Heft 927, August 2026

Hass

von Jens Soentgen

Ätzend

Ich bin so ätzend

Alles zersetzend

Ich bin der Hass.

Deutsch-Österreichisches Feingefühl (DÖF), 1983

Dass wir in einer Zeit leben, in der der Hass wieder, wie in Deutschland bereits zwischen 1918 und 1945, gesellschaftliche Kraft entfaltet, dürfte unbestreitbar sein. Man erkennt es unter anderem daran, dass zuvor sehr selten verwendete Wörter wie etwa »Hassprediger« plötzlich überall auftauchen oder dass Fremdwörter wie zum Beispiel die Hate Speech, das Cybermobbing oder das Stalking innerhalb kürzester Zeit zu großen Themen werden. Gesellschaftliche Integrationsformen, die über die Setzung eines positiven gemeinsamen Ziels, zum Beispiel Klimaschutz oder Umweltschutz, oder auch, wie einst, über gemeinsamen wirtschaftlichen Aufstieg, »Wiederaufbau«, funktionieren, werden ergänzt, wenn nicht ersetzt durch eine soziale Integrationsform, die primär über Ausgrenzung, Stigmatisierung und Hass funktioniert.

Doch was ist überhaupt Hass? Der Duden definiert ihn als »heftige Abneigung; starkes Gefühl der Ablehnung und Feindschaft gegenüber einer Person, Gruppe oder Einrichtung«. Diese Bestimmung folgt einem weithin gängigen, auf den ersten Blick unproblematisch erscheinenden Alltagsverständnis, das den Hass als naturwüchsiges Gefühl begreift – das affektive Gegenstück zur Liebe. So plausibel das zunächst auch klingen mag, so ratsam ist es, dieses Verständnis zu überdenken, weil eine solche Naturalisierung ihren Gegenstand entpolitisiert und enthistorisiert. Der Hass könnte stärker kulturell geformt sein, als es in dieser Bestimmung zum Ausdruck kommt. Zudem sollte man ihn nicht vorschnell als das gleichsam logische Gegenstück der Liebe begreifen, auch wenn Hass ähnlich stark bindet wie Liebe und auch wenn enttäuschte oder gar betrogene Liebe oft in Hass umschlägt. Denn der Hass unterscheidet sich, wie wir bald sehen werden, in wesentlichen Aspekten von der Liebe.

Dass allein der Rekurs auf die individuell affektive Seite des Hasses für das Verständnis des Phänomens nicht genügt, hat bereits Nietzsche deutlich gesehen, an den manche Politikwissenschaftler heute wieder anknüpfen. In den aus seinem Nachlass veröffentlichten Fragmenten spricht er von der »düstere[n] Philosophie des Hasses«, die allerdings noch nicht geschrieben sei. Zusammenhängend, mit klarem Blick und systematisch wurde das Phänomen erst im 20. Jahrhundert bedacht, von einigen jener Philosophen, die den Aufstieg des Nationalsozialismus miterlebten. Sie haben den Hass aus unmittelbarer Erfahrung und Betroffenheit systematisch untersucht und beschrieben. Dabei wurden einige jahrhundertealte Lehrmeinungen, etwa die von der Symmetrie von Liebe und Hass, abgeräumt zugunsten einer differenzierteren Sicht. Hier gilt es heute noch anzusetzen, wenn man dem Phänomen auf Augenhöhe begegnen will.

II

Die erste einschlägige Studie stammt aus der Feder des Publizisten und Philosophen Theodor Lessing. Sie trägt den Titel Dührings Hass und erschien im Jahr 1922 als fast 50-seitiger Langessay im Wolf Albrecht Adam Verlag in Hannover. Der Text entstand anlässlich des Todes des Nationalökonomen und Philosophen Eugen Dühring, der 1921 im Alter von 88 Jahren bei Potsdam gestorben war. Dühring, heute nahezu unbekannt, war zu Lebzeiten eine öffentlich weithin bekannte, höchst umstrittene intellektuelle Figur. 1833 geboren, galt er in den 1860er Jahren als eine der großen akademischen Begabungen seiner Zeit. Er begann als Jurist, befasste sich aber auch mit Mathematik und Volkswirtschaftslehre. Promoviert und habilitiert wurde er im Fach Philosophie, und zwar an der Universität Berlin. Eine brillante, umfangreiche Abhandlung über die Geschichte der Prinzipien der Mechanik gewann einen Preis der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Dühring erblindete, bevor er das 30. Lebensjahr erreicht hatte, und wurde aufgrund dieser Behinderung nicht bei Nachbesetzungen von Professorenstellen berücksichtigt. Weil er zudem etablierte Professoren kritisch angriff, darunter den sehr einflussreichen Hermann von Helmholtz, betrieb man schließlich an der Universität Berlin mit Erfolg seine Remotion, die Aberkennung der Lehrbefugnis.

Weitere Artikel des Autors