientiert und ohne Krieg, im Kleinen wie im Großen. Dass die Welt so noch nicht ist, ist weniger Ausdruck des Scheiterns seiner Theorie als vielmehr ihrer Stichhaltigkeit. Zumindest, wenn es auch Gegenbeispiele gibt – Sternstunden gelungener Verständigung, die zeigen, dass Politik auch auf Großzügigkeit beruhen kann, womit sie der bisweilen unwirtlichen Wirklichkeit Möglichkeitsmaterial liefern. In dieser Idealität war Habermas vielleicht weniger der Hegel der Bundesrepublik als deren Schelling, der, wenn er genau hinhörte, Zukunftstöne vernahm, die nicht mehr vom Staat ausgehen, sondern vom einträchtigen Gewimmel des Volkes unter freiem Himmel, das bei Habermas Zivilgesellschaft heißt.
Wenn wir an Habermas dennoch etwas aussetzen wollen, so müssen wir in eine andere Richtung vorstoßen als die Realpolitiker, nämlich Habermas bei seinem idealistischen Ehrgeiz packen und die Frage stellen: War Habermas vielleicht nicht idealistisch genug? Hat er nicht noch zu viele realpolitische Anteile mit sich herumgeschleppt, die das Deliberieren erschwerten? Steckte in seiner Denkart nicht noch immer zu viel Krieg – der Krieg der Argumente nämlich, der letztlich doch nur verbissen macht und nicht wirklich einsichtig? Seine vier Geltungsansprüche an vernünftig-kommunikatives Handeln – Verständlichkeit, Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit – klingen doch reichlich streng, nicht gerade nach einer einladenden Gesprächsrunde, an der man sich gern beteiligt. Fehlt hier nicht eine fünfte Haupttugend, die die anderen vier überwölbt, anleitet, ihnen mitunter sogar die Unbedingtheit nimmt – nämlich so etwas wie Freundlichkeit, Herzlichkeit oder Wohlwollen? Hätte Habermas vielleicht, damit es wirklich herrschaftsfrei und gemeinschaftlich zugeht, noch idealistischer werden müssen – hyperidealistisch, sur-realistisch, beinahe romantisch, auch wenn es uns realismusgeschädigten Gegenwartsmenschen vielleicht ein wenig unheimlich anmuten mag, wie angenehm die Welt sein könnte, ließe sie sich nur endlich einmal darauf ein?
Der beste Anti-Machiavell seit langem
Habermas galt spätestens seit den 1990er Jahren als Vertreter der Postpolitik, als jemand, der im Windschatten Francis Fukuyamas, der das Ende der Geschichte verkündet hatte, versuchte, herrschaftsfreie Einigung herzustellen, den zwanglosen Zwang des besseren Arguments zum Ideal zu erheben. Denn Politik als Feindschaft unversöhnlicher Kontrahenten schien mit dem Mauerfall überholt. Die Gegner des Liberalismus waren schließlich blamiert. Gegen wen wollte man da noch kämpfen? Es schlug nun die Stunde der reinen Vernunft, der sachorientierten Aushandlung aller öffentlichen Angelegenheiten, ganz ohne ideologisches Gezeter. Anhängern einer Feindtheorie des Politischen, wie etwa Chantal Mouffe, war so viel Eintracht allerdings nicht geheuer. Sie gingen davon aus, dass Menschen erst dann zufrieden sind, wenn sie sich balgen, und fragten sich angesichts Habermas’ großer Einigungseuphorie: Wo bleibt denn da der Streit? Wo der Spaß des Scharmützels? Wo unser Gegner, den wir doch brauchen, um uns selbst zu verstehen?
Gegen derlei Kampfeslust hat sich Habermas stets gewandt. Sie war ihm als Nachklang jener fatalen Kriegsrhetorik, die das 20. Jahrhundert ruiniert hatte, äußerst suspekt. Habermas war der Anti-Krieger par excellence, der Anti-Stratege und Herrschaftsabbauer, der den robusten Politnaturen misstraute. Politik durfte für ihn kein zwieträchtiges Übers-Ohr-Hauen sein, wie es die Zyniker betreiben. So hat Habermas vermutlich den besten Anti-Machiavell seit langem geschrieben. Seine Theorie der Einigung ist eine Theorie der 1980er Jahre, in denen No-Future-Stimmung auf grünen Handlungsoptimismus traf, schwere Zeiten auf universelle Beratschlagung.
In den Achtzigern kam in Frankreich noch eine andere Theorieströmung auf, der eine große Karriere im Reich des Denkens beschieden war: die Postmoderne, das verwegene Spiel mit den Zeichen, mit dem Habermas stets gefremdelt hat; als Vernünftling war ihm der heroisch-verspielte Jargon der Männer aus Paris hochgradig suspekt, so dass er sich genötigt sah, ein ganzes Buch der Verteidigung jener Moderne zu widmen, die man in Paris schon halb überwunden glaubte. Möglicherweise wollte er aber gar nicht so sehr den dunklen Irrationalismus des unklaren Arguments kritisieren, sondern den dunklen Trieb, sich fetzen zu wollen. Nicht unscharfe Argumente, sondern scharfe Waffen waren das, wovor er, der Philosoph des Nachkriegs, sich am meisten fürchtete. Sein eigentlicher Hauptfeind hätte daher vielleicht weniger Foucault oder Derrida heißen müssen – mit dem er sich später dann ja auch sehr gut verstanden hat –, sondern Baudrillard, der Theorie-»Berserker« und »Kool Killer«, den Habermas allerdings nicht einmal erwähnt.
Stattdessen hat er, der Spät-Kantianer, sich an Foucault, dem Nietzsche-Bastler, abgearbeitet, der nur strategisches Reden, Verführung, Strategie und Kampfeslust kannte, weshalb vernunftorientierter Diskurs unmöglich sei, eine Täuschung, die die eigene Kampfposition untergrabe. Ein wirkliches Einvernehmen gebe es nicht, so Foucault, der Diagnostiker des gesamtgesellschaftlichen Wahnsinns, der vielleicht mehr über sich sprach als über die Welt, als er verkündete: Wer Verständigung sagt, wolle betrügen. Habermas widersprach vehement und hielt dem Krieger aus Paris entgegen: Verständigung ist möglich, und die Waffen können durchaus zum Schweigen gebracht werden. So viel Vernunft sollte man der Moderne schon zutrauen, kann man ihr auf ihre alten Tage sogar noch beibringen. Denn die Moderne ist keine Frage der Jugend, wie man in Paris glaubte, sondern der Weisheit. Sie lernt auch im Alter noch dazu. Das ist möglicherweise der Hauptunterschied zwischen Frankfurt und Frankreich.
Ein Mann der Partei
Dennoch wollen wir nicht leugnen, dass auch bei Habermas etwas fehlt. Allerdings ist es vielleicht etwas anderes, als die meisten seiner Kritiker sagen. Es geht nicht um zu wenig Streitlust. Im Gegenteil, Habermas hatte eine große Lust sich zu streiten und schaffte es, die Debattengeschichte der Bundesrepublik beinahe im Alleingang zu schreiben – Heideggers Seinsgeraune, der voluntaristische Aktionismus der Achtundsechziger, der Konservatismus jener Historiker, die von deutscher Schuld nur am Rande sprechen wollten, die bio-bastelnden Gen-Optimierer, die Euroskeptiker – sie alle traf der deliberative Zorn des streitbaren Habermas, der tief in seinem Herzen ein Mouffeianer war, ein heimlicher Schmitt, der bei seinen Abstoßungsversuchen ein bisschen so wurde wie dieser. Es soll sogar vorgekommen sein, dass Habermas, der eigentlich höfliche Mensch, ein wenig unfreundlich wurde. Seine Seminare waren, nach allem, was man hört, nicht nur angenehm. Er konnte Leute bloßstellen und sie, wie sein berühmtester Schüler Joschka Fischer berichtete, mit »6, setzen« in den Orkus des Nachmittags verbannen.