Heft 880, September 2022

Vogelfederleichtigkeit

von Sibylle Severus

Im eintönigen Grau der Halle sitzt eine schmale Frau in leuchtend rotem Mantel. Sitzt regungslos, allein, als feuriger Farbfleck in der dämmrigen Zwischenwelt des Flughafens Marco Polo in Venedig. Auch ich bin – wie die Dame – zu früh am Zürich-Gate. Sie ist die Witwe eines Schweizer Schriftstellers, der es noch zu Lebzeiten in den Schulstoff geschafft hatte. Ich setze mich ein paar Reihen hinter die Frau in eine der Hartplastikschalen. Wir beide, zwei Witwen, warten ergeben wie vor dem Altar.

Lange steht unser Propellerflugzeug mit laufenden Motoren auf dem Flugfeld. Bis es plötzlich aufjault und das schwere Gerät sich bewegt. Es erinnert mich an den Adler damals, der bis zum Rand seiner Bergkuppe wankte, um von dort in weiten Bögen, getragen von der Thermik, dem Tal entgegen zu segeln.

Unser Adler aber ist von ältester Bauart. Als er losprescht, drückt es uns Passagiere gegen die Rücklehnen. Neben mir sitzt, der reine Zufall, die Witwe des Dichters. Es mag vielleicht täuschen, »doch ein wenig verbrüht und verbrannt, ja, ja« (Robert Walser) sind wir beide schon, ich und die Witwe des Dramatikers, sie im roten Mantel.

Wir fliegen über braune Wasser und unzählige Inseln flach über die Adria hin. Venetien schwimmt in seinen Lagunen. Sie glitzern und gleißen in der Sonne wie der Satin des Laute spielenden Kindes auf einem Gemälde von Carpaccio.

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