Heft 925, Juni 2026

Nüsschen und Novellen

von Susanne Neuffer

Zu den Formen unbehaglichen Zusammenseins gehört (spüre ich und hätte ich wissen können) der Lesekreis. Was ich wusste: Menschen im höheren Erwachsenenalter treffen sich, sitzen um einen langen Esstisch oder (schlimmer) um einen niedrigen Couchtisch und reden mit eingeklemmten Bäuchen über Wesentliches. Das Wesentliche steht in dem Buch, auf das man sich geeinigt hatte und das man gelesen hat.

Ich habe es also gewagt und bin pünktlich einer Einladung gefolgt. Den Mantel hänge ich an die überladene Garderobe, bekomme einen Platz zugewiesen und denke an Conrad Ferdinand Meyer. Der steht nicht auf dem Programm, aber ich denke dennoch an ihn, an irgendeine seiner Novellen, in der Menschen in einer Runde sitzen und sich Wesentliches erzählen. Ich las als Kind Novellen, wenn mir der Lesestoff ausging.

War es Das Amulett? Oder gar nicht Meyer, sondern Keller? Der Firnis der Belesenheit bekommt mit den Jahren Risse, bröckelt. Jedenfalls konnten die Menschen in diesem Genre druckreif erzählen, ohne Unterbrechungen, in epischer Breite. Sie saßen bequem auf den Bänken, die ihnen die Rahmenerzählung bot, tranken aus geputzten Pokalen lokalen oder französischen Wein und aßen nichts dazu, weil sie schon ordentlich gegessen hatten. Es gab immer einen, dem mit großer Selbstverständlichkeit nach kurzem einleitendem Geplauder das Amt des Erzählers zufiel, das war immer ein Mann, immer ein alter Mann – sagt die Erinnerung. Wer sonst hätte etwas zu erzählen gehabt? Offenbar gab es stets einen, der Geschichten auf Vorrat hatte.

Aber wir sind jetzt im Hier, im sanften Grau-Pastell einer skandinavisch gewollten Einrichtung, acht Stühle stehen um einen nackten Holztisch, Tee dampft, Nüsschen zwinkern aus getöpferten Schälchen. Die Gastgeberin, eine Turnschwester, die mich, als sie meine Neigungen und meinen Beruf aufdeckte, spontan eingeladen hatte, eröffnet, stellt die neue Mitleserin vor und reicht die Teekanne herum.

Bedient euch.

Jemand muss den Anfang machen. Alle sind aufgefordert, ihren ersten Eindruck oder ein globales Urteil zu formulieren. Ich habe das Buch immerhin angefangen und sage, als ich an der Reihe bin, dass ich den Einstieg noch recht anregend fand, sich der Plot aber dann doch ein wenig verzettelte. Das mit dem Einstieg wollten wohl auch andere sagen, allerdings mit anderen Folgerungen. Sie haben – soweit ich das sehen kann – ihre Hausaufgaben gemacht, unterstrichen, bunte Post-Its an die Seiten geklebt, Zusammenfassungen oder Urteile in schwarze Hefte geschrieben, in die schwarzen teuren oder in die anderen schwarzen Hefte mit den roten Rücken und Einbanddecken, made in China.

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