Heft 895, Dezember 2023

Nachtmusik

von Sibylle Severus

Alle Leute hatten die Wahl gehabt, spazieren zu gehen oder der Einladung des Künstlers in sein Haus zu einem Konzert zu folgen. Dass es ihn überhaupt in der Stadt gab, war so hübsch wie der Vollmond am Nachthimmel.

Das Publikum, das im kleinen Saal des schmalen Hauses saß, hatte am Mond vorbeigehen müssen. Er leuchtete in bestem Goldton, eingepasst in das kreisrun-de Loch eines zwetschgenfarbenen Himmels. Die Leute hatten den Mond angesehen, und das Bild hatte sie sanft gestimmt. Es handelte sich meist um feinfühlige Menschen, die einen vollkommenen Septemberabend zu würdigen wussten.

Dichtgedrängt saßen sie auf hartem Holz. Der Künstler stand auf einem kaum erhöhten Podium, das Blasinstrument in Händen. Als völlige Stille eingetreten war, sagte er: »Ich muss meine weiße Schnur holen!«, und ging.

Das Konzert war nicht wochenlang vorher durch Publicity zum Ereignis gemacht worden. Man war mehr oder weniger unter sich, viele kannten den Hausherrn persönlich. Also lehnte man sich zurück, nahm das unterbrochene Gespräch wieder auf oder las das Programm.

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