Heft 901, Juni 2024

Literaturkolumne

Kaum auszudenken von Hanna Engelmeier
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Kaum auszudenken

Es gibt in Berlin exakt 438 Cafés, die dafür in Frage kommen, ein Vorgespräch für eine Buchvorstellung zu führen, aber wir haben uns in der Caféteria der Akademie der Künste am Pariser Platz getroffen (überteuert, zugig), so konnten wir vorher noch die Ausstellung von Gundula Schulze Eldowy und Robert Frank anschauen (Schulze Eldowy natürlich interessanter).1 Das spielte nur insofern eine Rolle, als wir im Gespräch schnell zum Wesentlichen kommen mussten, weil nicht mehr so viel Zeit bis zum nächsten Termin von Frank Witzel blieb, dessen neues Buch Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts gerade erschienen war.2

Das Wesentliche führte er ganz dezent ein, indem er auf eine Rezension verwies, die zum Vorläuferprojekt des Buchs vor knapp einem Jahr in der Süddeutschen Zeitung erschienen war. Der ehemalige Verleger des Hanser Verlags, Michael Krüger, selbst Autor, Impresario und insofern literaturbetriebliche Entität ersten Ranges, hatte darin den Essay Von aufgegebenen Autoren. 100 Vergessene, Verkannte, Verschollene begeistert besprochen und als Gegenkanon behandelt,3 der von einem, der sich aber wirklich auskennt und vor dem keine Antiquariatskiste, kein Bücherschrank, kein Koffer auf irgendeinem Dachboden, kein Archiv sicher ist, in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen wurde. Er frage sich immer noch, sagte Witzel, ob so ein eminenter Fachmann wie Michael Krüger nicht bemerkt habe, dass ungefähr 90 Prozent der Autorinnen und Autoren, die nun auch in Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts in kurzen Biobibliografien vorgestellt werden, frei erfunden seien. Seine Rezension lasse das in der Schwebe.

Wie außerordentlich höflich kann man sein? Durch die Erzählung dieser Anekdote, mit der Witzel den erfolgreichen Bluff als Kernidee des Buchs darlegte, verschaffte er mir Gelegenheit für eine kurze Umbaupause im Kopf. Ja, ganz erstaunlich, erwiderte ich großzügig, dabei kennt sich Michael Krüger doch wirklich gut aus, wäre ja toll, wenn das Konzept des Buchs so aufgegangen ist. Schnell ging ich im Kopf meine vorbereiteten Fragen und Themen für die Lesungsvorbereitung durch, doch, das würde gehen, irgendwas zum Verhältnis fiktionales und faktuales Schreiben würde ich mir auf die Schnelle schon noch ausdenken können.

Kurze Zeit später sahen wir Michael Krüger ein paar Meter weiter telefonierend durchs Foyer der Akademie gehen, als sei ein Geist herbeigerufen worden. Nach Ende seines Telefonats trat er heran und strich zur Begrüßung Witzel über die Glatze. Stimmt das? Rückblickend kommt es mir zumindest plausibel, wenn auch unwahrscheinlich vor. Ebenso kann es sein, dass mir meine Erinnerung den Satz »Wir haben gerade über Sie gesprochen« ins Gedächtnis halluziniert, jedenfalls weiß ich nicht mehr, wer von uns ihn gesagt haben könnte. Ein Austausch zwischen den beiden Männern folgte, dessen Inhalt in dieser Zeitschrift natürlich an genau der richtigen Stelle wäre, aber aus Diskretion ausgespart bleiben soll.

Dezent beschwieg ich auch, was Krüger und mich verband: Durch den Namen des Verfassers von Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Sicherheit gewiegt, hatten wir beide offenbar nicht einmal Google bemüht, um nachzuschauen, wie es sich zum Beispiel mit der sagenhaften »Schreibschule für junge Frauen« verhielte, die 1952 »in einem alten Bauernhof bei Blaubeuren« ihren Betrieb aufnahm und heute bedauerlicher-, aber doch bezeichnenderweise vergessene Autorinnen wie »Dorothea Remmle, geb. am 15.10.1939 … gest. am 28.5.1958 dortselbst« ausbildete – sollte es sie gegeben haben, kennt ihr Werk zumindest der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek nicht, in dem doch jedes Druckerzeugnis aus Deutschland oder über Deutschland archiviert wird, das seit 1913 in einer Auflage von über fünfundzwanzig Stück erschienen ist.

Witzels Literaturgeschichte, die auf 230 Seiten nach einem assoziativen Prinzip eine Biografie an die andere reiht, bietet in einem ihrer zwei Tafelteile sogar ein Foto von Remmle an, auf dem man sie angeblich mit anderen Schülerinnen des Blaubeurer Instituts bei der Beerdigung ihres Mentors »Diethard Ockel, geb. am 16.8.1901 in Beuren, gest. am 28.5.1957 in Blaubeuren« betrachten kann. Aus der bei Witzel angegebenen Bibliografie Remmles: »Gnadenlose Nacht (1932), Sendungsbewußtsein (1935), Ariadnes verwirrter Faden (1952)«. Michael Krüger verabschiedete sich liebenswürdig und mutmaßlich unaufgeklärt.

Wenn Sie nun Namen wie Diethard Ockel lesen und Titel wie Ariadnes verwirrter Faden und sich fragen, wie man das für bare Münze nehmen kann, dann sei einerseits darauf verwiesen, dass Michael Krüger und ich vielleicht einfach die schöneren Seelen als Sie sind und Interesse daran haben, erst einmal anzunehmen, dass Frank Witzel uns die Wahrheit sagen will (will er ja auch, glaube ich). Andererseits ist es eben nicht unplausibel, dass es einmal eine Schreibschule für junge Frauen in Blaubeuren gegeben hat, nach der heute kein Hahn mehr kräht, und dass es Autorinnen gab, die Dorothea Remmle hießen und fantastische Bücher geschrieben haben, deren früher Tod und schwache Kanonisierung jedoch dazu führt, dass die Kenntnis ihres Werkes eine der Wissenslücken darstellt, über deren Beschaffenheit oder Zustandekommen man nur langsam oder oft gar nicht aufgeklärt wird.

Zuletzt hat Nicole Seifert einiges dafür getan, dem entgegenzuwirken. Vor drei Jahren fasste sie in dem Buch FrauenLiteratur ihre Hauptkritik an einer männlichen Literaturgeschichte so zusammen: »Die Großkritiker wollen in ihrem Kanon keinen Rabatt geben, keinen ermäßigten Tarif, und merken dabei nicht, dass sie genau das tun: Freifahrtscheine vergeben für das, was schon immer dabei war. Die Werke von Autorinnen seien eben, soweit es sie überhaupt gegeben habe, bedauerlicherweise nicht ›stilprägend, typisch, populär‹ gewesen. Im Kern werden zwei Behauptungen bemüht: 1. Frauen hätten kaum geschrieben. 2. Was sie geschrieben haben, sei leider von mangelhafter Qualität und könne nicht mithalten mit den Werken der Männer. Beides ist falsch.«4

Seifert konnte sich bei ihren Ausführungen auf die Arbeiten einer feministischen oder zumindest überhaupt an Geschlechterfragen interessierten Literaturwissenschaft verlassen, die nicht erst seit 2021 die von Seifert genannten Probleme bearbeitet.5 Ungewöhnlich an ihrem Buch war jedoch die Form eines an ein breites Publikum gerichteten Sachbuchs auf akademischer Grundlage – das, was die Historikerin Nina Verheyen »Fachsachbuch« nennt.6 Während Fachsachbücher erfolgreich Themen der Geschichtswissenschaft, Soziologie oder Politikwissenschaft aufgreifen, erscheinen Bücher, die sich wie Seiferts FrauenLiteratur literarische Institutionen, Rezeptionsästhetik oder Kanonisierung vornehmen, zumindest im deutschen Sprachraum (noch) eher selten; gut etabliert und verkäuflich hingegen sind Biografien kanonisierter Schriftsteller.7

Mit ihrem im Februar erschienenen Buch »Einige Herren sagten etwas dazu« – Die Autorinnen der Gruppe 47 bietet Seifert nun eine Vertiefung ihres in FrauenLiteratur entworfenen Programms an, das damit endete, Vorschläge für einen Umbau des literarischen Feldes und insbesondere seiner Wahrnehmung in Kritik und Literaturwissenschaft zu machen.8 Diese Vorschläge mit Blick auf die literarische Gruppierung umzusetzen, die zwar bereits als sausage fest der Extraklasse bekannt ist,9 aber eben auch und vor allem als Extraklasse, ist eine naheliegende, deshalb aber keine schlechte Idee.

Ganz im Gegenteil: Denn es gibt zwar zu den wenigen Autorinnen, die dabeiwaren, und der noch geringeren Zahl derer, die weiterhin auch außerhalb der Literaturwissenschaft gelesen werden (Ingeborg Bachmann, vielleicht auch Ilse Aichinger), schon einiges an Sekundärliteratur, Essays, Radiobeiträgen oder Filmen (im Fall von Gisela Elsner und Ilse Aichinger zumindest auch Letzteres). Aber eine germanistische Überblicksdarstellung lag als Monografie bislang nur in Form der Dissertation von Wiebke Lundius aus dem Jahr 2017 vor.10

Das mag auch daran liegen, dass Geschlecht allein als Kategorie wohl nicht ausreicht, um Texte unterschiedlicher Gattungen mit diversen Themen in den Griff zu kriegen, die von den Nachwirkungen der Gewalt des Nationalsozialismus im familiären Mikroklima bis hin zu Reiseberichten reichen. Und wer einen methodisch avancierten, an literaturwissenschaftlichen Programmen wie Netzwerkanalyse, Medienpraktiken oder poetologischen Verfahren orientierten Zugriff erwartet, wird in Seiferts »Einige Herren sagten etwas dazu« enttäuscht werden.11

Das Verdienst des Buchs ist ein anderes: Es eröffnet mit seinem chronologischen und an einzelnen Autorinnen ausgerichteten Aufbau und mit seiner klaren, jargonfreien Sprache einem breiten Publikum einen Zugang zu der Frage danach, wie die Zuschreibung des weiblichen Geschlechts zu einer Voraussetzung für die Bewertung von Literatur wird. Unübersehbar wird in der Folge, welche Konsequenzen dies für die Zusammensetzung der Gruppe und deren Wahrnehmung beim Publikum und ihrer langfristigen Rezeption als literarisches Phänomen hatte. Sofern man sich zumindest davon überzeugen lässt, es bei der Gruppe 47 mit einem bedeutenden Teil des kulturellen Lebens in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun zu haben, kommt man um die Auseinandersetzung damit eigentlich nicht herum.

Dabei fehlte es auch in den vergangenen Jahren nicht an neuerer Literatur zur Gruppe 47 (Seifert kennt sie genau), die sich sowohl an die Fachgemeinschaft als auch an ein breiteres Publikum richtet.12 Doch selbst diejenigen Beiträge, die bislang im wahrsten Sinne des Wortes Unerhörtes über die Gruppe 47 mitteilen,13 interessieren sich wenig bis überhaupt nicht dafür, was wohl als ein allzu offenkundiges und damit lediglich mit Achselzucken zu würdigendes Phänomen gilt: die homosoziale Dominanz, die auch die Rezeptionsgeschichte noch nach mindestens einem Tabac-Original-Sprühstoß zu viel riechen lässt.14 Hier kann Seifert ansetzen und durch die Möglichkeiten eines Fachsachbuchs ihre literaturwissenschaftliche Expertise mit ihrem Talent als Erzählerin verbinden.

Im ersten Kapitel des Buchs zeichnet Seifert die Entstehungsgeschichte der Gruppe 47 aus der Zeitschrift Der Ruf nach, die größtenteils von ehemaligen Soldaten herausgegeben wurde, unter ihnen Hans Werner Richter, der spätere Organisator der Treffen der Gruppe. Sie stellt aber auch gleich zwei der Autorinnen vor, die 1958 erstmals in Großholzleute im Allgäu ihre Texte zur Diskussion stellten. Ruth Rehmann und Ingrid Bachér erhielten nach ihren Lesungen vor der Gruppe sehr positive Rückmeldungen zu ihren Texten, die noch unveröffentlicht waren. In späteren Darstellungen dieser Tagung überstrahlte ihre Beiträge dann aber doch der Auftritt von Günter Grass, der Auszüge aus Die Blechtrommel las – und damit die Standardsituation für Frauen in der Gruppe 47 beschreibt.15

Das ist nicht nur deshalb schade, weil Bachérs Erzählung Unaufhaltsam vor Jamaika, »ein atmosphärisch dichter Text über eine Frau, die sich als eine von wenigen Reisenden auf einem Bananenfrachter nach Honduras befindet« (Seifert), einen ungewöhnlichen Stoff bearbeitet und sehr lesenswert klingt. Bachér wie auch Rehmann profitierten beide von ihrem Auftritt bei der Gruppe 47 – Rehmann wurde danach Suhrkamp-Autorin, Bachér erhielt Aufträge »bei den großen Feuilletons und Rundfunkanstalten«. Ein wiederentdeckter Roman Bachérs aus den 1960er Jahren erschien noch 2019 im Münsteraner LIT-Verlag.16

Es kann also nicht unbedingt die Rede davon sein, dass die Teilnahme die Karriere der Autorinnen beschädigt hätte – und das ist auch gar nicht Seiferts Argument. In den Fällen der beiden gerade genannten Schriftstellerinnen, wie auch der im Folgenden behandelten Ilse Schneider-Lengyel, Barbara König oder Griseldis L. Fleming (um ein paar der weniger geläufigen Namen zu nennen), geht es ihr eher darum, zu zeigen, wie deren Texte in der Gruppe 47 diskutiert wurden, in welcher Weise sie danach rezipiert und kritisiert wurden und auf welche soziale Situation die Autorinnen in der Gruppe stießen.

Direkt dazu: »›Schöne Mädchen von 15 bis 45 für das Fest‹ bestellte Hans Werner Richter für die Tagung bei Walter Höllerer, dem Gastgeber der Tagung, die 1962 zum fünfzehnjährigen Bestehen der Gruppe in Berlin stattfinden sollte. Er ergänzte: ›Ich habe einen ganzen Stoß Ehefrauen ausgeladen, weil sie mich bei den Lesungen stören. Sie setzen sich immer ganz vorn hin und stören mich mit ihren gekreuzten Butterbeinen in meinem Halbschlaf.‹« Butterbeine nicht willkommen, Autorinnen, die Lust haben, neben ihren Texten vor allem ihr Aussehen, insbesondere ihre Frisur, zur Diskussion zu stellen, hingegen schon.

Beim Lesen des Buchs greint man irgendwann gequält »Bitte nicht schon wieder die Haare«, so sehr scheint die Wahrnehmung von Autorinnen darauf festgelegt. »Einige Herren sagten etwas dazu«, Ingeborg Bachmanns lakonische Zusammenfassung der Diskussion ihrer Texte bei der Gruppe 47 – bezog sie sich vielleicht am Ende doch auf ihr Make-up? Seifert schildert, wie insbesondere Gisela Elsner diesen Punkt aggressiv in ihr self fashioning integrierte. Nicht übel nehmen wollte auch Ilse Aichinger einen 1952 vom NDR-Intendanten Ernst Schnabel organisierten Überraschungstrip der Gruppe 47 in ein Bordell, wo sie gemeinsam mit Ingeborg Bachmann am Rand saß. 1951 fand Aichinger nach dem Fest der Herbsttagung bei der abendlichen Rückkehr in ihr Zimmer einen nackten Mann (Hans Werner Richter: »ein hoffnungsvoller junger Lyriker«) in ihrem Bett vor, während sich Heinrich Böll in einem Sessel in ihrem Zimmer schlafend stellte.

Mag sein: Das sind schwitzige Anekdoten, die als extreme Ausschläge eines Geschehens gelten können, das sich eben auch nicht unabhängig von damals gängigen Sexismen abspielte. Sie treten aber neben eine Form von Kritik, deren Wirkung die eben erwähnte Griseldis Fleming, über die Seifert von allen genannten Autorinnen am wenigsten herausfinden konnte, wie folgt zusammenfasste: »[…] nach dieser Bilanz, es blieb tatsächlich nichts, nicht einmal das Schwarze unter dem Nagel, kann ich nur dankbar sein und froh, endlich den Wert zu wissen, die Hoehe oder die Niederung auf der ich anzutreffen bin und dass nichts mehr erwartet wird, ja nie erwartet wurde«.17

Fleming hatte 1964 beim Treffen im schwedischen Sigtuna Lyrik vorgetragen, zuvor hatte sie erste Gedichte in der Neuen Rundschau und den Lyrischen Heften veröffentlicht. Daraus zitiert auch Seifert; wenn sich auch nicht sehr viel daraus ableiten lässt, so zumindest, dass ein Totalverriss, wie er zu den in der Gruppe 47 vorgetragenen Gedichten erfolgte, schwer zu begründen scheint – allerdings sind die in der Gruppe vorgetragenen Gedichte nie erschienen und auch von Seifert nicht aufzutreiben gewesen. Griseldis Fleming veröffentlichte 1985 in der Reihe »Neue Frau« bei Rowohlt noch einen Roman (Donna. Sizilianische Frauenstunden). Für zwei Euro ist er antiquarisch zu haben. Aber auch wenn alle Leserinnen und Leser dieses Textes nun bei medimops et al. zuschlagen: Als vergessen muss Fleming wohl schon gelten.

Man könnte behaupten, und damit spielt Witzel, dessen bedeutendstes Vorbild bei seiner Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts Roberto Bolaños fiktive Geschichte der Naziliteratur in Amerika ist, dass das Verschwinden und Vergessenwerden eigentlich der Normalfall literarischen Schaffens ist. Und er betrifft ja auch in der Gruppe 47 eher die Mehrheit der Männer, die dort als Autoren antraten. Hat sich zuletzt irgendjemand systematisch (oder von mir aus kursorisch) mit Peter Faecke (1940–2014, letzte Veröffentlichung 2013: Der siebte Zwerg. Der fünfte Fall für Kleefisch) beschäftigt? Armin Eichholz (1914–2007, 1990 Neuausgabe von In flagranti. Parodien) gelesen? Über Hans-Jürgen Soehring (1908–1960, hervorgetreten einzig 1948 mit dem Erzählungsband Cordelia) nachgedacht? Es ist möglich, aber selbst der sinkende Stern eines Autors wie Martin Walser, Gruppe 47-Alumnus des Jahres 1953, leuchtet noch immer heller als die der eben genannten.18

Das liegt zum einen daran, dass Walser sehr viel mehr und kontinuierlicher publiziert hat (begünstigt auch dadurch, dass er nicht wie Soehring im Alter von zweiundfünfzig Jahren ertrunken ist). Natürlich kann man aber auch danach fragen, ob er vielleicht einfach die besseren Texte geschrieben hat – oder anders formuliert: ob Walser seinen Ruhm, dessen Zustandekommen sicherlich auch auf seinen vielfach problematisierten politischen Interventionen beruht, möglicherweise eher verdient hat als die anderen Autoren.

Wer bis jetzt noch keine Zweifel an der Objektivierbarkeit der Kategorie »literarische Qualität« hatte, kann sie durch die Lektüre Seiferts nähren (schon das letzte Kapitel ihres Vorgängerbuchs FrauenLiteratur war mit »Es zählt nur die Qualität! – Über ein fadenscheiniges Argument« betitelt). Mit jedem weiteren Beleg einer Rezension, in der das Äußere einer der Autorinnen der Gruppe 47 mit ihrem Schreiben überblendet wird, entsteht der Eindruck, dass einige Literaturkritiker ohne ein fotografisches Autorinnenporträt keine Rezension zustande bringen. Das ist insbesondere in den Fällen bestürzend, in denen in Nachrufen auf Autorinnen, deren letzte Werke vor gar nicht allzu lang zurückliegender Zeit erschienen sind, alte Stereotype noch immer reproduziert werden, wie im Fall Renate Rasps.

Rasp hatte bei der letzten Tagung der Gruppe 47 in der Pulvermühle in Waischenfeld 1967 erstmals gelesen. In der Süddeutschen Zeitung war 2015 in einem kurzen, aber grundsätzlich anerkennenden Nachruf von ihr immer noch als »literarischer Domina« und »Belle Dame« die Rede.19 Im selben Nachruf, der als wesentliches Element darauf verweist, dass Rasp bei der Buchmesse 1968 im Rahmen einer Lesung ihre Brüste entblößte, wird auf ihre literarische Verwandtschaft mit Gisela Elsner hingewiesen, über die es wie selbstverständlich heißt, dass diese »schon lange vor ihrem Selbstmord 1992 vergessen« gewesen sei.

Die Werkausgabe Elsners, die seit 2006 im Verbrecher Verlag erschien, und der nach Elsner benannte und 2021 erstmals verliehene Literaturpreis haben diesem Vergessen etwas entgegensetzt. Die Bereitschaft, ein Vergessen von Elsner, Rasp oder den vielen anderen von Seifert behandelten Autorinnen als Lauf der Dinge hinzunehmen und nicht als Ergebnis einer historischen Ungerechtigkeit zu erkennen,20 ist jedoch ungebrochen. Und so klingen die Darstellungen der Biografien dieser Frauen bei Seifert teilweise nicht viel anders als die erfundenen Bio-Bibliografien bei Witzel, einzig mit dem Unterschied, dass man zumindest die Namen der Autorinnen der Gruppe 47 vielleicht schon einmal gehört hat.

Witzel baut durch seine Namensfiktionen ein »onomastisches System« auf, in dem der Eigenname als Milieu im biologischen Sinn fungiert, »ein wertvolles, verdichtetes, duftendes Objekt, das man öffnen muß wie eine Blume«.21 Genau das gelingt bei Witzel dadurch, dass er seinen Bio-Bibliografien ein gewisses flavour verleiht, das er als einer der Popularisatoren des Phänomens »BRD Noir« stets aus drei Bestandteilen komponiert: Die Verbindung von überzeugenden Eigennamen (Witzel geht nach eigenen Angaben gern auf Friedhöfen spazieren, um Inspirationen zu sammeln), mittleren bis kleinen bundesdeutschen Städten (Pforzheim, Osnabrück, Euskirchen o.ä.) und die Nennung von genau richtig verblasen klingenden Titeln (Herbsttag über der Bastion, Einhundert Sätze über den Rost, Unzufriedene Widmung o.ä.) lassen eine Form entstehen, die mit immer neuen Stichworten befüllt werden kann. Gerade die Knappheit der Angaben setzt die Fantasie in Gang: Diethard Ockel aus Blaubeuren – sofort ist eine ganze Menge los.

Geschaffen wird damit aber auch eine Art Lebensroman des manischen Lesers Frank Witzel, der eben wirklich keine apokryphe Literaturzeitschrift in einem Archiv zerbröseln lassen kann und der sich selbst unbedingt Rechenschaft darüber ablegen möchte, in welcher Weise sich sein eigener Stil gebildet hat. Das beinhaltet auch eine Frage nach der Ordnung der literarischen Landschaft, die er vorfand, als er zum Leser wurde – es ist dieselbe Landschaft, in der es mit der Rezeption der Gruppe-47-Autorinnen weiterging – oder eben, wie in sehr vielen Fällen, nicht.

Eine gar nicht kleine Rolle spielen in der von Witzel beinahe zu gut erfundenen Landschaft die »Zufrühgekommenen«.22 Witzel berichtet von einem »Kreis von Ethnologen, Anthropologinnen, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, die [sich] nicht nur mit Matriarchiatsforschung und weiblichen Ansätzen der Psychoanalyse« beschäftigten, sondern auch mit Literatur, und Anfang der 1980er Jahre eine Zeitschrift namens Nullnummer planten, »aus der bedauerlicherweise und ohne dass ich heute noch den Grund dafür angeben könnte, am Ende doch nichts wurde«. Überzeugend wirkt dieser Entwurf auch dadurch, dass Witzel Traute Hentsch vom Verlag Roter Stern (die Lektorin gibt und den Verlag gab es wirklich) als die Person nennt, die ihm von dieser Gruppe berichtete. Der fingierte Auszug aus Carlotta Zampieris Anfänge der Parabel ist wunderbar, am besten, Witzel faltet ihn als nächstes zu einem vollständigen Roman aus.

Auch Seiferts Buch versammelt in gewisser Weise viele Zufrühgekommene. Die Frauen der Gruppe 47, die es wagten, sich in den 1950er Jahren mit Fragen des Alltags von Frauen zu beschäftigen, dabei auch das stets und ständig abgewertete Thema Mutterschaft und Familie bearbeiteten, Möglichkeiten von literarischer Introspektion auskundschafteten und diese als Komplement des Politischen etablierten, lägen heute auf der Höhe der Zeit. Das bedeutet im Übrigen nicht, dass sie sich nicht auch heute starker Kritik ausgesetzt sähen, so wie es damals schon der Fall war.

Dass es allerdings bereits damals Formen einer scharfen, dabei aber nicht auf Frisuren fokussierten Kritik gab, die die Autorinnen der Gruppe 47 auch aneinander übten, zeigt Seifert, wenn sie beispielsweise auf die beiden Texte verweist, die Ingeborg Drewitz im Merkur über Gabriele Wohmann geschrieben hat. Drewitz schätzt die Kollegin, aber ihre Literatur passt ihr doch nicht: »[…] die Larmoyanz und hilflose Zur-Schaustellung der diversen Ich-Erzählerinnen irritieren noch in der zynischen Maskierung, denn sie decken die Unsicherheit des Ich hinter den Maskierungen nur zu«.23 Um so über eine Kollegin zu schreiben, mit der persönlich zusammenzutreffen in der Zukunft nicht unwahrscheinlich ist, braucht es einige Selbstsicherheit. Daran fehlte es auch anderen Autorinnen im Tonfall ihrer Texte nicht, wie Seifert zeigt. Sie legt aber auch unmissverständlich dar, welchen Preis sie dafür vielfach zahlten.

Das kritische Projekt, das Seifert und Witzel einmal mit den Mitteln eines Porträts der Gruppe 47, einmal mit den Mitteln der Fiktion verfolgen, überlagert sich in dem Anliegen, die Dominanz der Erzählungen darüber aufzubrechen, was »die« Literatur einer bestimmten Zeit gewesen sei (Witzel hält sich wie Seifert vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf). Die heitere Ironie, die aus den liebevoll erdachten Romantiteln spricht, die Witzel seinen erfundenen Autorinnen und Autoren zuschreibt, wird zu einer eher düsteren Realität, wenn man bei Seifert lauter unbekannte Titel liest, bei deren Autorinnen teils erst einmal der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Orientierung anbieten muss. Die Zuwendung, die beide (vormals) Ruhmlosen der Literatur schenken, ist dabei nicht nur eine schöne Geste, mit der das Publikum zu Ausflügen abseits des Höhenkamms der Literaturgeschichte eingeladen wird. Witzel und Seifert geben auch die Frage auf, wen wir aus welchen Gründen lesen. Und: »Was uns entgangen ist«.24 Nicht auszudenken – bis man es tut.

Anmerkungen

1

Profi-Tipp: Wenn man sich nicht so gut kennt, einfach immer in entgegengesetzten Richtungen den Gang durch die Ausstellung antreten, dann vermeidet man, gemeinsam vor der Fotografie zu landen, die die Fotografin mit Selbstauslöser von sich und ihrem Partner im Bett machte, seine Erektion im Goldenen Schnitt verewigt.

2

Frank Witzel, Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Matthes & Seitz 2024.

3

Frank Witzel, Von aufgegebenen Autoren. 100 Vergessene, Verkannte, Verschollene. In: Schreibheft, Nr. 100, 2023.

4

Nicole Seifert, FrauenLiteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2021.

5

Von den wichtigen deutschen Vertreterinnen der deutschen feministischen oder zumindest feministisch gut informierten Literaturwissenschaft zitiert Seifert etliche, u.a. Silvia Bovenschen, Ursula Heukenkamp oder Inge Stephan.

6

Nina Verheyen, Wer schreibt Geschichte für wen? »Fachsachbücher« in Geschichtskultur und Geschichtswissenschaft. In: Cord Arendes u.a. (Hrsg.), Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert. Interventionen zu aktuellen Debatten. Berlin: de Gruyter 2020.

7

Marcel Lepper verweist in der deutschsprachigen Literatur auf Thomas Mann, Robert Musil oder Christoph Martin Wieland und weist auf die erheblichen Bedeutungsunterschiede von Biografien bei Publikum und Forschung hin: »Bemerkenswerter ist, dass diese Bücher im Forschungs- und Lehrbetrieb kaum eine Rolle spielen, während sie in der Öffentlichkeit als Meisterleistungen eben dieses Betriebs gefeiert werden.« Marcel Lepper, Neue Literaturgeschichte. Ein Darstellungsproblem und drei Auswege. In: Merkur, Nr. 891, August 2023.

8

Nicole Seifert, »Einige Herren sagten etwas dazu«. Die Autorinnen der Gruppe 47. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2024.

9

#NotAllSausages: Die Gruppe 47 war insgesamt nur für eine Sorte Teilnehmer gedeihlich. Frauen gehören nicht dazu, einige Männer aber auch nicht. Zu ihnen gehört beispielsweise Paul Celan, der beim Treffen der Gruppe 1952 in Niendorf erstmals sein Gedicht Todesfuge vortrug und von den anwesenden Autoren (teils engmaschig in den Nationalsozialismus verstrickt und durch unterschiedlich aufrichtige Versuche aufgefallen, sich damit auseinanderzusetzen) hart angegangen wurde. Ingeborg Bachmann beschrieb ihren Eindruck so: »Am zweiten Abend wollte ich abreisen, weil ein Gespräch, dessen Voraussetzungen ich nicht kannte, mich plötzlich denken ließ, ich sei unter deutsche Nazis gefallen.« Zit. n. Cornelia Epping-Jäger, »Diese Stimme mußte angefochten werden«. Paul Celans Lesung vor der Gruppe 47 als Stimmereignis. In: Günter Butzer /Joachim Jacob (Hrsg.), Berührungen. Komparatistische Perspektiven auf die deutsche Nachkriegsliteratur. München: Fink 2012. Den Antisemitismus in der Gruppe 47 hat vor allem Klaus Briegleb thematisiert: Mißachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: »Wie antisemitisch war die Gruppe 47?«. Berlin: Philo Verlag 2003.

10

Wiebke Lundius, Die Frauen in der Gruppe 47. Zur Bedeutung der Frauen für die Positionierung der Gruppe 47 im literarischen Feld. Berlin: Schwabe 2017. In der Frühphase der Forschung zur Gruppe 47, die mit Heinz Ludwig Arnolds text+kritik-Band 1980 Fahrt aufnahm, gingen in dem von Jürgen Schutte herausgegebenen Katalog zur Ausstellung Dichter und Richter. Die Gruppe 47 und die deutsche Nachkriegsliteratur in der Berliner Akademie der Künste vom 28. Oktober bis 7. Dezember 1988 sowohl Irmela von der Lühe als auch Ingrid Bachér gesondert auf die Rolle der Frauen ein.

11

Das gilt allerdings auch für die materialreiche und lesenswerte Dissertation von Wiebke Lundius, die vor allem dokumentarischen Anspruch erhebt und sich analytisch vor allem auf Bourdieus Habitus-Konzept stützt.

12

Jörg Magenau, Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47. Stuttgart: Klett-Cotta 2016; Helmut Böttiger, Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. München: DVA 2012.

13

Jörg Döring, Peter Handke beschimpft die Gruppe 47. Universitätsverlag Siegen 2018.

14

Nach Selbstauskunft des Herstellers wird seit 1959 die »ideale Verschmelzung markanter Maskulinität und klassischer Dufteleganz […] in den verschiedenen Duftwässern [der Produktlinie Tabac Original] unterschiedlich interpretiert.« Wie in der Literatur!

15

Seifert: »Im Jahr 1959 erschienen so viele große Romane, dass es als ›Wunderjahr‹ der Literatur wahrgenommen wurde. Die Blechtrommel wurde veröffentlicht und durchaus kontrovers diskutiert, was die Position der Gruppe 47 aber nur stärkte, die sich so als Vertreterin eines neuen Ansatzes positionieren konnte – gegen vergeistigte Dichtung, für eine neue gesellschaftskritische Literatur. Außerdem erschienen Heinrich Bölls Billard um halbzehn und Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob. Ruth Rehmann wurde mit ihrem ebenfalls 1959 erschienenen Roman Illusionen bei diesem ›Wunder‹ nicht mitgezählt und wird bis heute nicht im selben Atemzug genannt, obwohl sie in diese Reihe gehören würde.«

16

Ingrid Bachér, Robert oder das Ausweichen in Falschmeldungen. Hrsg. v. Henriette Herwig, Sabrina Huber u. Denise Pfennig. Münster: LIT 2019.

17

Zit. n. Seifert, »Einige Herren«.

18

»Wir können es uns heute schlecht vorstellen, aber es mag durchaus möglich sein, dass Martin Walser in fünfzig Jahren, wenn nach ihm auch seine heutigen Leser nicht länger existieren, nur noch hier und da als Name erinnert wird, wie gegenwärtig etwa Paul Wiegler. Einem viel größeren Teil von Autoren ist jedoch noch nicht einmal das vergönnt.« Witzel, Meine Literaturgeschichte.

19

Willi Winkler, Zickzack. In: SZ vom 11. August 2015 (www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-zickzack-1.2603867).

20

Dass diese zumindest einigen Zeitgenossen der Autorinnen der Gruppe 47 nicht entging, thematisiert Seifert fairerweise auch und zitiert Günter Blöcker, der 1968 über Elsner schrieb: »einem männlichen Kollegen [hätte eine Elsnersche Radikalkritik sozialer Verhältnisse] gewiß den Ruf eines Talents von schonungsloser Wahrhaftigkeit und bedeutender Entlarvungskraft eingebracht«. Seifert, »Einige Herren«.

21

Roland Barthes, Proust und die Namen. In: Ders., Proust. Aufsätze und Notizen. Hrsg. v. Bernard Comment. Aus dem Französischen von Horst Brühmann u. Bernd Schwibs. Berlin: Suhrkamp 2022.

22

Witzel bezieht sich auf Rilkes Text Über Kunst [1898], der diesen Begriff einführt: »›Da wacht immer wieder Einer in der Menge auf, der in ihr keine Ursache hat und deren Erscheinen sich in breiteren Gesetzen begründet.‹ […] Nach Rilke ›redet Zukünftiges durch ihn‹, so dass ›seine Zeit‹ ihn beinahe zwangsläufig ›versäumt‹ und er erst nach Jahrhunderten, – ›wenn man seine Standbilder schon nicht mehr bekränzt und sein Grab vergessen ist und irgendwo grünt‹ – im Geist der Enkel zurückkehrt.«

23

Ingeborg Drewitz, Sie drückt ganz schön fest zu aber sie lächelt ja. Die Prosa der Gabriele Wohmann. In: Merkur, Nr. 317, Oktober 1974.

24

Seifert, »Einige Herren«.

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