Heft 921, Februar 2026

Abfahrt der Schiffe

von Sibylle Severus

Der Mann schien mir plötzlich ein Wolf zu sein, ein Wolf aus Rotkäppchen. Groß, wie er war, trug er weiße Bäckerhosen und über dunklen Socken Gesundheitssandalen. Er trug eine Kappe auf wolligem Haupt, hatte viel Haar im Gesicht (Brauen und Ringsumbart). Als er seine hellen Augen zusammenzog und mich durch die markante Brille anstarrte, ohne jeden Grund, erschien er mir als Wolf, der seine Hände in Mehl getaucht hatte.

Seine Hände waren außergewöhnlich weiß, innen rosarot.

Mit dem allerdings kurzen Starren – ich erinnere nicht, wer zuerst die Augen senkte – verletzte der Wolf die Spielregel. Sie lautete: Ich, die Alleinunterhalterin; er, seelsorgender Arzt: Wand, Neutrum, keine Gefühle.

Starren ist aber ein Gefühl, meine ich, und erproben, wer es länger aushält, erst recht.

Als ich mich von ihm verabschiedete und fragte, ob er böse sei, weil ich seinen Einladungen zu weiteren Sitzungen (»Wollen Sie darüber sprechen?«) nicht mehr folgen würde, spielte er Wand. Er sagte, es sei sein Beruf, grundsätzlich weder böse noch erfreut zu sein. Was eine reine Behauptung war, aber einleuchtend.

Daraufhin hatte ich heute Nacht geträumt, es seien mir zwei zusammengebundene Blumensträuße gebracht worden, mit einer Doppelkarte. Ich war perplex, dass er nun doch – wie ein Mensch – den Kontakt wieder herstellen wollte und überflog die zutraulichen Worte. Die Botin sah mir dabei über die Schulter. Als ich erwachte, wusste ich die Sätze nicht mehr, doch weiß ich, dass sie mich erfreut hatten.

Nun, im fahlen Morgenlicht, gegen sechs Uhr, fanden sich weit und breit keine Blumensträuße. Vor dem Fenster ein Winter, aber kein wirklicher Winter. Eine Katze sah konsterniert zu mir herauf und wendete sich schließlich von mir ab. In dieser Stellung, die Unterarme auf dem kalten Fenstersims, der Katze nachsehend, die sich in den Hüften davonwiegte, dachte ich lupus ululat, der Wolf heult, dachte meinen Lieblingssatz aus früheren Lateinstunden auf und ab.

Wollte mich der Wolf (oder die Wand) wieder in seiner Praxis haben, dann nur unter der Bedingung, dass ich ihm bei jedem Besuch eine Geschichte vorläse oder erzählte, jeweils achtzehn Minuten, und dass wir ausschließlich über diesen Text sprechen würden. Auch wenn er, der Wolf, nichts und abernichts verstünde, wäre das Erzählen an sich, für mich, ein reines Vergnügen.

Bei der nächsten Sitzung schwieg der Mann. Das Schweigen schien eine Raffinesse seines Berufs zu sein. Eine Stunde Stummsein kostet bei ihm genauso viel wie pausenloses Reden.

»Ein Glückskind bin ich«, so fing ich an, »war ich schon, bevor ich meinen Mann, den Tubisten, heiratete, bevor wir einige lebhafte Kinder hatten. Nie habe ich mir etwas anderes als einen Musiker zum Gatten gewünscht. Ich selbst spiele Fagott: It’s simple to play, so my teachers say. Wenn sich der sinnliche Klang eines Holzblasinstruments mit den tiefen Schwingungen des Blechs der Tuba verbindet, ist das Liebe pur. Es ist Befreiung aus Verstrickungen, Verschmelzung mit dem Wesen der Welt, es ist ein Inbegriffensein – so ungefähr. Il fagotto heißt im Italienischen das Bündel, aber auch der Tölpel. Leider wird kühn behauptet, die extremen Schwingungen des Doppelrohrblatts im Mundstück könnten das Gehirn schädigen.«

Vielleicht war der Mann, der mir gegenübersaß, inzwischen taub. Ebenso gut hätte ich in einen Ofen hineinreden können. Folglich durfte ich, ganz nach meinem Gusto, mich selbst mit meiner Geschichte unterhalten, brauchte nichts zu überstürzen.

Ich sagte: »Jederzeit hatte ich Musik live vom Tubisten, von den Tubaschülern und -schülerinnen. Einzige Einschränkung der reinen Freude an der Musik war unsere Wohnung. Hellhörig. Die Schüler weit entfernt von Meisterschaft. Zusammen mit dem Kinderlärm lag der Pegel der vierventiligen B-Tuben über den erlaubten Dezibel.

Das Wohlbefinden geht bei mir über die Akustik, im Positiven wie im Negativen. Keine Klagen! Aber mein einziger Wunsch war ein schalldichtes Haus: alt, winzig, jedoch mit Keller und Estrich, die Blechblasinstrumente ganz unten, das Holz ganz oben.«

Hier machte ich einige Takte Pause und wartete auf Fragen zum Text, beispielsweise, ob Tuben immer vierventilig seien. Nichts.

Es war mir schon immer ein Leichtes, Unterhaltungen allein zu bestreiten: »Die Annahme, ich sei ein Glückskind, half mir, jeden Wettbewerb mitzumachen und unverdrossen Lose zu kaufen.

Gewonnen habe ich samstagabends in einem heißen Sommer.

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