Lesungen, vor KI
von Sibylle SeverusUnzählige Lesungen erlebte ich, junge Peter Handkes, die ganze, vor Begeisterung schäumende Suhrkamp-Clique, mit ihrem leidenschaftlichen Verleger. Auch von unzähligen anderen wichtigen Verlagen gab es zu hören. Überhaupt war da ein ständiges Lesen und Summen und Brummen im deutschsprachigen Raum.
Das waren hohe Zeiten der Bücher, der Literatur, der treuen Leser – Zeiten des geistreichen Flirts. Und schon sind sie vorbei.
Jedenfalls besuchte ich vor einiger Zeit noch einmal eine Lesung in Zürich, obwohl ich in meinem Alter keine Lesungen mehr besuche. Wenn ein Werk die Luft zum Schwingen bringt, ein Vers hilft wie ein Gebet, stört es, dem Menschen, der die Imagination geschaffen hat, zu begegnen. Kennt man den Autor oder die Autorin persönlich, ist aller Zauber weg. Der Urheber ist der Kokon, der Schmetterling hat sich befreit. Kokons enttäuschen. Die Kenntnis des Persönlichen eines Autors ist wie der Geruch eines Kleiderschranks, man bringt ihn aus dem Werk nicht mehr weg.
Wenn ein Schreibender das Glück hat, in Zürich ein Buch vorstellen zu dürfen, gibt es dafür kleine Lokale und kleine Kollekten, aber auch exklusivere Events, hier sollte man eingeladen sein. Die ganz wichtigen Anlässe finden in den Aulen der Hochschulen statt. Hier saß einmal, im Auditorium Maximum, ganz weit unten im Hörsaal, ein Nobelpreisträger auf einem Stühlchen. Der Franzose hatte sein schweres Haupt auf die linke Hand gestützt, saß unbeweglich wie sein eigenes Denkmal und ertrug endlose Einführungen, bis er selbst sprechen durfte.
Ist man richtig berühmt (etwa wie Donna Leon), gibt es bei uns das Kaufleuten (1915 vom Kaufmännischen Verband errichtet, der fast an dem Palast zugrunde ging) mit angrenzendem Restaurant, Bar und Club, den die eine Hälfte eines Elektropop-Duos häufig besucht; jene Hälfte, die Halstücher aus teuerster Seide trägt. Neulich hatte der Sänger mit dem im Kaufleuten lesenden Schriftsteller einen bösen öffentlichen Streit.
Der Sänger konnte sich darüber, was Kunst dürfen, können, sagen und wagen muss, nicht beruhigen. Der Schriftsteller schwieg.
Wenn also im Kaufleuten eine Buch-Vernissage stattfindet, kommt man in corpore. Nicht nur alte Damen, deren Ehegatten – diejenigen, die überlebt haben – und einige fast erwachsene Kinder, man sieht auch Herren ab dem Vierzigsten.
An der Kasse wird ungefragt ein Stempel auf die Haut gedrückt wie beim Vieh. Das erinnert mich –
In den starren Sitz hineingegossen, belege ich den Freiraum neben mir mit Tasche und Schal. Spät fädelt sich ein Junger hinein: Zwei Meter hoch, Whiskyglas in der einen, Rucksack in der anderen Hand. Minutenlang erbringt er logistische Höchstleistungen mit dem Verstauen seiner Person und seines Gutes.
Vermutlich schreibt er. Neben ihm ins Gestühl gefaltet zu sein, ist definitiv Gefangenschaft.
Wenn die Kaufleuten-Bühne in hellem Glanz erstrahlt, sieht das Publikum: zwei Sessel, ein Tischchen, fünf gelbe Tulpen, eine Karaffe, zwei Gläser. Auf der anderen Seite: Lesetisch, Lesestuhl, biegsames Mikrofon.
Früher standen die Referenten vor dem Publikum wie Dirigenten vor ihrem Orchester, bald werden sie auf Ruhebetten vorlesen.
Hinter dem Samtvorhang sind drei lampenfiebernde Menschen.
Vor dem roten Sammet sitzen hundert, vielleicht zweihundert, ja dreihundert Leute. Ihre Gespräche weben einen wellenartigen Tonteppich: Gelächterspitzen wie Gischt.
Elastisch, frohgemut, schwarz gewandet betritt die Kuratorin die Bühne und gesteht, dass sie alle aufgeregt seien; auch dass sie, sie ganz persönlich, des Autors Schreiben liebe. Das braucht etwas Mut, denn wichtige Leute, wohlhabende, gebildete Bürger mögen den Dichter nicht.
Schon kommt der Autor mit der Moderatorin, beide Mittvierziger, in Finsteres gehüllt. Dunkles ist die Lieblingsfarbe der Kopfarbeiterschaft. Dabei würde es Rot geben, das Gelb der Tulpen und seit den Achtzigern Pink.
Die Moderatorin hat ein freundliches, helles Gesicht.
Des Autors Miene dagegen war noch nie heiter.
Vor Jahrzehnten begegnete ich dem Schriftsteller zum ersten Mal. Einem mageren Jüngling, der vor Verachtung gegen die ihm gegenüber sitzende Spießerin mit einem flammenden Schweigen deren Gegenwart auslöschte. Eine Stunde Unsichtbarkeit.