Schlamm
von Jens SoentgenI.
Für den durchschnittlichen Stadtmenschen in Mitteleuropa ist Schlamm ein Randphänomen. Er bildet sich hier und da nach langen Regentagen und sammelt sich in den Pfützen. Diese Pfützen halten sich vielleicht ein oder zwei Tage, dann werden sie von der Straßenreinigung entfernt. Wo sie sich länger halten, wo sie in aller Ruhe eintrocknen können, da sieht man, dass der Schlamm in feinen Platten aushärtet, die aus feingepulvertem Material bestehen. Was hier zusammengeschwemmt ist, ist der Staub der Straße, Abrieb des Asphalts, der Autoreifen, der Schuhsohlen, Reste von Hundedreck und Hundepipi; ein wahres Archiv des Stadtlebens.
Oft findet man auf den eingetrockneten Platten oder Plättchen größere Objekte, die in die Pfütze hineingeweht wurden, Blätter, Zigarettenkippen, Plastikreste, ertrunkene Bienen oder Ameisen, manchmal sieht man Trittspuren von Vögeln oder von anderen Lebewesen, die hindurchgelaufen sind, um Wasser zu trinken oder etwas Schlamm für ihr Nest einzusammeln: Schlamm ist ein feines Material, das auch feinste Spuren aufnimmt und festhält, wenn es trocknet. Wie in den Pfützen der Stadt entstanden anderswo, wo mehr Ruhe und noch viel mehr Schlamm war, zum Beispiel in Strand- und Wattregionen untergegangener Meere und Sümpfe, jene Fossilien, die man heute in Museen bewundern kann.
Unter allen Stadt- (und Land)Bewohnern sind es die Kinder, die am liebsten in Pfützen spielen, in Regenmänteln und Gummistiefeln springen sie darin herum, dass der Schlamm und das Wasser in alle Richtungen spritzt. Schlamm ist ihr Ding: eine Materie zwischen Erde und Wasser, mal dicker, mal dünner, ab und zu so plastisch, dass sich aus ihr etwas formen lässt, ab und zu ganz dünn, was aber auch gut ist, weil man dann damit klecksen kann. Eine Materie, die einlädt, sich zu verwandeln, die, wenn man sie sich überall hinschmiert, einen neu und anders aussehen lässt und über die sich die Erwachsenen so herrlich aufregen. In der Kinderliteratur spielt der Schlamm denn auch eine große Rolle und wird sogar manchmal zur Hauptfigur, wie in dem Mud Book von John Cage und Lois Long (1988) oder in We’re Going on a Bear Hunt von Michael Rosen (1989).
Erwachsene hingegen sehen im Schlamm in aller Regel einfach nur den Dreck, weshalb sie sich alle Mühe geben, sich so gut wie möglich von ihm fernzuhalten. Um Pfützen machen sie instinktiv einen Bogen, weil sie sich ihre Schuhe und ihr Outfit nicht ruinieren wollen. Selbst wenn die wenigsten die Verheerungen, die die schwarzbraunen Schlammmassen hinterlassen, die nach Hochwassern die Keller fluten und ganze Häuser durch Schimmelbefall unbewohnbar machen, selbst erleben müssen; selbst wenn einem die schlammige, von Granaten, Panzerketten und Stiefeln aufgewühlte Erde der Kriegsgebiete hierzulande nur als Nachricht oder Filmsetting (zuletzt in Im Westen nichts Neues, 2022) begegnen, löst noch dieser medial vermittelte Schlamm Abwehrreaktionen aus. Auch als Metapher ist der Schlamm fast ausschließlich negativ besetzt: Wer »mit Schlamm wirft«, ist keiner, mit dem man näher zu tun haben möchte, an Schlammschlachten will niemand ernsthaft beteiligt sein.
II.
Auch in der Philosophie ist der Schlamm überwiegend negativ konnotiert, wie das unter Logikern vieldiskutierte Beispiel des Münchhausen-Trilemmas zeigt, das auf jene Szene der berühmten Lügengeschichten anspielt, in welcher der Baron von Münchhausen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf beziehungsweise Schlamm herauszieht.
Das klar Begrenzte erfreut sich trotz Wittgenstein und trotz fuzzy logic weiterhin größeren Ansehens als das Vage, Schwammige, Klebrige, das sein Modell im Schlamm oder im Sumpf hat. Fragt man gar, ob es irgendwo Philosophen gibt, die sich direkt mit dem Schlamm befasst haben, dann wird man in der Neuzeit nicht leicht fündig werden. Auch in jener Schule, die sich mit den Dingen des Alltags zu beschäftigen vorgibt, ist der Schlamm zunächst nicht auffindbar. Sucht man in den Phänomenologien von Husserl oder Heidegger, dann findet man nicht ihn, sondern immer nur sein Gegenteil. Man findet feste, trockene, klar strukturierte, nützliche, nicht nutzlose Gegenstände.
Als typischer Stellvertreter der objektiven Außenwelt taucht hier wie auch sonst in der neueren Philosophie in aller Regel der Tisch auf, der glatte Tisch, über den die Hände sich frei bewegen können, ohne irgendwo hängen oder kleben zu bleiben. Zwar kann auch ein Tisch bekleckert und verdreckt werden, unter anderem mit Schlamm, aber davon ist in den Betrachtungen der gutbürgerlichen Phänomenologen nie die Rede, vielmehr liest man dort nur über ein geometrisches, idealisiertes Objekt, mit dessen Pflege offenbar andere befasst sind. Der Tisch der Phänomenologen ist ein Ding, das die Autonomie des Subjekts in keiner Weise einschränkt, kein Wunder, dass man lieber ihn untersucht als den Matsch, der sie dreist in Frage stellt. Der Tisch steht auf seinen vier Füßen, an ihm wird gedacht, auf ihm wird geschrieben, er trägt, ohne zu murren, was man darauf ablegt, duldet Ellenbogen, herabfallende Popel, Hautschuppen und Haare. Er ist Unterlage und so gefertigt, dass er nur nutzt, niemals stört.