Heft 884, Januar 2023

Fußball Spiele

von Sibylle Severus

Jedenfalls sagte die oberbayerische Hebamme, während sie auf meinen kleinen Hintern haute: »Scho wieder so a damisches Weibsbild!« Es war eine Frage der Höhe des Trinkgelds. So waren die Spielregeln 1937.

Das erste Fußballspiel in einem richtigen Stadion, in einer richtigen Stadt erlebte ich im Alter von zwölf Jahren, kurz nach dem Krieg. Die Pubertät begann mich in Atem zu halten. Doch war ich noch nicht groß genug, von meinem Stehplatz aus über eine Wand von Männerrücken zu sehen.

Vom Spiel begriff ich nichts, war jedoch Teil einer Masse, die schrie wie ein Leib, die pfiff, die jubelte. Das warf eine Gänsehaut über meinen Rücken, sie rieselte hinab bis in die Fersen.

Ähnliches hatte ich als Kind auf dem Schulhof erlebt, wenn die Fahne hochgezogen wurde. Wenn Schüler und Lehrer mit hochgerecktem Arm markige Lieder sangen. Nur eines kriegsversehrten Lehrers rechter Arm ragte nicht in die Luft; er hatte keinen, und der Linke blieb unten.

Schon bei der zweiten Strophe begann mein Arm zu schmerzen. Charlie Chaplin als Diktator knickte den Unterarm immer gleich ab und warf ihn samt Hand nach hinten, als schleuderte er etwas weg, genau wie die Figur, die er spielte.

Im Fußballstadion hätte ich, außer der Faszination, Teil einer gewaltigen Lebendigkeit zu sein, Angst gespürt, wenn mich nicht links ein Cousin und rechts ein angeheirateter Onkel beschützt hätten.

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