Heft 929, Oktober 2026

Einladung zum Holländer

von Susanne Neuffer

Auf der Einladung ist ein Bild. Natürlich. Bei Trauerfeiern steht jetzt auch immer ein Bild neben dem Sarg, neben der Urne. Es ist aber eine Einladung zu einer Silberhochzeit.

Was sieht man?

Ein Paar, das das gesamte Bild (Postkartengröße) ausfüllt, vorne rechts ein Mann, dunkles Kleidungsstück, das Wams! genannt werden will, schwarzer Hut, plustriger Brokatärmel. Die rechte Hand hält ein Glas hoch.

Links neben ihm die Frau, Rückenansicht, aber das Gesicht ist dem Betrachter zugewandt. Grün- und Gelbtöne herrschen bei der Kleidung vor, eine Goldkette zieht sich über den Rücken, auch in den rötlichbraunen Haaren trägt sie Schmuck.

Bildbeschreibungen habe ich gehasst. Wir sollten uns für die alten Stadtansichten hinter der Weihnachtskrippe interessieren oder für Heuhaufen auf Linolschnitten im Sprachbuch. Man sollte immer mit dem Aufbau anfangen und schöne Wörter für die Details finden.

Wir saßen im Klassenzimmer, an der rechten Wand hing ein einziges Bild. Der »Mann mit dem Goldhelm«. Im Nachhinein wächst der Verdacht, dieses Bild habe über die Jahre hinweg in allen Klassenzimmern gehangen, ich kann mich an kein anderes erinnern, obwohl wir jedes Jahr ein anderes Klassenzimmer bekamen.

Die Übung »Bildbeschreibung« fand im Deutschunterricht statt, nicht im Kunstunterricht. Der alte Kunstlehrer, der immer ganz nah an unseren Tischen stand und uns blühende Zweige pinseln ließ, sagte nie etwas vom Sehen. Die Deutschlehrerin (kurz vor der Pensionierung, alte Bildung, alter Krieg, ockerfarbenes Kostüm) sagte wenigstens: Hinschauen. Der Aufbau ist wichtig. Was ist das Zentrum? Aber dann kamen eben schon die Adjektive. Alles, was die Welt der Malerei zu bieten hatte, konnte mit einem schönen und genauen Adjektiv etikettiert werden.

Die Frau auf dem Bild ist nicht das Dienstmädchen, die Kleidung spricht dagegen, auch der Blick? Die Haltung?

Die Gesichter: Er grinst (lächelt?) breit, sieht die Betrachter an, als wollte er sagen: Geht es mir nicht gut? Vielleicht auch: Geht es uns nicht gut? Die Augen wirken etwas verschwiemelt, er hat wohl schon einiges getrunken. Ihre Augen sind nüchtern, der Mund ist zu, es gibt die knappe Andeutung eines höflichen und jedenfalls interpretationsoffenen Lächelns.

Die Hand liegt auf dem Rücken der Frau, nicht auf dem Hintern, aber schon da, wo sich das Kleid bauscht. Die Hand wirkt sehr groß, wie mit einem Handy fotografiert, und sehr hell, wie das Gesicht der Frau. Sein Gesicht ist eher orangebräunlich, wie der Brokat seines Ärmels.

Am linken Arm endet der Ärmel in einer weißen Spitze, was an Stifter denken lässt, die Erzählung Kalkstein: Der asketische Pfarrer mit der weißen Leibwäsche.

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